Gesundheit : Ich bin mein eigener Arzt

Zuckerkranke sollen sich selbst behandeln – das war die Philosophie des Düsseldorfer Mediziners Michael Berger Zum Weltdiabetestag eröffnet am Montag in Charlottenburg ein Café, das seinen Namen trägt und an seine Arbeit erinnern soll

Markus Langenstrass
Überzeugt. Betreiberin Ulrike Thurm im Michael Berger Café. Foto: D. Spiekermann-Klaas
Überzeugt. Betreiberin Ulrike Thurm im Michael Berger Café. Foto: D. Spiekermann-Klaas

Stell’ dir vor, du willst Profifußballer werden, trainierst jeden Tag, schaffst es sogar in die Jugendauswahl. Und dann sagt dein Arzt: „Leistungssport geht nicht mehr. Sie haben Diabetes.“ Während Ulrike Thurm die Geschichte des jungen Fußballers von FC Union erzählt, weicht das Fröhliche aus ihrem Gesicht. Sie kneift die Augen zusammen, als hätte sie mit etwas sehr Bitterem zu kämpfen. Dass Diabetiker keinen Sport machen dürfen, sei ein Überbleibsel aus den achtziger Jahren, als Schüler noch vom Schulsport ausgeschlossen wurden. Was sie entrüstet: Dass es sogar manchen Ärzten an Wissen über die Krankheit mangelt. Obwohl der Düsseldorfer Arzt Michael Berger schon in den neunziger Jahren gezeigt hat, dass mit Diabetes viel mehr möglich ist, als bis dahin angenommen.

Der junge Fußballer spielt immer noch für Union. Auch mit Diabetes. Ulrike Thurm, 47, Diabetesberaterin und selbst Diabetikerin, ist der lebende Beweis dafür: Sechstägiger Wettlauf durch die Sahara, ein Dutzend Marathonläufe von Berlin bis New York und Fußball in der Landesliga liefern den Beweis, dass sich Diabetes und Sport vertragen.

Wissenslücken schließen – mit dieser Idee ist das Diabetescafé Michael Berger entstanden, das Ulrike Thurm mit ihrem Team heute zum Weltdiabetestag in Charlottenburg eröffnet. Es ist das erste in Berlin, gesponsert von einem Diabetesversand, dessen Sortiment auch im Café angeboten wird. Thurm wollte einen Ort schaffen, an dem sich Betroffene austauschen, Vorträge besuchen und sich im Umgang mit der Krankheit schulen lassen können. Und auch danach dabeibleiben: „Nach so einer Schulung ist man motiviert, das alles umzusetzen, geht nach Hause und lässt es kurz darauf wieder sein.“ Thurm nennt das den Neujahrseffekt. Treffen in der Gruppe sollen die Motivation aufrechterhalten.

„Ich glaube, man nimmt mir ab, was ich sage, weil ich selbst mit der Krankheit lebe“, sagt Thurm. Vor dreißig Jahren wurde Diabetes Typ 1 bei ihr diagnostiziert, eine Diabetesart, die meist angeboren ist und die nur etwa zehn Prozent der Erkrankten betrifft. Dabei produziert die Bauchspeicheldrüse kein Insulin. Ohne dieses Hormon können die Zellen Zucker nicht aufnehmen und ihn in Muskeln und Fettzellen nicht verarbeiten. Typ-1-Diabetiker brauchen immer künstliches Insulin – im Gegensatz zu Typ 2, der häufigsten Form, die früher als Altersdiabetes bekannt war. Hier produziert die Bauchspeicheldrüse zunächst sehr viel und dann immer weniger Insulin. Oft reichen Tabletten aus, das Hormon muss erst nach Jahren, bei manchen auch nie gespritzt werden. An Typ 2 erkranken heute immer mehr junge Menschen. Experten sehen Gene, Bewegungsmangel, schlechte Ernährung und Übergewicht als Auslöser.

„Hört doch mal den Patienten zu!“ Das ist eine Forderung des Arztes Michael Berger, die Thurm immer in Erinnerung bleiben wird. Anfang der neunziger Jahre machte sie an der Düsseldorfer Uniklinik die Ausbildung zur Krankenschwester, um zu sehen, ob sie sich ein Leben als Diabetesberaterin überhaupt vorstellen konnte. „Ein junger Assistenzarzt fuhr damals einen Herren um die 70 an, dass der seinen Diabetes ganz falsch behandele, dass er alles umstellen müsse“, erzählt sie. Dabei habe der Mann unglaubliche 50 Jahre mit der Krankheit überlebt. „Damals eine echte Seltenheit.“ Als der Leiter der Diabetesabteilung, Michael Berger, davon erfährt, macht er den jungen Arzt vor dem versammelten Kollegium zur Schnecke: Wer keinen Respekt vor der Lebensleistung eines Patienten habe, der habe in seiner Abteilung nichts zu suchen. „Berger hat als Erster nicht nur den Blutzuckerwert, sondern den ganzen Menschen gesehen“, sagt Thurm mit tiefer Bewunderung. Ein Konzept, das sie auch heute noch im täglichen Ablauf vieler Kliniken vermisst.

Der Name des Diabetescafés soll an diesen Arzt erinnern. Michael Berger ist 2002 gestorben. Er war einer der bekanntesten deutschen Diabetologen und hatte Ulrike Thurm persönlich gefragt, ob sie für ihn arbeiten möchte, nachdem er sie auf einem Kongress über „Diabetes und Sport“, ihre Examensarbeit, sprechen hörte. Berger unterstützte sie bei der Gründung der International Diabetic Athletes Association (IDAA), einer weltweiten Vereinigung von Sportlern mit Diabetes, und war begeistert, dass seine Forschungen nun in der Praxis erprobt werden konnten.

Sein größtes Anliegen: „Jeder Mensch muss so geschult werden, dass er sein eigener Diabetologe sein kann.“ Der Ärzteschaft das Zepter aus der Hand zu nehmen und die Verantwortung an den Patienten zurückzugeben, das schien vielen Kollegen unerhört. „Er ist in einer Zeit aufgewachsen, in der Chefärzte eine Halbgötterstellung besaßen“, sagt Hans-Georg Joost vom Deutschen Institut für Ernährungsforschung Potsdam-Rehbrücke. Auch er kannte Berger persönlich. Es sei ihm darum gegangen, die Betroffenen durch Schulungen in die Behandlung einzubinden. Und um mehr Lebensqualität, der die klassische Therapie mit ihrem strikt vorgegebenem Tagesablauf, dem verbindlichen Diätplan und den festen Mengen an Insulin entgegengestanden habe. Berger habe sich für eine flexible Therapie eingesetzt – Insulin nach Bedarf. „Und ihm war es egal, wie viele Feinde er sich dabei machte.“

Das kleine Kästchen, das Ulrike Thurm seit 25 Jahren in ihrer linken Hosentasche bei sich trägt, ist die Verkörperung der Berger’schen Philosophie, derzufolge sich Diabetes nach dem Leben richten soll und nicht andersherum. Die kleine Insulinpumpe macht das Leben der Patienten deutlich flexibler, verlangt ihnen aber auch eine Menge Sachkenntnisse ab. Über einen dünnen Schlauch pumpt das Gerät in regelmäßigen Abständen Insulin direkt ins Fettgewebe am Bauch. Wie viel und wann, dafür ist Thurm selbst verantwortlich.

„Ohne Berger wäre ich sicher keinen einzigen Marathon gelaufen“, sagt Ulrike Thurm und lacht, weil das eine seltsame Vorstellung für die Sportlerin ist, „und statt Kuchen gäbe es im Diabetikercafé trockene Vollkornschrippe.“

14.11., Eröffnung des Michael Berger Cafés, Bismarckstraße 68 (Charlottenburg), 10-19 Uhr, mit Infoveranstaltung, Pumpenberatung und Diabeteswissensquiz. Mehr zum Thema Diabetes Typ 1 auch unter www.gesundheitsberater-berlin.de

0 Kommentare

Neuester Kommentar