Gesundheit : Humboldt vor Gericht

Streit um Elitewettbewerb: Berater wirft der Universität „rufschädigende Äußerungen“ vor

Anja Kühne

Wer trägt die Verantwortung dafür, dass die Humboldt-Universität aus der ersten Runde des Elitewettbewerbs ausgeschieden ist? Mit dieser Frage muss sich das Landgericht Berlin befassen. Daniel J. Guhr, Chef der deutsch-amerikanischen Wissenschaftsberatung „Illuminate Consulting Group“ (ICG), wirft der Humboldt-Universität rufschädigende Äußerungen vor. Sie habe fälschlicherweise öffentlich den Eindruck erweckt, Guhrs Unternehmen habe eine tragende Rolle in der Gestaltung der Anträge gespielt, mit denen die Hochschule im vergangenen Herbst in den Exzellenzwettbewerb von Bund und Ländern gezogen war. Sieben von zehn Anträgen der HU waren bereits in der Vorrunde ausgeschieden. Der Wissenschaftsberater fordert von der HU nun eine öffentliche Richtigstellung.

Auslöser des Streits ist eine Prognose Guhrs zum Ausgang des Elite-Wettbewerbs im Herbst 2007, die der Tagesspiegel kurz vor der ersten Vorentscheidung im Januar veröffentlicht hatte. Zu den Siegern, die Guhr am Ende beider Vergaberunden im kommenden Jahr unter die fünf bis zehn deutschen Eliteunis zählt – unter anderem auf der Basis von Rankings, der Größe der Einrichtung oder politischer Unterstützung –, findet sich die HU, nicht aber die Freie Universität.

Im Interview begründete Guhr diese Prognose nicht mit Leistungsunterschieden zwischen den beiden Berliner Hochschulen, sondern damit, dass die HU auf politische Unterstützung hoffen könne. Die Einschätzung, auch politische Einflussnahme werde bei der Entscheidung eine Rolle spielen, verursachte Aufsehen über die deutsche Wissenschaftsszene hinaus. Auch das angesehene Wissenschaftsmagazin „Science“ und das größte amerikanische Hochschulmagazin „The Chronicle of Higher Education“ nahmen sich des Themas an.

Christoph Markschies, Präsident der Humboldt-Universität, distanzierte sich sogleich mit einer Pressemitteilung „in aller Form“ von den Aussagen der ICG. Diese Pressemitteilung des HU-Präsidenten steht jetzt im Mittelpunkt des Rechtsstreits. Markschies führt darin aus, Guhrs Prognose entspreche nicht dem Grad an wissenschaftlicher Seriosität, die für die Humboldt-Universität charakteristisch sei. Die HU habe „keinen Zweifel daran, dass im Exzellenzwettbewerb ausschließlich wissenschaftliche Kriterien eine Rolle spielen“, formuliert der HU-Präsident und kündigt an, „die Zusammenarbeit mit dieser Consulting Group unter keinen Umständen fortsetzen“ zu wollen. Guhr hatte die HU vom 1. September bis zum 15. Oktober beraten, „Ziel und Gegenstand der Beratung“ hätten die „Exzellenzanträge“ der HU betroffen, so Markschies’ Formulierung in der Pressemitteilung.

Guhr kann die öffentliche Distanzierung des Präsidenten schon deshalb nicht nachvollziehen, weil er die Hochschule über die Veröffentlichung bereits zwei Wochen zuvor informiert und ihr drei Tage vor Erscheinen den vollen Wortlaut zugeschickt habe – aus Höflichkeit, wie Guhr meint, denn seine Analyse der Exzellenzinitiative habe mit seiner Arbeit für die Humboldt-Universität nichts zu tun gehabt. Auch habe der damalige Leiter der Abteilung für Strategische Entwicklung und Planung der HU, Tim Stuchtey, den Aussagen des Interviews in einem Telefongespräch nicht widersprochen. „Herr Stuchtey hat der Veröffentlichung des Interviews von Herrn Guhr nicht zugestimmt und wurde hierum von Herrn Guhr auch nicht gebeten“, sagt hingegen Markschies. Der Wissenschaftsberater sei zur Verschwiegenheit verpflichtet gewesen. Gleichwohl sei es im Wissenschaftsbereich „durchaus einigen Personen“ bekannt gewesen, dass Guhr im Rahmen der Exzellenzinitiative für die Uni tätig war. „Von daher hätte es der Anstand geboten, für die von ihm in der Öffentlichkeit getätigten Aussagen die Erlaubnis des Präsidenten oder eines Vizepräsidenten einzuholen“, sagt Markschies. Seine Presseerklärung sei daher nötig gewesen, „um deutlich zu machen, dass die von Herrn Guhr getroffenen Aussagen weder inhaltlich noch in der Form von der Leitung der Humboldt-Universität geteilt oder gebilligt werden“.

Guhr hingegen betont, seine Prognose habe ausschließlich auf öffentlichen Rankings und Daten basiert und nachweislich keinerlei Information der HU verwendet. Der Wissenschaftsberater wirft dem HU-Präsidenten vor, die „Beratungsqualität“ des Unternehmens, zu dessen Beirat Wissenschaftler von Spitzenuniversitäten wie Harvard, Yale, Cambridge oder Oxford gehörten, öffentlich in Zweifel zu ziehen, obwohl ihm die Studie gar nicht vorgelegen habe. Außerdem sei Guhrs Analyse, die sich auf das Endergebnis der Initiative im Oktober 2007 bezieht, schon in der ersten Vorrunde des Elitewettbewerbs weitgehend bestätigt worden. Neun der im Januar nominierten Universitäten seien in der Studie auf den Plätzen 1 bis 13 platziert gewesen. Die Anwälte der HU schreiben hingegen, der Präsident habe lediglich Meinungsäußerungen abgegeben, und zwar nicht zur Beratungsqualität Guhrs, sondern zu dessen Umgang mit Forschungsergebnissen in seiner Prognose.

Guhr wehrt sich ferner gegen den Eindruck, er habe „Exzellenzanträge“ für die Hochschule verfasst, wie nicht nur die Mitteilung des Präsidenten, sondern auch Mitglieder der Universität wiederholt in Gesprächen mit Medien und anderen Universitäten unterstellt hätten. Er habe aber lediglich den Antrag der HU für die entscheidende dritte Säule des Wettbewerbs begutachtet. Das bestreitet der HU-Präsident nicht.

Wie gering sein Einfluss auf den schon in der Vorrunde durchgefallenen Antrag war, beweist nach Guhr schon das mit der HU ausgehandelte Beratungshonorar von 5000 Euro, mit dem in einem Zeitraum von anderthalb Monaten eine nur wenige Tage dauernde Tätigkeit der Firma abgegolten werde. Seine Hauptaufgabe sei es gewesen, den Antrag zu evaluieren – mit dem Ergebnis, dass der Antrag der Humboldt-Universität kaum Chancen auf Erfolg haben würde. Die Leitung der HU war nach Guhrs Ansicht mit seiner Gutachterleistung zufrieden. Direkt nach dem Ende des Projekts am 15. Oktober habe sie schriftlich eine weitere Zusammenarbeit angefragt. Im Dezember habe der damals amtierende Präsident Hans Jürgen Prömel dann einen Vertragsentwurf für ein Folgeprojekt im Elitewettbewerb vorgelegt. Dem widerspricht Markschies nicht. Doch stehe es einem neuen Präsidenten frei, „von wem und wie er sich beraten lässt“.

Die von Guhr in den vergangenen Monaten von der HU geforderte öffentliche Richtigstellung lehnt die Uni ab. Bei einem Vergleichstermin konfrontierte sie die ICG stattdessen mit einer Feststellungsklage. Damit soll der ICG untersagt werden, von der HU eine öffentliche Richtigstellung einzufordern. Das Gericht wird sich voraussichtlich im Herbst mit der Sache befassen.

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