Gesundheit : Ich habe meinen Regenschirm vergessen - Vom langsamen Lesen und weichen Denken

Hans von Seggern

In einem Brief an den Freund Peter Gast bemerkt Friedrich Nietzsche wenige Jahre vor seinem geistigen Zusammenbruch in Turin, in seinen Notizbüchern denke er schreibend nur für sich. Allenfalls Freunden seien seine "Kritzeleien" zugänglich und der Gedanke an "Publizität" eigentlich ausgeschlossen: "Ist es jetzt deutlich zu lesen?", fragt er rhetorisch seinen Adressaten, um sich seine Frage wie folgt zu beantworten: "Ich schreibe wie ein Schwein."

Anschwellender Nietzsche-Rummel: Hundert Jahre nach dem Tod Friedrich Nietzsches wissen die Zeitungen Erstaunliches zu berichten. Ein Philosophieprofessor verkündet, es gälte, "Leit- und Leidfäden" aus Nietzsches Texten zu rekonstruieren. Gegen die geplante Neuausgabe später Niederschriften des Philosophen, die an diesem Wochenende im Rahmen einer Tagung des Kollegs Friedrich Nietzsche in Weimar vorgestellt wurde, setzt er die Bedeutung des Frühwerks als trotzigen Kontrapunkt: "An Handschriften haben wir herausgefunden, dass schon der drei Monate alte Nietzsche in seiner Familie als Autor eines Gedichtes galt, das man der Großmutter überreichte." Großartig.

Gegen fragwürdiges Expertenwissen traten bereits vor mehr als 30 Jahren Giorgio Colli und Mazzino Montinari mit der Arbeit an einer Nietzsche-Ausgabe in authentischer Textgestalt an. Als Montinari damit begann, den von Elisabeth Förster-Nietzsche malträtierten Nachlass in nicht manipulierter Form zu edieren, spöttelten Kritiker, nun werde man noch Unsinn drucken wie das Notat "Ich haben meinen Regenschirm vergessen." Jacques Derrida nahm den Kritikern den Wind aus den Segeln, indem er den Satz mit der ihm eigenen interpretatorischen Chuzpe zum Kern einer sprachtheoretischen Nietzsche-Lektüre machte. Hieran erinnerte Bettine Menke (Jena), die in die philosophischen Implikationen des Tagungs-Mottos einführte.

Medientheoretische Überlegungen standen im Mittelpunkt der Diskussion. Die von Martin Stingelin (Basel) anhand von Nietzsche-Briefen brillant vorgetragenen Grundzüge einer "Genealogie des Schreibens" mündeten in den Fragen, wie hoch der Anteil der Schreibwerkzeuge am Verfertigen der Gedanken sei und wie sich dieser Anteil editionsphilologisch mitteilen ließe. Um der Forderung Nietzsches nach einer langsamen Lektüre seiner Werke nachzukommen, empfahl Stingelin, die Texte des Philosophen in Fraktur zu setzen. Wie eine Antwort darauf nahm sich die anschließende Präsentation der Ausgabe von Notizbüchern und Heften Nietzsches aus den Jahren 1885-89 durch die Editoren Marie-Luise Haase (Berlin) und Michael Kohlenbach (Basel) aus.

Neben in "Sonntagsschrift" verfaßten Reinschriften werden Pläne, Entwürfe, Beobachtungen zu Alltagsgegenständen wie auch Einkaufslisten und Hoteladressen in der Edition dokumentiert. Gegen die erzwungene Glättung früherer Ausgaben wird nun ein Höchstmaß an Authentizität angestrebt. Nietzsches Notizbücher sollen daher auch nicht in dickleibigen Bänden, sondern in Heftform erscheinen. Die Heterogenität der Textstruktur zeigt die Edition in neuer Drastik. Texteinschübe, Unter- und Durchstreichungen, das Schreiben mit verschiedenen Schreibwerkzeugen und Farben werden von der Ausgabe, deren erste Lieferung nahezu druckfertig ist, sichtbar gemacht. Im Anschluß an eine handschriftliche Aufzeichnung der Überschrift des geplanten Hauptwerks "Der Wille zur Macht" etwa findet sich - fast wie ein Untertitel - die Notiz: "Zahnbürste".

Die Diskussion machte deutlich, dass die Überführung des Handschrift in Typographie oder - präziser - in "computergenerierte Simulation von Typographie" (Axel Preuß / Berlin) notwendig ihre Grenzen hat. Die Idee, die verschiedenen Stufen der Textgenese auf CD-Rom nachvollziehbar zu machen, erschien nur Wenigen sinnvoll. Konsequenter wäre es, neben dem Drucktext die faksimilierten Handschriften abzudrucken. Dies wird aber offenbar noch vom Verlag blockiert. Dass Denkstücke Nietzsches häufig konterkariert werden durch gegenlautende Passagen, macht sie zum Paradigma eines "weichen Denkens" mit wechselnden Perspektiven, wie Diana Behler (Seattle) in ihrem Überblick über feministische Forschungspositionen darlegte.

In ihrer Laudatio auf die Editoren würdigte Friederike Wißmann (Berlin) deren Arbeit an einem "langsamen" Text als detektivische Meisterleistung.. Vor allem setzt die von Marie-Luise Haase und Michael Kohlenbach vorgelegte, akribische Transkription handschriftlicher Aufzeichnungen in gedruckten Text Maßstäbe für das mühsame Entzifferungs-Handwerk der Editionsphilologie.

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