Gesundheit : „Ich dachte, ich muss diesen Körper wegwerfen“

Das Medikament Lariam soll vor Malaria schützen – in seltenen Fällen könnte es Menschen in den Suizid treiben

Bas Kast

„Ich hatte das Gefühl, mein Kopf würde meinen Körper verlassen ... Ich war verwirrt, hatte Angst, sah Pfeile und geometrische Figuren im Kampf miteinander... Ich sah mich selbst, wie ich meinen Körper betrachtete, und dachte, ich muss diesen Körper wegwerfen, weil er nicht mehr taugt. Ich hatte Angst, auf der 16ten Etage in dem Hotel in Bangkok, zu dicht ans Fenster zu gehen. Ich dachte, das Fenster würde sich von alleine öffnen, und ich könnte aus dem Fenster fallen...“

Was sich nach einem schlechten LSD-Trip anhört, ist der Erfahrungsbericht von einem, der sich nur gegen Malaria hatte schützen wollen. Das Medikament, das der Betroffene geschluckt hatte: Lariam.

Auf einer Webseite im Internet lassen sich zwei Dutzend solcher Berichte nachlesen ( http://lariaminfo.homestead.com ). Wie viele andere Medikamente hat auch Lariam seit seiner Einführung im Jahr 1985 Tausenden von Menschen das Leben gerettet. Und wie viele andere Mittel hat es auch Opfer gefordert. So weit ist an Lariam, das immer noch zu den wirksamsten Medikamenten gegen Malaria zählt, nichts Ungewöhnliches.

Seltsam ist nur, wie Lariam (Wirkstoff: Mefloquin) seine tödliche Wirkung entfalten könnte: Möglicherweise und in ganz seltenen Fällen treibt Lariam denjenigen, der es zu sich genommen hat, in den Selbstmord. Zwischen 1997 und 2001 hat die US-Gesundheitsbehörde elf Selbstmorde unter Lariam- Einnahme dokumentiert; in zwölf Fällen kam es zum Selbstmordversuch.

„In den letzten fünf Jahren hat die Zahl der Berichte von Suiziden und Suizidgedanken unter westlichen Touristen, die auf ihren Reisen in Malaria-Gebiete Lariam schluckten, zugenommen“, stellt Mark Honigsbaum nun in der britischen Zeitung „The Guardian“ fest. Honigsbaum ist Autor eines kürzlich erschienenen Buches über Malaria („The Fever Trail: In Search of the Cure for Malaria“).

So fand man letztes Jahr den irischen Studenten Malcolm Edge, 27, erhängt in einem Hotelzimmer in Vietnam. Der Mann hatte zuvor einen paranoiden Anfall erlitten, offenbar ausgelöst durch Lariam in Kombination mit Alkohol.

Albträume und Angstgefühle

Im April 1998 sprang der Rechtsanwalt Francis Macleod Matthews von einem Hochhaus in den Tod; Albträume und Angstgefühle hatten ihn seit einer Kenia-Reise im September des Jahres zuvor verfolgt – auch er hatte Lariam geschluckt.

Jetzt prüft auch das US-Verteidigungsministerium eine Mordserie, die sich letzten Sommer auf einer US-Militärbasis abgespielt hat. Vier Soldaten hatten – zurückgekehrt aus einem Einsatz in Afghanistan – ihre Frauen ermordet; zwei Soldaten erschossen sich anschließend selbst. Drei der Soldaten hatten während der Kampfeinsätze Lariam zu sich genommen.

Wer die US-Webseite besucht, auf der die Erlebnisberichte der Lariam-Betroffenen stehen, gelangt über einen Link auch auf die Homepage des Chemielaboranten Christoph Hartmann ( www.mefloquin.de ). 1997 hatte Hartmann erstmals unter „schwersten Mefloquin-Nebenwirkungen“ gelitten, auch er stand „nur knapp vor dem Selbstmord“. Nun, fünf Jahre später, könne er wieder arbeiten. „Ganz erholt hab ich mich nie.“

Mefloquin – was ist das für ein Wirkstoff, der zwar nur in äußerst seltenen Fällen zu ernsten Nebenwirkungen führt, dann aber höchst eigentümliche und tödliche Folgen haben kann?

Vampir in den Blutzellen

Hat die Malariamücke den Parasiten einmal in unseren Körper gespritzt, vermehrt er sich rasch in unseren roten Blutzellen. Wie ein kleiner Vampir verstoffwechselt er dort den roten Blutfarbstoff. „Mefloquin greift in diesen Stoffwechsel ein“, sagt Ralf Ignatius, Mikrobiologe am Benjamin-Franklin-Krankenhaus in Berlin. Der Lebenszyklus des Parasiten wird unterbrochen.

Unangenehmer Nebeneffekt: Mefloquin kann auch auf das Gehirn wirken. Dort hemmt das Mittel vermutlich ein Enzym, das den Botenstoff Acetylcholin abbaut. Acetylcholin ist dazu da, Signale bestimmter Nervenzellen zu anderen Nervenzellen weiterzuleiten. Haben die Zellen sich ausgetauscht, wird der Botenstoff von dem Enzym abgebaut; die Signalübertragung ist damit beendet. Wird aber der Abbau des Botenstoffs gehemmt, bleibt die Signalübertragung erhalten – es kommt zu einer Dauererregung im Nervensystem. So könnte Mefloquin die psychischen Nebenwirkungen auslösen.

Statistisch lässt sich allerdings keine Verbindung zwischen Lariam und Selbstmord herstellen. Den elf Suiziden etwa, die die US-Gesundheitsbehörde registriert hat, stehen Millionen von Menschen gegenüber, die das Medikament zu sich genommen haben. Von einer Systematik könne da keine Rede sein, sagen die US-Gesundheitsbehörde und der Hersteller von Lariam, die Pharmafirma Hoffmann-LaRoche.

Eine Alternative zu Lariam ist das Medikament Malarone der Firma GlaxoSmithKline. Bislang ist das Präparat aber nur wenig erforscht, Langzeitstudien fehlen. Eine Untersuchung kam zwar zu dem Ergebnis, dass der Konsum von Malarone in nur 14 Prozent der Fälle zu psychischen Nebenwirkungen führt. Zum Vergleich: Bei Lariam betrug diese Zahl 29 Prozent. Die Studie wurde allerdings von GlaxoSmithKline selbst finanziert.

Und auch Malarone hat Nachteile: Bei Lariam muss man nur einmal pro Woche eine Pille schlucken. Bei Malarone jeden Tag – sonst droht Malaria.

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