Gesundheit : „Ich wollte nie nur Philosoph sein“

Der Berliner Michael Theunissen, der heute siebzig Jahre alt wird, über die Schwierigkeit der Philosophie, Alternativen zum Bestehenden aufzuzeigen

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Herr Theunissen, sich ausschließlich mit der Philosophie abzugeben, wäre ebenso merkwürdig, wie wenn man nichts als Meerrettich essen wollte, heißt es in Pasternaks Roman „Doktor Schiwago“. Sie sind dagegen dieser „geistigen Kost“ nie überdrüssig geworden.

Ich wollte nie nur Philosoph sein. Darum war mir ein Austausch mit anderen Wissenschaften wichtig, die Zusammenarbeit mit Medizinern, insbesondere Psychiatern, Theologen, Literaturwissenschaftlern und Klassischen Philologen. Außerdem neige ich zu einem Verständnis von Philosophie, wonach diese ebensosehr mit Kunst und Religion zusammengehört. Schließlich habe ich mich von früh an politisch engagiert, ja sogar harte Kämpfe durchgestanden und zwar keineswegs abgetrennt von meinen philosophischen Überzeugungen. Nach alledem bestand meine Kost aus mehr als Meerrettich.

Wenn Sie heute zurückblicken: Gab es so etwas wie ein geistiges Schlüsselerlebnis?

In die Richtung der Philosophie wurde ich schon dadurch gezogen, dass mir eine im 15. Lebensjahr zugezogene Augenverletzung, die ein Dutzend mehrwöchiger Klinikaufenthalte mit verbundenen Augen zur Folge hatte, reichlich Gelegenheit zum Nachdenken verschaffte. Weiter in diese Richtung trieb mich wenig später die Lektüre der Schrift „Furcht und Zittern“ von Kierkegaard, über den ich dann auch meine Dissertation schrieb. Die Begegnung mit ihm könnte man insofern ein Schlüsselerlebnis nennen, als sie mir die Lebensrelevanz der Philosophie aufgeschlossen hat.

Auf den ersten Blick scheint Ihre Beschäftigung mit so unterschiedlichen Denkern wie Hegel und Kierkegaard überraschend. Worin bestand das Ziel Ihres Denkens?

Zwischen Hegel und Kierkegaard tut sich nach herrschender Meinung eine unüberbrückbare Kluft auf. Trotzdem haben meine Denkversuche ihre besondere Prägung erst dadurch erfahren, dass ich von Kierkegaard aus über mehrere Zwischenstationen auf Hegel zugegangen bin. Eines meiner Ziele ist eine Philosophie, welche die anthropologische Fragestellung Kierkegaards in sich aufnimmt, aber in eine Theorie des Ganzen integriert. Viele meinen heute, dass seriöse Philosophie erst um 1900 begonnen hätte und dass wir deswegen die vorausgegangenen Jahrtausende vergessen dürften. Aber wie es in Goethes West-Östlichem Diwan heißt: „Wer nicht von dreitausend Jahren sich weiß Rechenschaft zu geben, bleib’ im Dunkeln unerfahren, mag von Tag zu Tage leben.“ Hermeneutische Arbeit ist keine Bestandsaufnahme. Sie transformiert das Überlieferte in eine Philosophie, die es vorher nicht gegeben hat.

Bildet für Sie – ähnlich wie etwa für Heidegger – das Denken der frühen Griechen den Ausgangspunkt allen Philosophierens?

Ich bin von der Notwendigkeit, bis auf die Griechen zurückzugehen überzeugt. Als Seitenstück zu der von der analytischen Philosophie geleisteten Klärung der Ausdrücke, die wir in unserer Alltagssprache verwenden, brauchen wir eine Archäologie der genuin philosophischen Begriffe, die uns die frühen Griechen vermittelt haben.

Ihr philosophischer Standort wurde einmal als „Dialektischer Negativismus“ beschrieben. Was will das besagen?

Negativismus ist ein Begriff aus der Psychiatrie. Ich habe ihn absichtlich gewählt, um die Nähe der mich interessierenden Phänomene zu Erscheinungen der kranken Seele anzudeuten. In meiner theoretischen Arbeit spielen ja zumal klinische Depression und Schizophrenie eine maßgebliche Rolle. Allerdings verharrt der von Psychiatern diagnostizierte Negativismus ganz und gar im Negativen. Der dialektische Negativismus geht dagegen vom wertmäßig Negativen nur aus, um ihm eine Anzeige auf Positives zu entnehmen. Schwermut, Angst und Verzweiflung sollen in ein von ihnen freies Leben aufgehoben, der Tod soll durch seine Hereinnahme ins Leben bewältigt werden.

Wenn Sie Ihre philosophische Betrachtungsweise zur Grundlage einer Definition der aktuellen Probleme nehmen …

Es wäre naiv oder überheblich, wollte ein Philosoph zu Beginn des dritten Jahrtausends sich anheischig machen, die aktuellen Probleme zu definieren, sie gar zu lösen. Die Welt hat eine Komplexität gewonnen, die der Philosophie ungeheuer erschwert, ihre Zeit in Gedanken zu fassen. Was Philosophie noch am ehesten vermag, ist kritische Reflexion auf die gegenwärtige Bewusstseinslage. Nur muss sie anerkennen, dass in der ökonomischen Basis der Gesellschaft autonomisierte Strukturen sich ausgebildet haben, an die kein Bewusstsein heranreicht.

Bewerten Sie damit die Wirkungsmöglichkeit der Philosophie nicht doch zu pessimistisch?

Die Spatzen pfeifen es doch von den Dächern: Philosophie hat nach der Besetzung ihres Terrains durch die positiven Wissenschaften kein eigenes Betätigungsfeld und darum auch kein Existenzrecht mehr. Es scheint, als würde sie von ihren eigenen Kindern aufgefressen. Dem muss ich freilich widersprechen. Ich möchte zumindest drei Forschungsgebiete nennen, auf denen Philosophie sich durch keine der sie angeblich beerbenden Wissenschaften ersetzen lässt: die kritische Reflexion dieser Wissenschaften selbst, die Rechenschaft über das Leben, das wir Menschen zu führen haben, und das Präsenthalten unserer Herkunftsgeschichte. Philosophie ist die einzige Instanz, die das Ganze dieser Geschichte zu umgreifen vermag. Aber auch die Erhellung bewussten Lebens kann der Philosophie keine andere Wissenschaft abnehmen. Dieses Leben ist in den Naturwissenschaften überhaupt kein Thema und in den Geisteswissenschaften rückt es höchstens da in den Blick, wo sie philosophisch angeleitet sind.

Wie steht es um den öffentlichen Diskurs?

Argwöhnisch bin ich nicht bloß gegen die marktgängige Reduktion von Philosophie auf Lebenskunst. Meinen Argwohn rufen alle Philosophen hervor, die auf den unleugbaren Verlust ihres Metiers an öffentlicher Geltung damit reagieren, dass sie sich andienen. Allerdings gibt es unter unseren Zeitgenossen ein Bedürfnis nach Philosophie, das tiefer sitzt als das Verlangen nach Rezepten für eine reibungslose Daseinsbewältigung. Die Nachdenklichen unter ihnen erwarten von der Philosophie Alternativen zum Bestehenden. Sie wollen mit guten Gründen in ihrer geheimen, immer wieder von Zweifeln heimgesuchten Hoffnung bestärkt werden, dass ein anderes Leben möglich ist als das ihnen angebotene.

Das Gespräch führte Adelbert Reif

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