Gesundheit : Im 53. Semester

Langzeitstudierende haben viele Probleme – die Freie Universität Berlin hilft ihnen mit Gesprächen und viel Druck

Thanassis Kalaitzis

Wie lässt sich das Problem der „bemoosten“ Köpfe lösen? 27 000 Berliner Studenten sind in einem höheren als dem 14. Hochschulsemester eingeschrieben. Der Senat will sie vom Sommersemester 2005 an mit Langzeitgebühren zur Eile treiben – und vor allem Geld für den Landeshaushalt abschöpfen. Die Freie Universität versucht als einzige in Berlin etwas anderes: die „Prüfungsberatung“, vom Asta „Zwangsberatung“ genannt. Seit dem Sommersemester 2003 nehmen die Professoren jeden einzelnen Kandidaten ins Gespräch, der zu langsam ist.

Nach sechs, respektive acht Semestern muss man zur Zwischenprüfung angemeldet sein. Zum Examen muss man sich spätestens gemeldet haben, wenn man die Regelstudienzeit um drei Semester überschritten hat, also meist nach neun bis zwölf Semestern. Ist das nicht der Fall, kommt Post von der Freien Universität ins Haus. Der Kandidat oder die Kandidaten werden zur Prüfungsberatung bei einem Professor vorgeladen. Tritt der Studierende dort einfach nicht an, wird er exmatrikuliert. Wer zum Gespräch erscheint, muss nachweisen, dass er in den letzten zwei Semestern Studienleistungen oder Prüfungen erbracht hat. Dann bleibt es bei freundlichen Mahnungen von Seiten des Professors.

Kann ein Student keine Leistungen aus den letzten beiden Semestern nachweisen, bekommt er Auflagen: Die Professoren legen fest, was der Studierende in der nächsten Zeit für Leistungen erbringen muss, um immatrikuliert zu bleiben. Stellt sich später heraus, dass jemand die auferlegten Scheine nicht gemacht hat, wird er exmatrikuliert.

Im letzten Semester gingen über 10000 dieser Briefe an Studierende der FU Berlin. Über 1000 Immatrikulierte meldeten sich nicht zur Beratung und wurden deshalb exmatrikuliert, weitere etwa 750 Angeschriebene exmatrikulierten sich von selbst. Der Rest, etwa 8000 Studierende, wurden schließlich beraten – ein enormer Arbeitsaufwand für die Professoren.

Die Arbeit lohnt sich aber, meint Matthias Dannenberg, der Verwaltungsleiter des Fachbereichs Philosophie und Geisteswissenschaften. Im Moment überprüft die Uni zum ersten Mal, ob die Studierenden sich an die Auflagen gehalten haben – der erste Eindruck sei sehr erfreulich. „Das Ziel ist ja auch gerade nicht, die Studierenden rauszuschmeißen, sondern sie zum Abschluss zu führen“, sagt Dannenberg. „Überwinden Sie ihre persönlichen Probleme“, raten die Professoren. Oder: „Haben Sie Mut zur Lücke, melden Sie sich endlich an!“

Doris Kolesch hat fast 50 Beratungen von je etwa einer halben Stunde hinter sich gebracht. Die Professorin für Theaterwissenschaften glaubt, dass verspätete Abschlüsse vor allem in der Lebenssituation der Studierenden begründet sind. Viele arbeiteten und hätten sich im Studentenleben eingerichtet. Im Beratungsgespräch „mauern manche total, andere werden sehr intim“, berichtet sie. Ihr sei häufig „ein permanentes schlechtes Gewissen und viel Hilflosigkeit“ begegnet.

Der Asta sieht in den Beratungen eine Einschränkung der Studienfreiheit, die die Probleme der Studierenden und der Massenuni nicht beheben. Viele Studenten reagieren auf die Zwangsberatung aber dankbar. Für sie ist die Beratung eine Erleichterung und eine Hilfe, das Studium fortzusetzen. Eine Ultra-Langzeitstudentin der Philosophie im 30.Semester berichtet: „Die Ansprüche an wissenschaftliches Arbeiten wurden einfach zu groß. Es fing mit einer Schreibhemmung an, dann kam die Angst vor Prüfern, ihren Fragen und vor dem Eingeständnis gescheitert zu sein.“ Ihr Wunsch Professorin zu werden, den sie beim Eintritt in die Uni hatte, wird sich nun kaum mehr realisieren lassen.

Aber vielleicht klappt es doch noch mit dem Examen. Doch warum hat man ihr nicht früher geholfen, fragt sie: „Die Beratung und Ermutigung durch das Lehrpersonal hätte ich gerne schon im Grundstudium gehabt!" So denkt auch Katja, die im 13. Semester Literaturwissenschaften studiert: „Es war schon in Ordnung, wieder auf das Studium gestoßen zu werden.“ Trotzdem fände sie ein studienbegleitendes Mentorenmodell besser. „Die Hochschule sollte sich der Verantwortung für ihre Studenten bereits während des Studiums stellen!“ Und sie beklagt: „Die Professoren verlangen viel, aber sie vernachlässigen ihre Studierenden.“

Doris Kolesch glaubt, dass die Unis von falschen Voraussetzungen ausgehen: „Es ist falsch zu glauben, dass die Abiturienten mit Hochschulreife, also Sprach- und Organisationsfähigkeit und Selbstdisziplin an die Uni kommen!“

Der Germanist Bernd Balzer hat eine andere Theorie zu Langzeitstudien: Vor 30 Jahren sei das Studium eine Übergangsphase gewesen, die aufs Berufsleben vorbereitete. Seit den Siebzigern habe sich diese Zeit jedoch „zur Lebensphase mit eigenem Lebensabschnittsrecht“ gemausert. Einer seiner 38 Beratungsfälle sei im 53. Semester gewesen und habe überlegt, den Abschluss zeitgleich mit seiner Tochter zu machen. Balzers Resümee: „Das Bild des Langzeitstudenten wurde innerhalb und außerhalb der Uni nicht kritisch genug betrachtet.“

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