Gesundheit : "Ich bin ein bekennender Reformkannibale" - Der Hochschulkenner befürwortet Bachelor und Master

Uwe Schlicht /Anne Strodtmann

Die neue Wissenschaftssenatorin, Christa Thoben, hat mit Josef Lange einen profunden Kenner der deutschen Hochschullandschaft als Staatssekretär gewonnen. Josef Lange war bisher Generalsekretär der Hochschulrektorenkonferenz und hatte in dieser Funktion eher politische Zurückhaltung zu üben: Die politische Vertretung der Hochschulrektorenkonferenz nach innen und außen liegt in den Händen ihres Präsidenten Klaus Landfried. Jetzt stehen jedoch an den deutschen Hochschulen so umfassende Reformen bevor, dass selbst ein Generalsekretär als der Organisator im Hintergrund die politische Aufmerksamkeit immer stärker auf sich zieht.

Im Mittelpunkt stehen dabei zwei Bereiche: Die Einrichtung von immer mehr Bachelor- und Masterstudiengängen an deutschen Hochschulen und eine große Dienstrechtsreform, nach deren Umsetzung die Professoren über ein Grundgehalt hinaus ihre Zuschläge durch Leistungen verdienen müssen. Die Frage, wie sich die Konkurrenz zwischen den unterschiedlichen Studiengängen - Bachelor und Master versus Diplom und Magister - entwickeln wird, beantwortet Lange so: "Der Markt wird es regeln." Die Fundamentalkritik der deutschen Fakultätentage an der Ausbreitung von Bachelor und Master gipfelte in der Formulierung, es drohe die "Kannibalisierung" der deutschen Diplomstudiengänge. Diese Polemik hat Lange aufgegriffen und erklärt: "Ich bin ein bekennender Reformkannibale."

Es werde zunehmend deutlich, dass es auf internationaler Ebene ein Vermittlungsproblem für das deutsche Diplom gebe, sagte Lange. Das Diplom werde allgemein als die erste Qualifikation in einem mehrstufigen System gewertet und damit eher dem Bachelor als dem Master gleichgesetzt. Es sei unerlässlich, dass die Hochschulen die Möglichkeit nutzen, mehrstufige Studiengänge einzurichten, die mit den Abschlüssen Bachelor und Master kompatibel seien.

Die früher getrennten Bereiche der Grundlagen- und der angewandten Forschung sowie der Produktion sind heute von zahlreichen Interaktionen geprägt. Nicht nur die einzelnen Forschungsbereiche müssten miteinander vernetzt werden, sondern auch mit den Unternehmen der Wirtschaft. Denn "wer ein halbes Jahr eher auf dem Markt ist, bekommt ein größeres Stück vom Kuchen" sagte Lange dem Tagesspiegel.

Mit seinen Universitäten und Fachhochschulen sowie den außeruniversitären Forschungsinstituten sei Berlin hervorragend für die internationale Konkurrenz gerüstet. Zwingend für die Wissenschaft in Berlin sei aber nicht nur eine gute Kooperation mit der Wirtschaft, sondern auch eine Verzahnung mit Brandenburg. Um unnötige Reibungsverluste zu vermeiden, sei es nur sinnvoll, eng zusammenzuarbeiten. Lange verweist dabei auf den Wissenschaftsrat, der bei seinen Strukturempfehlungen für Berlin das Land Brandenburg einbezogen habe.

Im Übrigen ist Josef Lange ein Vertreter jener Denkrichtung, die auf mehr Autonomie für die Hochschulen und damit auf weniger Staatseingriffe setzt. Insofern sind für ihn die neuen Hochschulverfassungen, bei denen bedeutende Persönlichkeiten aus Politik, Wirtschaft und Gesellschaft in die Hochschule geholt werden, ein richtiger Weg in die Zukunft. Bei der bevorstehenden Formulierung eines neuen Hochschulgesetzes in Berlin ist eine solche Position gar nicht hoch genug einzuschätzen.

Der Frontalangriff, den die Arbeitsgemeinschaft der deutschen Fakultätentage gegen die Idee der großen Studienreform mit der Einführung von Bachelor- und Masterstudiengängen und gegen die Dienstrechtsreform eingeleitet hat, richtete sich nicht allein gegen den Wissenschaftsrat, der zur Zeit entsprechende Empfehlungen ausarbeitet, sondern auch gegen die obersten Repräsentanten der Hochschulrektorenkonferenz, Klaus Landfried und Josef Lange. Mit seinem neuen Amt als Staatssekretär in Berlin hat Lange die Chance, aus dem Schatten herauszutreten, in dem der Verwaltungsfachmann steht, und zum Mitgestalter zu werden. Dabei ist Lange ein entschiedener Befürworter der Hochschulreform.

Josef Lange hat Theologie studiert und nach dem Studium verschiedene hochschulpolitische Aufgaben übernommen. Bevor er 1990 Generalsekretär der Hochschulrektorenkonferenz wurde, war er als Referatsleiter zuerst bei der Deutschen Forschungsgemeinschaft, später beim Wissenschaftsrat tätig. Die Berufserfahrung, die er in diesen unterschiedlichen Bereichen sammeln konnte, gibt ihm jetzt die Sicherheit für seinen Wechsel von den beratenden und verwaltenden Tätigkeiten zur Politik. Aufbauend auf diesen Erfahrungen betrachtet er es als persönliche Herausforderung, daran mitzuwirken, dass Hochschulen und Forschungsinstitute ihre Verantwortung gegenüber der Wissenschaft, der jungen Generation und gegenüber der künftigen Entwicklung dieses Landes wahrnehmen können. Und Berlin sei nach wie vor etwas Besonderes.

Auch zehn Jahre nach der Wende gelte es immer noch, die zwei Teile Berlins, die sich jahrzehntelang getrennt entwickelt haben, in veränderten Strukturen zusammenzuführen. Das sei eine Aufgabe, die nicht in wenigen Jahren zu erledigen sei. Die Wissenschaft "rechnet sich nicht in Quartalsbilanzen und Legislaturperioden", zitiert Lange den früheren Präsidenten der Deutschen Forschungsgemeinschaft, Wolfgang Frühwald. Sie brauche vielmehr einen langen Atem.

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