Gesundheit : Illegaler Handel mit Leichenteilen

Räuber entnahmen Toten Sehnen und Muskeln. Das Gewebe wurde in die USA und nach Europa verkauft

Nicola Siegm,-Schultze

Die Angehörigen des berühmten britisch-amerikanischen Journalisten Alistair Cooke waren geschockt: Anderthalb Jahre nach seinem Tod erfuhren sie über die Medien, dass die Urne, die sie vom New Yorker Krematorium bekommen hatten, kaum mehr Überreste des Toten enthalten konnte. Der im Alter von 95 Jahren an einem Lungenkarzinom gestorbene Radio- und Fernsehjournalist war vor seiner Einäscherung regelrecht entbeint worden: Sehnen, Muskelgewebe und Knochen wurden ohne Genehmigung entfernt und an Firmen verkauft, die sie für Transplantationen aufbereiteten. Verwendung finden solche Gewebe häufig in der Unfallchirurgie, beim Gelenkersatz, zur Abdeckung von Körperregionen – zum Beispiel bei angeborenen Erkrankungen wie dem offenen Rücken (Spina bifida) – oder in der Kieferchirurgie.

Aufgeflogen war der Diebstahl von Cookes Körperteilen, weil die New Yorker Polizei inzwischen systematisch die Unterlagen von Beerdigungsinstituten, Krematorien und Leichenhallen auf illegale Entfernung von Körperteilen und Geweben hin durchforstet. Denn in den USA blüht der illegale Handel mit den Überresten von Toten offenbar. Die Abnehmer der Leichenteile sind Forschungsinstitute, Universitäten und Pharmaunternehmen. Die Gewebe werden an den Universitäten für Forschung und Lehre verwendet, teilweise auch für die Therapie, zum Beispiel für die Verpflanzung von Knochenteilen bei Bandscheibendefekten oder von Sehnenstücken ins Knie. Firmen nutzen die Gewebe entweder ebenfalls für Forschungszwecke oder verkaufen sie nach der Aufbereitung.

Auch gemeinnützige Forschungsinstitute oder Universitätskliniken sind häufig Quellen, aus denen sich der Handel mit Leichenteilen speist: Viele Tote, die zu Lebzeiten verfügt haben, dass ihre sterblichen Überreste Forschung und Lehre zugute kommen sollten, landen offenbar bei Leichenhändlern.

Im Fall von Alistair Cooke hatte das Nachfolgeunternehmen des Bestattungsinstituts, das seine Beerdigung durchgeführt hatte, Unregelmäßigkeiten in der Buchführung entdeckt und die Polizei informiert. Es gibt aber auch immer wieder anonyme Hinweise von Menschen, die in Leichenhallen, Krematorien oder Bestattungsunternehmen arbeiten.

Das US-Gesundheitsministerium will Institutionen, denen Tote anvertraut werden, künftig stärker kontrollieren. Außerdem soll die Zusammenarbeit zwischen Universitäten, Beerdigungsinstituten, Krematorien und Firmen, die Gewebe und Zellen weiterverarbeiten, künftig strengen Auflagen unterliegen.

Der Mann, der auch die Knochen des Journalisten Cooke hatte entnehmen lassen, ist inzwischen zu 20 Jahren Haft verurteilt worden, weil er mehrere hundert Leichen unrechtmäßig in seinen Besitz gebracht und deren Gewebe weiterverwendet hatte. Cookes Angehörige sind nicht nur in ihrem Pietätsgefühl verletzt. Sie fürchten auch, dass die mit Krebszellen durchsetzten Knochen des alten Mannes Patienten übertragen worden sein könnten und bei ihnen Krebs hervorrufen. Todesfälle durch mit Viren oder Bakterien verseuchtes Gewebe hat es mangels Überprüfung von Qualitätsstandards in den USA, aber auch in der Europäischen Union schon gegeben.

Schon 2004 war das Willed Body Program der Universität von Kalifornien gestoppt worden, dem jährlich rund 175 Menschen ihren Körper nach dem Tode für Forschung und Lehre zur Verfügung gestellt hatten. Der Direktor des Programms hatte einer Firma, die Zellen und Gewebe weiterverarbeitet, erlaubt, sich an etwa 500 Toten zu bedienen, und dafür mindestens 700 000 Dollar kassiert.

Auch Deutschland bezieht Leichengewebe aus den USA und anderen Ländern, weil der Bedarf an Humangewebe aus deutschen Quellen nicht gedeckt werden kann. Eines der Unternehmen, die sich auf Gewinnung, Weiterverarbeitung und Verkauf von Gewebe und Gewebeprodukten als Arzneimittel spezialisiert hat, ist die Firma Tutogen mit Stammsitz in Alachua, Florida. In Neunkirchen bei Bamberg gibt es eine weitere Produktionsstätte. Dort werden Binde- und Stützgewebe zu Arzneimitteln verarbeitet, die vor allem in der allgemeinen und der Dentalchirurgie verwendet werden.

„Tutogen arbeitet in Deutschland ausschließlich mit rechtsmedizinischen Instituten zusammen, weder mit Beerdigungsinstituten noch Krematorien“, erläuterte Karl Koschatzky, Geschäftsführer von Tutogen, dem Tagesspiegel. So solle der illegalen Gewinnung von Geweben vorgebeugt werden. Das Vorgehen sei genau mit Behörden und der lokalen Ethikkommission abgestimmt, bestätigte Professor Hansjürgen Bratzke, der das Institut für Rechtsmedizin der Universität Frankfurt leitet.

In den USA hat Tutogen dagegen mit einigen Kooperationspartnern schlechte Erfahrungen gemacht. Der Geschäftsbericht für 2005 weist aus, dass 1,3 der 31,86 Millionen Dollar Gesamteinnahmen für eine Rückholaktion von Produkten verwendet wurden, die Tutogen aus Gewebe hergestellt hatte, das von der Firma Biomedical Tissue Services (BTS) kam. Deren ehemaliger Chef, Michael Mastromarino, ist zusammen mit dem früheren Besitzer eines New Yorker Beerdigungsinstitutes angeklagt, sich mehr als tausend Leichen oder Teile von Toten illegal angeeignet und sie verkauft zu haben. Auch 25 britische Krankenhäuser sollen im Jahr 2005 Material von der umstrittenen US-Firma erhalten haben. BTS wird vorgeworfen, die Bezugsquellen für das Gewebe nicht ausreichend geprüft zu haben. Auch die Arme und Beine des Journalisten Alistair Cooke waren trotz zweifelhafter Herkunft weiterverkauft worden.

Obwohl es in den USA anders als in Deutschland ein „Recht auf Eigenkommerzialisierung“ gibt, das es Bürgern erlaubt, über eine Vermarktung ihrer Körpersubstanzen selbst zu entscheiden, ist es auch dort verboten, menschliche Körperteile zu verkaufen. Nur Aufwandsentschädigungen sind erlaubt. Darüber, welcher Geldbetrag dabei angemessen ist, gehen die Meinungen jedoch stark auseinander – auch in Deutschland. (mit AFP)

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