Gesundheit : Ich finde gut an mir, dass ich verliebt bin

Eine Woche lang Toleranz lernen, mit Videos, Spielen und ohne Moral: Ein Unterrichtspaket des Anne Frank Zentrums

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Von Amory Burchard

Hakan ist Türke, lebt in Berlin und bekennt sich zu seiner Homosexualität. Florian ist Österreicher, lebt in Linz und schreibt am liebsten Autogramme „und sei es auch nur für meine Mutter“. Anja ist Deutsche, lebt in Wismar und bekommt mit 15 ein Baby. Die Jugendlichen treten in einem Video auf, das das Anne Frank Zentrum Schulen in Europa für das „interkulturelle Lernen“ anbietet. Erziehung zur Toleranz, sagt Thomas Heppener, Deutschland-Beauftragter des Anne Frank Zentrums, bedeute auch, dass sich die 13- bis 18-jährigen Zuschauer von den Leuten im Film abgrenzen könnten.

Acht junge Europäer aus verschiedenen Staaten und mit unterschiedlicher ethnischer Herkunft erzählen in den hart geschnittenen Video-Clips des Unterrichtsfilms ihre Geschichte. Mit einzelnen Charakteren sollen sich Lehrer und Schüler im Ethikunterricht, in Deutsch, Erdkunde, Politischer Weltkunde oder in einer Projektwoche beschäftigen. Für die Schüler gibt es außer dem Film im dynamischen MTV-Stil einen Klassensatz mit 30 bunten Heften, in denen Jugendthemen wie Idole und Ideale, Aussehen und Äußerlichkeiten, Liebe und Freundschaft, Zukunft und Perspektiven zur Diskussion gestellt werden. Die Aussagen, die Hakan, Florian, Anja und die anderen schon im Video gemacht haben, werden in der Zeitung noch einmal zugespitzt.

Es geht um Lebensgeschichten, ausgehend von der historischen Biografie des Mädchens Anne Frank, mit der das Zentrum traditionell arbeitet, erklärt Thomas Heppener. Dabei wolle man nicht mit einer moralischen Botschaft in die Schulen kommen, den Jugendlichen nicht etwa Intoleranz gegenüber anderen Kulturen vorwerfen. Sie könnten Vielfalt als etwas Positives erleben, und trotzdem die Probleme benennen. Hakan will eigentlich ein dickes Auto fahren und dicke Kohle verdienen. Das, sagt Jan van Kooten vom Amsterdamer Anne Frank Zentrum, habe nichts mit seiner Herkunft und seiner sexuellen Orientierung zu tun. Hakan erzählt aber auch, dass er gerade das Abi nachmacht und Psychologie studieren will.

Oder Nuno, ein junger Portugiese, der in Luxemburg lebt. Er ist Spastiker und kann sich nur schwer artikulieren. Sein nicht behinderter bester Freund dolmetscht: „Ich finde gut bei mir, dass ich verliebt bin.“ Stoff für Diskussionen über Themen, die alle Jugendlichen in Europa bewegen, sollen die Videos liefern. Und den Raum für eine kreative Auseinandersetzung mit diesen Problemen öffnen.

Als drittes Medium neben Videofilm und Begleitheft bekommen die Lehrer eine „didaktische Kartei“ in die Hand. Die enthält Vorschläge für Aktivitäten, in denen sich die Schüler spielerisch mit den sie bewegenden Fragen auseinander setzen können. Sie werden losgeschickt, um Mitschülern und Leuten auf der Straße einen Spiegel vorzuhalten und sie nach ihrem Selbstbild zu befragen. Sie formulieren Briefe in der Rolle eines fiktiven Freundes, der ihre Eigenschaften treffend beschreibt. Sie machen Fotoreportagen und schreiben Gedichte.Wichtig sei es, die Jugendlichen in kleinen Gruppen kreativ arbeiten zu lassen, sagt Jan van Kooten. Dann kämen individuelle Stärken zum Zuge – so wie bei den Protagonisten der Video-Clips. Ein holländischer Lehrer habe in der Testphase kritisiert, dass „nur starke Persönlichkeiten“ vor der Kamera gestanden hätten. Stimmt nicht, sagt van Kooten. Beim Filmen habe einfach jeder dieser Jugendlichen seinen starken Punkt gefunden.

Bevor Lehrer und Jugendsozialarbeiter das Toleranz-Paket in ihre Klassen oder Gruppen bringen können, müssen sie selber ein Seminar absolvieren. Junge Trainer vom Anne Frank Zentrum erläutern das Programm einen Tag lang und spielen einige der vorgeschlagenen Aktivitäten mit den Lehrern durch. Für die neuen Bundesländer und Berlin fördert das Bundesprogramm Xenos jetzt Medien-Pakete für 800 Schulen und finanziert drei Mitarbeiterstellen. Ansonsten kostet ein Klassensatz 75 Euro, das Trainerhonorar für Lehrer-Gruppen bis zu 20 Teilnehmern 364 Euro.

Informationen und Bestelladresse: Anne Frank Zentrum, Oranienburger Straße 26, 10117 Berlin; Telefon: 030/308 72 988; e-mail: zentrum@annefrank.de

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