Gesundheit : Humboldt-Universität: 33 Kilometer Bücher ziehen um

Anne Strodtmann

Die Humboldt-Universität kündigt das Ereignis so an: "33 Kilometer Bücher und fünf Kilometer Akten ziehen um." Man kann die Kilometer auch anders berechnen: 1,5 Millionen Bände finden einen neuen Standort. Diese Großaktion kann man schwer bei laufendem Betrieb organisieren. Schon am 29. Juni schließt daher das Archiv der Humboldt-Universität am Salzufer in Charlottenburg. Die zentrale Universitätsbibliothek, die im hinteren Trakt der Staatsbibliothek untergebracht ist, folgt und muss von 16. Juli bis zum 21. September schließen. Nur die 22 Zweigbibliotheken der Universität bleiben offen.

Was für Studenten und Wissenschaftler ein Nachteil ist, bringt der Universität einen Vorteil. So paradox können Entwicklungen sein. Das große Speichermagazin für die Berliner Universitätsbibliotheken ist nämlich fertig. Jede der großen Berliner Universitätsbibliotheken leidet unter einem Problem: Es gibt mehr Bücher und Zeitschriften, als in den eigenen Magazinen Platz finden.

Deswegen kann man sich von den überzähligen Beständen nicht wie von Ballast trennen. Im Gegenteil: Man muss sie aufbewahren, weil das, was keinen Platz findet, keinesfalls nichts wert ist. In dem ehemaligen Borsigwerk am Eichborndamm in Reinickendorf werden jetzt auf einer Gesamtfläche von etwa 5000 Quadratmetern die Bestände von Humboldt-Universität, Freier Universität und Technischer Universität untergebracht - aber nur jene, die in den jeweiligen örtlichen Unibüchereien keinen Platz finden.

Geplant ist dieses Speichermagazin seit etwa 20 Jahren. Die vorübergehende Schließung, so der HU-Bibliotheksdirektor Milan Bulaty, sei zwar schmerzlich für alle Benutzer, aber mit Sicherheit noch die verträglichste Lösung, da sie nur die Semesterferien über dauert. Die Humboldt-Universität erhält etwa 68 Prozent der neuen Magazinfläche und kann daher ihre bisherigen vier Außenmagazine aufgeben, die über das Stadtgebiet verteilt sind. Die Vorteile liegen auf der Hand: Trotz der relativ großen Entfernung zwischen der Universitätsbibliothek und dem neuen Magazin bedeutet das Arbeitserleichterung, da Bestellungen mit demselben Personal nun schneller bearbeitet werden können.

Die Bücher und Zeitschriften in Reinickendorf lagern unter optimalen klimatischen Bedingungen. Das allein ist für die Humboldt-Uni ein Fortschritt, da ein großer Teil ihrer wertvollen Bestände aus der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts sowie den ersten Jahrzehnten des 20. Jahrhunderts stammt. Bücher, Zeitungen und Flugschriften aus dieser Zeit sind wegen ihres hohen Holzanteils im Papier durch den Säurefraß gefährdet. Unter den guten klimatischen Bedingungen lässt sich der Zerfall des Papiers zwar nicht verhindern, aber verzögern.

Dennoch haben die Mitarbeiter der Unibibliothek einen wahren Kraftakt zu absolvieren. Immerhin sind einschließlich der zahlreichen Dissertationen rund 1,5 Millionen Bände umzulagern, die in den bisherigen Außenmagazinen in Kisten verpackt, nach Reinickendorf transportiert und dort in die neuen Magazine einsortiert werden.

Damit sind die Probleme der Universitätsbibliothek noch längst nicht gelöst. Die Humboldt-Universität braucht ein eigenes Bibliotheksgebäude, und zwar dringend.Denn die HU-Bibliothek ist nur Untermieter in der Staatsbibliothek. Als die Staatsbibliothek 1914 im Ihne-Bau Unter den Linden eingeweiht wurde, war mehr Platz vorhanden, als die damalige Königliche Bibliothek benötigte. Daher zog die Friedrich-Wilhelms-Universität in den hinteren Trakt an der Dorotheenstraße ein. Von Anfang an stand fest: Für die Unibibliothek sollte später ein eigenes Gebäude errichtet werden. Diese Übergangszeit dauert nun schon fast 90 Jahre.

Ende 2001 soll nun mit der Untermiete Schluss sein. So will es die Staatsbibliothek und so hat es der Berliner Senat in der vorigen Legislaturperiode beschlossen. Der Universitätsbibliothek wird nur noch bis zum Jahre 2005 eine Galgenfrist eingeräumt. Denn erst dann werden die Sanierungs- und Restaurierungsarbeiten der Staatsbibliothek im Ihnebau so weit fortgeschritten sein, dass man mit dem Flügel an der Dorotheenstraße beginnen kann.

Planung und Bau einer großen Bibliothek nehmen einen Zeitraum von acht bis zehn Jahren in Anspruch. In glücklichen Zeiten könnte ein Bibliotheksneubau für die Humboldt-Universität in nur fünf Jahren fertig sein. Voraussetzung: Im Planungsverfahren muss alles glatt gehen. Das scheint angesichts der Berliner Verhältnisse ausgeschlossen zu sein. Der Standort für den Neubau ist gesichert: In Nähe der Uni an der Geschwister Scholl Straße ist ein Grundstück für den Neubau vorgesehen.

Die notwendigen Genehmigungsverfahren liegen in einer Arbeitsgruppe der Wissenschafts-, Bau- und Finanzverwaltung fest, weil noch nicht geklärt ist, ob der Neubau europaweit ausgeschrieben werden muss.Berlin hat zwar schon den Antrag beim Wissenschaftsrat gestellt, dass der Bibliotheksneubau in den nächsten Hochschulrahmenplan aufgenommen wird. Aber ohne Klärung des Auschreibungsverfahrens können weder der Wissenschaftsrat noch die Bund-Länder-Kommission für den Hochschulbau entscheiden, dass die Zuschüsse aus Bundesmitteln fließen sollen.

Der Finanzplan sieht so aus:Der Bund bringt die Hälfte der Baukosten auf. Die andere Hälfte soll Berlin beisteuern. Dazu ist die Stadt aber schon längst nicht mehr in der Lage. Also muss die Humboldt-Universität einspringen und die Kosten selbst aufbringen. Ein Teil kann durch Grundstücksverkäufe oder den Wegfall von Mietkosten aufgebracht werden. Der Rest wird dann über Mietkauf finanziert. Der Landeshaushalt bliebe bei diesem Neubau unbelastet.

Bibliotheksleiter Milan Bulaty weist auf die Verpflichtung des Landes hin, der Universitätsbibliothek zu einem angemessenen Gebäude zu verhelfen: "Der damalige Wissenschaftssenator Peter Radunski hat dem Beschluss zugestimmt, dass die Staatsbibliothek den gesamten Gebäudekomplex zwischen Unter den Linden und Dorotheenstraße erhält", sagte Bulaty. Daher solle das Land den Neubau der Humboldt-Bibliothek jetzt zumindest nicht durch unnötige Verzögerungen behindern, wenn es denn schon nicht in der Lage sei, ein entsprechendes Gebäude aus Landesmitteln zu finanzieren. Wenn die Entscheidung nicht zügig getroffen wird, so befürchtet Bulaty, kann der Termin 2005 nicht eingehalten werden.

Vom 2. bis 13. Juli wird der Publikumsverkehr in der Zentralbibliothek in der Dorotheenstraße nur eingeschränkt möglich sein. Vom 16. Juli bis zum 1. September wird sie dann ganz schließen. Der volle Betrieb wird erst am 1. Oktober wieder aufgenommen.

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