Gesundheit : Im April startet der Mammut-Test an 1500 deutschen Schulen

Thomas Gehringer

"Du hast mit deinem Auto zwei Drittel der Gesamtstrecke zurückgelegt. Du bist mit einem vollen Tank losgefahren, und jetzt ist dein Tank noch zu einem Viertel gefüllt. Hast Du ein Problem?" Kommt darauf an, ob man gerade auf der Autobahn bei Kassel oder in Sibirien unterwegs ist. Marianne Demmer von der Gewerkschaft Erziehung und Wissenschaft (GEW) hat eine andere Antwort parat: "Ja, denn ich bin noch nicht volljährig, fahre ohne Führerschein und darf nicht erwischt werden."

Das wäre in der Tat eine einleuchtende Antwort, denn die Frage wird demnächst 15-jährigen Schülern in 32 Ländern, darunter auch in Deutschland, gestellt. Sie gehört zum Fragebogen des "Programme For International Student Assessment" (PISA), jener ehrgeizigen OECD-Studie, die alle drei Jahre Daten über Schülerleistungen in Mathematik, Naturwissenschaften und Lesen erheben soll. In diesem Jahr liegt der Schwerpunkt auf Lesekompetenz, 2003 auf Mathematik, 2006 auf den Naturwissenschaften. Im April beginnen die Tests an fast 1500 deutschen Schulen, mit einbezogen werden 57 000 deutsche Schüler. Die Befunde der jüngsten TIMSS-Studie, die deutschen Schülern nur ein dürftiges Wissen in Mathematik, Physik, Chemie und Biologie bescheinigte, erregten große Aufmerksamkeit. Seitdem haben schulische Leistungsvergleiche Konjunktur.

Kurz vor dem neuen Mammut-Test schwanken die Beteiligten zwischen Optimismus, Skepsis und kritischer Ablehnung, wie eine Fachtagung der Kultusministerkonferenz (KMK) in Königswinter bewies. Marianne Demmer befürchtet eine "Dynamik hin zu immer mehr Tests, die nicht mit den pädagogischen Erfordernissen an den Schulen vereinbar ist". Diese Sorge teilt sie mit dem Essener Bildungsforscher Klaus Klemm, der Leistungsstudien "als Dauerveranstaltung" für kontraproduktiv hält. Die PISA-Studie sei so anzulegen, dass sie von den Lehrern nicht als Belastung wahrgenommen werde. Allerdings bescheinigte er den Planern des Tests, dass dort - im Gegensatz zu TIMSS - "Daten zu Kontext und Prozess" miterhoben werden, "um unfaire Vergleiche für Einzelschulen zu verhindern".

Tatsächlich sollen neben den eigentlichen Leistungstests auch Fragebögen an Schüler und Schulleiter verteilt werden, die Aufschluss über die Sozialstruktur der Schülerschaft, aber auch das pädagogische Schulklima erlauben. Dass Lehrer nicht befragt werden, stößt bei der GEW auf Kritik. Dass die Eltern noch zu wenig über PISA informiert sind, bemängelte Renate Hendricks, die Vorsitzende des Bundeselternrates. Im übrigen begrüßte sie die Tests, weil dadurch die "Intimsphäre Unterricht", die von den Eltern nach wie vor nicht kritisiert werden dürfe, ein wenig aufgebrochen wird.

Nicht PISA selbst, sondern der Umgang mit den Ergebnissen scheint die größte Sorge der Beteiligten zu sein. Erste Ergebnisse werden gegen Ende 2001 erwartet. Nach den ersten Vortests mit 3500 Schülern im vergangenen Jahr "können wir einige Besorgnisse im Vorfeld zu Grabe tragen", erklärte Jürgen Baumert vom Berliner Max-Planck-Institut für Bildungsforschung, das die Durchführung von PISA in Deutschland koordiniert. Baumert nannte keine Einzelheiten, doch bekannt ist mittlerweile, dass sich die Sorge vor mangelnder Testmotivation bei den Schülern als weitgehend unbegründet erwies.

Bereits das Design der Untersuchung gibt deutliche Hinweise auf Schwächen des deutschen Bildungssystems. Zum Beispiel in der Mathematik: Mit manchen Testfragen sind deutsche Hauptschüler von vorne herein überfordert, weil ihnen auf Grund der Lehrpläne der "Zugang zu elementaren algebraischen Techniken vorenthalten bleibt", wie es die nationale Expertengruppe Mathematik formuliert. Und da viele 15-Jährige als Neuntklässler in Deutschland im internationalen Vergleich ein Jahr später dran sind, können sie mit den auf die Lehrpläne der 10. Klasse ausgerichteten Fragen ebenfalls wenig anfangen.

Daher wird es in Deutschland eine zusätzliche Stichprobe in der Klasse 9 geben. Denn die internationalen Fragen fragen weniger den gelernten Stoff ab, sondern testen die mathematische Grundbildung mit realitätsnahen Situationen. Mehr als die Hälfte der Fragen lässt sich zudem nicht durch Ankreuzen beantworten, sondern erfordern - wie bei dem anfangs zitierten "Benzin-Problem" - eine offen formulierte Antwort. Nach Auskunft des Kasseler Fachdidaktikers Werner Blum, eines Mitglieds der Expertengruppe, sei die ursprüngliche Konzeption sogar noch anspruchsvoller gewesen. Doch Blum sieht "keine großen Schwachpunkte" und glaubt, dass PISA sowohl für den schulischen Unterricht als auch für die Wissenschaft selbst Chancen zur Weiterentwicklung bietet. Denn seit TIMSS habe sich qualitativ etwas verbessert: "die Bereitschaft miteinander zu sprechen, gerade auch in der Lehrerschaft".

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