Gesundheit : Ibero-Amerikanische Institut: Kultur als Einstiegsdroge

Dorothee Nolte

Am Anfang wurde ausgepackt. Wochen, Monate muss es gedauert haben, bis alle Bücher aus dem fernen Mexiko und Argentinien aus den Kartons genestelt waren. Aber als sie endlich an Ort und Stelle standen, da waren es nicht nur Bücher: Da war es ein Institut.

Das Ibero-Amerikanische Institut (IAI), das heute mit einem Festakt und einer Rede des brasilianischen Präsidenten Fernando Henrique Cardoso seinen siebzigsten Geburtstag feiert, verdankt seine Gründung einer gewaltigen Buchschenkung. Ernesto Quesada, ein argentinischer Gelehrter und Diplomat, schenkte Ende der zwanziger Jahre seine Bibliothek - 80 000 Bände - dem Staat Preußen. Wenig später fuhr Hermann Hagen, ein junger Geograph und obsessiver Büchersammler, nach Mexiko und brachte von dort 25 000 Bände mit nach Deutschland. Wohin mit den Büchern? Die Behörden machten aus der Not eine Tugend und gründeten das Ibero-Amerikanische Institut, das seine erste Heimat im ehemaligen Marstall des preußischen Königs fand.

Aus dem Grundstock von gut 100 000 Bänden wuchs die größte europäische Fachbibliothek zu Spanien, Portugal und Lateinamerika, die heute 800 000 Bücher, 25 000 Tonträger, 66 000 Karten sowie ein Video-, Bild- und Zeitungsausschnitt-Archiv umfasst. Wissenschaftler kommen aus ganz Europa, ja sogar aus Lateinamerika nach Berlin, um im "Ibero", das seit 1977 in einem Annex der Staatsbibliothek beheimatet ist, zu forschen. Auch Berliner Romanistik-Studenten und interessierte Laien finden hier freundliche Aufnahme.

Die Aufgaben des Instituts formulierte der erste Präsident, der Politiker Otto Boelitz, 1930 so: "Es soll in erster Linie eine Stätte der wissenschaftlichen Arbeit, der Forschung sein; aber gleichzeitig soll es die kulturellen Beziehungen zwischen Deutschland und den ibero-amerikanischen Ländern in verstärktem Maße pflegen". Viel Zeit dafür blieb nicht, bevor die Nazis die Macht übernahmen. Generalmajor a.D. Wilhelm Faupel, der neue Leiter, verstand das Wort Kontaktpflege im nationalsozialistischen Sinne. Von außen betrachtet erschien das Institut, das inzwischen in der ehemaligen Villa der Familie von Siemens in Lankwitz untergebracht war, nun wie eine Propaganda- und Spionagezentrale. Günter Vollmer, Historiker am Institut, der eine Ausstellung zur Geschichte des IAI im Dritten Reich erarbeitet hat, hält diese Einschätzung jedoch für übertrieben: "Faupel unterstanden ja nur ein Gärtner, ein Pförtner und eine Handvoll Berufsbibliothekare; sein finanzieller Spielraum war sehr begrenzt." Vor allem war Faupel offenbar ein Großsprecher. 1945 war damit Schluss: Faupel vergiftete sich, das Institut wurde von den Alliierten geschlossen, später als reine Bibliothek wiedereröffnet. Seit 1962 ist es eine Einrichtung der Stiftung Preußischer Kulturbesitz.

Die Pflege und Erweiterung der Buchbestände steht noch heute im Mittelpunkt der Arbeit. Das IAI ist aber seit langem auch wieder ein Ort der Forschung und der kulturellen Begegnung. Zahlreiche Konferenzen - in diesen Tagen: "Nachdenken über Brasilien: 500 Jahre einer Nation" -, Konzerte und Vorträge finden statt, die am Institut beschäftigten Wissenschaftler geben Publikationsreihen heraus, der Kontakt zu den lateinamerikanischen Botschaften und Konsulaten ist eng. Günther Maihold, Leiter des IAI seit Juni 1999, sieht auch neue Aufgaben für sein Institut: "Jetzt da Berlin Regierungssitz ist, wollen wir lateinamerikabezogenes Wissen an Entscheidungsträger weitergeben". Erst vor kurzem war etwa die deutsch-mexikanische Parlamentariergruppe des Bundestags für eine Tagung zu Gast.

Eine Expertenkommission hat kürzlich vier Daueraufgaben für das Institut definiert: Neben der Weiterentwicklung der Bibliothek sind dies die eigene Forschung, die Pflege der Beziehungen zum ibero-amerikanischen Kulturraum und die Vermittlung von Arbeitsergebnissen an Entscheidungsträger. Damit ist eine Empfehlung des Bundesrechnungshofs von 1996 - das Institut solle sich auf seine bibliothekarische Arbeit beschränken - erst einmal vom Tisch. "Jetzt haben wir die Aufgabe zu arbeiten und zu zeigen, dass das ein tragfähiges Konzept ist", sagt Maihold, der aus Regensburg stammt und als Referent der Friedrich-Ebert-Stiftung acht Jahre in Lateinamerika verbracht hat. Der Politologe und Soziologe sieht optimistisch in die Zukunft: Neue Forschungsprojekte, etwa zu den Beziehungen von Mittel- und Osteuropa zu Lateinamerika und zur Rolle der Intellektuellen in Lateinamerika, sollen bei der Deutschen Forschungsgemeinschaft beantragt werden, eine virtuelle Fachbibliothek wird entstehen und eine Datenbank zur Vernetzung der Lateinamerika-Forschung in Berlin und Brandenburg.

Die allgemeine Öffentlichkeit an Iberoamerika heranzuführen, sei heute allerdings schwieriger als in den sechziger oder siebziger Jahren, meint Maihold: "Damals interessierten sich viele aus politischen Gründen für Kuba oder Nicaragua. Heute versuchen wir, über die Kultur Begeisterung zu erwecken." Bei der Langen Nacht der Museen etwa waren rund 1000 Besucher im Haus und sahen sich eine Vorführung des brasilianischen Kampftanzes Capoeira an. Jedes Jahr - diesmal am 27. November - findet eine lateinamerikanische Filmnacht statt. "Kultur als Einstiegsdroge", nennt das der Hausherr. Und hofft, dass viele süchtig werden.

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