Gesundheit : Hunnen und Germanen: Das Gold der Barbarenfürsten

Ingo Bach

Das Europa des fünften Jahrhunderts war ein Hexenkessel. Hunderttausende Menschen, die die Römer wegen ihrer unverständlichen Sprache Barbaren nannten, zogen durch die Steppen, Flusstäler und Wälder. Ihr Ziel: Das Römische Reich, das mit Reichtum und Luxus lockte.

Doch die Aussicht auf reiche Beute war nicht der einzige Grund, der die Germanen dazu trieb, ihre angestammten Siedlungsgebiete im Osten mit Sack und Pack auf Nimmerwiedersehen zu verlassen. Es war die nackte Angst, die eine Völkerwanderung bis dato unbekannten Ausmaßes auslöste. Aus den Steppen Asiens war ein Volk von Reiterkriegern aufgetaucht, das blitzschnell von einem Sieg zum nächsten eilte: die Hunnen.

Mörderisches Image

Obwohl sie nicht grausamer waren, als andere Eroberervölker ihrer Epoche - die Unterworfenen mussten Tribute an die Herrscher entrichten und wurden zu Abhängigen gemacht - eilte ihnen doch ein mörderisches Image voraus. Attila, ihr König, setzte dieses Image geschickt ein. Er drohte mit Gewalt und bekam dafür Gold. Das Byzantinische Reich, die östliche Hälfte des geteilten Römerreiches, zahlte Unsummen an Attila, damit er es in Ruhe ließ. "Der König quetschte Byzanz regelrecht aus", sagt Ursula Koch, Projektleiterin der Ausstellung "Das Gold der Barbarenfürsten", die derzeit in Mannheim die Zeit der Völkerwanderung wieder auferstehen lässt.

Doch nicht nur Attilas Hunnen wurden im fünften Jahrhundert plötzlich neureich, auch die Germanenfürsten Mitteleuropas schafften Schätze aus römischem Gold beiseite. Manche ließen sich von den Römern als Verbündete anwerben und dafür gut bezahlen, andere plünderten die weströmischen Provinzen einfach aus. Denn schon seit Jahrhunderten fanden die germanischen Adligen den Luxus jenseits von Rhein und Donau einfach verführerisch. Sie wollten so sein, wie die bewunderte römische Oberschicht - und das auch im Jenseits. Und so landete viel von dem Prunk schließlich in den Gräbern der Barbarenfürsten.

1500 Jahre später tauchte vieles davon wieder auf. Meist durch Zufall, manchmal auch durch die gezielte Suche von Archäologen. Die wertvollen Funde aus dreißig Gräbern zwischen den Steppen Südrusslands und der Atlantikküste sind jetzt im Mannheimer Reiss-Museum zu sehen. Die prächtigste Grabstätte entdeckten Arbeiter 1968 bei Apahida in Rumänien, wo sie das Fundament für einen Lichtmast aushoben. Insgesamt kam fast ein Kilogramm Gold zum Vorschein, unter anderem verarbeitet zu einem kostbaren Pferdegeschirr. Wahrscheinlich hat hier König Ardarich vom Stamme der Gepiden seine letzte Ruhe gefunden. Ardarich stand an der Spitze einer Antihunnen-Koalition, die im Jahre 454 die Hunnen besiegte und dadurch Teile des Schatzes von Attila zu fassen bekam. "Die Gepiden waren nun so reich, dass ihr König Zaumzeug aus purem Gold für seine Pferde anfertigen ließ und dieses auch benutzte", sagt Ursula Koch vom Reiss-Museum.

Ein weiteres beredtes Zeugnis der Völkerwanderung ist das Grab des Childerich bei Tournai (Belgien). Bis zu seinem Tode 482 war Childerich König des Frankenreiches, neben dem Hunnenreich die zweite europäische Supermacht des fünften Jahrhunderts. Die Franken legten ihrem Anführer nicht nur Gold mit ins Grab, sondern auch 21 Pferde. "Gleich eine ganze Koppel wurde da ausgelöscht", sagt Koch. "Die Opferung muss ein wahrer Blutrausch gewesen sein."

Inszenierung am Grab

Und genau darum ging es bei der Bestattung: Aufsehen zu erregen. Mit möglichst vielen und wertvollen Beigaben zu demonstrieren, wie mächtig eine Fürstenfamilie ist. Denn die Herrschaft der germanischen Könige war höchst fragil. Wenn ihnen das Volk nicht folgen mochte, gab es keinen Weg, es zu zwingen. Macht war nicht real, sondern repräsentativ. Das galt auch für die unterworfenen Völker. Ihnen sollte mit der Inszenierung am Grab augenfällig werden, wer die wahren Herren im Lande waren.

Außerdem sollten Grabbeigaben dem Fürsten auch im Totenreich seine Stellung bewahren, Wohlstand garantieren und die Möglichkeit geben, Gäste fürstlich zu bewirten. Das änderte sich erst mit der Christianisierung der Germanen. Nun glaubte keiner mehr an das nach germanischen Regeln funktionierende Totenreich, sondern an das Paradies, in dem alle Menschen gleich waren, sofern sie wegen Vergebung ihrer Sünden überhaupt dorthin gelangten. Die sterbliche Hülle war unwichtig, allein die Seele besaß ein ewiges Leben. Es war nun nicht mehr nötig, den Fürsten Gold ins Grab zu geben. Es war sogar höchst ungehörig, weshalb die Nachfahren das Gold ihrer Vorfahren wieder ans Tageslicht zerrten. "Nur Beigaben mit christlichen Symbolen ließen sie ihren Ahnen", sagt Koch.

Trotzdem blieben viele Grabstätten bis in die Gegenwart erhalten. "Gerade in der Völkerwanderungszeit verharrte man nur wenige Jahre am selben Fleck", sagt Ursula Koch. Die Fürstengräber gerieten schnell in Vergessenheit, wenn man ein neues Siedlungsgebiet erreicht hatte. Das schützte sie vor der Plünderung - und gibt heute die Möglichkeit für faszinierende Einblicke.

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