Gesundheit : Humboldt-Universität: 22 von 2200

Uwe Schlicht

Der Aderlass war enorm. Von 8000 Studenten, die im Jahr 1933 an der damaligen Friedrich-Wilhelms-Universität studierten, haben nach der Machtübernahme durch die Nationalsozialisten 2200 die Universität verlassen. Die meisten waren Juden, und sie zogen die Emigration der Verfolgung in Deutschland vor, andere mussten als politische Gegner des Nationalsozialismus ebenfalls ins Exil oder in den Untergrund ausweichen. Jetzt kehren 22 für eine Woche nach Berlin zurück. Die Humboldt-Universität, die die Nachfolgerin der Friedrich-Wilhelms-Universität ist, hat sie eingeladen. Und wer von den einstigen Studenten aus Israel oder den USA zugesagt hat zu kommen, tat es mit Freude. Für viele ist das Wiedersehen mit dem Berlin von heute ein derartiger Reiz, dass sie selbst im Alter von über 85 Jahren die beschwerliche Reise auf sich nahmen. Die Kosten für den Berlin-Besuch von über 200 000 Mark werden zur Hälfte von Sponsoren aufgebracht.

Für die Humboldt-Universität ist es die letzte Gelegenheit, ihre heutigen Studenten mit den Zeitzeugen von damals zusammenzubringen, und dafür soll es reichlich Gelegenheit geben. Jeder Besucher wird während seines Aufenthalts von Studenten der HU betreut. Zum Schluss der Begegnungswoche findet eine große Podiumsdiskussion zwischen den Studenten von 1933 und den heutigen Studenten im Auditorium maximum statt (Freitag 19. Oktober 16 Uhr 30, Unter den Linden 6).

Der Präsident der Humboldt-Universität, Jürgen Mlynek, betonte vor der Presse, die Universität wolle sich der Verantwortung für die Geschichte stellen. Mlynek wies darauf hin, dass mit der erzwungenen Emigration der besten Wissenschaftler ganze wissenschaftliche Schulen für Deutschland bis heute verloren gegangen sind. Bis 1933 hatte die damalige Friedrich-Wilhelms-Universität allein 29 Nobelpreisträger aufzuweisen. Manche der Zeitzeugen von 1933 haben noch die Bücherverbrennung auf dem Platz vor der Universität miterlebt. Die heutigen HU-Studenten wollen mit einer Ausstellung an die Bücherverbrennung durch Nationalsozialisten und rechtsnationale Studentenbünde erinnern. Sie sollen sogar noch Aschenreste eines verbrannten Buches aufgefunden haben.

Den einstigen Studenten von 1933 wird bei ihrem Berlinbesuch eine Führung durch das Jüdische Museum und durch die Gemäldesammlung Berggruen geboten - Heinz Berggruen war 1933 Student in Berlin, bevor er in die USA wechselte.

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