Gesundheit : Humboldt-Universität und Tschechisches Zentrum bieten gemeinsamen Intensivkurs

Ingeborg Kaufmann

Tschechisch ist eine echte Herausforderung: ein Alphabet mit 84 Buchstaben, Substantiven und Adjektiven in sieben Fällen, Verben mit zwei Aspekten und vier Konjugationsklassen. Das schreckt ab, und so gilt Tschechisch in Gesamtdeutschland als exotische Sprache, obwohl Prag von Berlin aus weit näher liegt als Paris. Das Tschechische Zentrum und die Humboldt-Universität erleichtern den Einstieg mit dem "Bohemicum", einem Intensivkurs zu Sprache, Literatur und Landeskunde. Zum zehnten Jahrestag der "samtenen Revolution" ist sie das naheliegende Thema.

Die Teilnehmerriege reicht von der 22-jährigen Geschichtsstudentin, die als Freiwillige mit Aktion Sühnezeichen für achtzehn Monate nach Theresienstadt geht, über die Slawistikstudentin, die einen schnellen Start für die zweite slawische Sprache will, bis zum ehemaligen Spandauer Bezirksbürgermeister, der sich in der Comenius-Gesellschaft engagiert, und dem Immobilienmakler mit tschechischer Ehefrau, der in Prag das große Geschäft wittert. Allein diese kuriose Mischung von Menschen im Sprachunterricht zu erleben, wäre eine Teilnahme am Bohemicum wert. Bei der feierlichen Eröffnung in der Humboldt-Universität spricht der tschechische Botschafter Cerny, der sich seit 1991 für das Bohemicum einsetzt. Ein sympathischer, kluger Mann, der mit seinem Humor sofort für dieses Land einnimmt. Abends lädt die Botschaft zum Empfang. Der Schriftsteller Jiri Grsa, zur Zeit tschechischer Botschafter in Österreich, liest aus seiner "Gebrauchsanweisung für Tschechien". Er stellt Schwejk und Faust gegenüber. Die Helden der Literatur als nationale Archetypen, den Tschechen, beziehungsweise den Deutschen schlechthin. In beschämend gutem Deutsch mit charmantem österreichischen Akzent nimmt Grusa das Wort Vor-Urteil auseinander und schöpft Begriffspaare wie Meinung-Deinung, erinnern-sieinnern. Immer bereit, über sich selber zu lachen. Das muss einmal Mitteleuropa gewesen sein. Diskussionskultur im Kaffeehaus. Grusa macht neugierig auf das Land, in dem Dichter Botschafter und Präsidenten werden.

Zwei Wochen bereiten wir uns vor auf die Exkursion nach Prag: morgens drei Stunden Sprachkurs, nachmittags Vorlesungen, Workshops, abends Filmvorführungen und diverse Veranstaltungen. Alles kann man gar nicht mitmachen. Doch zum Sprachkurs sind wir sogar samstags vollzählig, denn Marcella vom tschechischen Zentrum ist eine tolle Lehrerin. Wenn wir von der Grammatik müde sind, singt sie mit uns tschechische Kinderlieder. Oder "Rosamunde", eine originär tschechische Komposition, die eigentlich "Skoda lasky - Schade um die Liebe" heißt. Oder die tschechische und die slowakische Nationalhymne, die in der Tschechoslowakei immer nacheinander gespielt wurden. Marcella: "Ich bin aus Mähren. Wir haben immer gesagt, die Pause zwischen den beiden Liedern ist die mährische Nationalhymne." Wieder dieser Humor. Die Mährer sind offensichtlich ein großes kleines Volk. Seit der Zerschlagung des Großmährischen Reiches um 900 hatten sie nie wieder einen eigenen Staat.

Höhepunkt des Bohemicums war natürlich die Prag-Exkursion. Es ist ein gutes Gefühl, in Prag Tschechisch zu lernen und sich gegenüber dem Durchschnittstouristen überlegen zu fühlen. Früh aufstehen, vom Studentenwohnheim zu Fuß über den Hradschin und die menschenleere Karlsbrücke zur Philosophischen Fakultät am Rudolfinum gehen. Beim Sprachunterricht im dritten Stock die Aussicht auf die Burg genießen.

Leider wurde in Prag das Thema der samtenen Revolution nicht weiter verfolgt. Aber dafür gab es interessante Vorträge wie den vom Germanisten Goldstücker über die "Kafka-Generation" und das deutsch-jüdische Prag bis 1939. Zufällig spricht uns am nächsten Abend in der Tram ein Überlebender eben dieser Prager Kultur an. Ein älterer Herr mit Baskenmütze, er hält uns für Schweden. Und über Schweden rettete er sich 1939 aus Prag, um in der tschechischen Exilarmee gegen die Nazis zu kämpfen. Als wir aussteigen müssen, kommt er kurzerhand mit. In einer Viertelstunde erzählt er uns das Wichtigste aus seinem Leben, immer bereit, über sich selber zu lachen. Zuerst sind wir still, beschämt, schließlich haben die Deutschen ja damals die Juden . . . Doch schnell wird klar, dass er uns unbefangen gegenübersteht. Und als wir sogar einen gemeinsamen Bekannten finden - die Mutter des Herrn mit der Baskenmütze war Trauzeugin von Goldstücker - ist das Eis endgültig gebrochen. Wir lachen mit, froh, dass es solche Menschen gibt. Und froh, dass wir um Tschechisch zu lernen nach Prag gefahren sind, denn sonst hätten wir das alles nie erlebt.Beim Tschechischen Zentrum beginnen am 5. und 6.10. Sprachkurse für Anfänger und Fortgeschrittene. Informationen: 208 28 36.

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