Gesundheit : Ich brauche das: Robert Ide kann nicht ohne seine Brille leben

"Küss mich", sagte sie nicht. "Komm her", sagte sie auch nicht. Nein, die junge Frau in meinem Zimmer wollte mich anders begeistern. Sie lächelte, legte Sanftmut in ihre Stimme und hauchte: "Nimm mal deine Brille ab." Ich schaute sie an, sah die Bestimmtheit in ihren Augen. Dann ließ ich mich fallen. Ich war entwaffnet.

Ich brauche meine Brille. Und zwar nicht bloß zum Sehen. Ich brauche sie, um mich abzugrenzen. Von meiner Umwelt, meinen Mitmenschen und meiner Vergangenheit.

Meine Umwelt: Das Leben in Berlin ist gefährlich. Die Stadt ist voller Staub, Lärm und genervter Blicke. Zwei Gläser schützen vor diesen Dingen, das böse Leben prallt ab. Je höher die Dioptrienzahl, umso größer die Distanz zu Gefahren. Wenn ich meine Brille absetze, tränen mir die Augen. Dann bin ich ausgeliefert. Als erstes hat das meine kleine Schwester erkannt. Wenn ich gemein zu ihr war, hat sie meine Brille kaputt gemacht.

Meine Mitmenschen: Warum sehen viele Leute eigentlich so langweilig aus? Weil sie alle Jeans tragen? Weil sie alle Kaffee trinken und sich dabei lässig zurücklehnen? Wer weiß das schon. Vielleicht liegt es daran, dass zu wenige eine schöne Brille tragen. Eine Brille, die zu ihnen passt. Ein kleines rundes Gestell für zarte Frauen, ein flaches, drahtiges für dynamische Männer - so könnten viele was aus sich machen. Ich selbst habe mir vor vier Monaten eine neue Brille gekauft. Mit zehn Freunden war ich bei "Fielmann" in Rostock und habe 50 Fassungen ausprobiert. Nachdem wir die richtige gefunden hatten, gab es ein kleines Fest. Selten habe ich mich so schön gefühlt.

Meine Vergangenheit: Als Kind mochte ich meine Brille nicht. Sie störte beim Fußballspielen und sie blendete, wenn Fotos vom Geburtstag gemacht wurden. Abgesehen davon gab es im Osten sowieso nicht so viele schöne Brillen. Die schönste war eine blaue Metallbrille. Beim Urlaub in Bulgarien war sie mein ganzer Stolz. Inzwischen ist meine Brille ein Teil von mir. Wenn ich aufstehe, setze ich sie auf. Ohne es zu merken.

Ich liebe meine Brille. Sie schützt mich, sie kleidet mich, sie macht mich schön. Ohne Brille wäre ich nicht. Und sehen würde ich auch nichts.

Optiker unterscheiden Minus- und Plusgläser. Erstere sind konkav ("eingedellt") geformt, sie zerstreuen die Lichtstrahlen zum Ausgleich der Kurzsichtigkeit. Plusgläser sind bauchig (konvex) geformt. Sie sammeln die Lichtstrahlen und gleichen Weit- oder Alterssichtigkeit aus.

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