Gesundheit : Im eigenen Saft

Münchner Institut für Zeitgeschichte drohen massive Kürzungen

Bodo Mrozek

Heftige Kritik muss derzeit das Institut für Zeitgeschichte (IfZ) hinnehmen: Das Institut sei nicht international genug, habe seine Spitzenposition verloren, und seine Strukturen seien unzeitgemäß. Dies sind die Ergebnisse einer Evaluation durch die Leibniz Gemeinschaft. Das Forschungsprogramm des IfZ sei nicht so überzeugend, dass eine vorbehaltlose Fortsetzung der Förderung zu empfehlen sei, haben nun die Gutachter festgestellt. Sollte die Bund-Länder-Kommission im Februar den Empfehlungen erwartungsgemäß zustimmen, wird die bisher siebenjährige Förderung auf nur mehr drei Jahre gekürzt: Das in der Ära Kohl massiv ausgebaute und hoch geschätzte Institut steht damit vor einer existenzbedrohenden Bewährungsprobe.

Einhelliges Negativ-Urteil

Das 1949 gegründete Institut mit Sitz in München und einer Berliner Außenstelle wird seit 1977 von Bund und Ländern gemeinsam finanziert. Die mit einem Jahresetat von 5,4 Millionen Euro geförderte Forschungseinrichtung beschäftigt insgesamt rund 100 Mitarbeiter. Das IfZ unterscheidet sich von anderen zeitgeschichtlichen Forschungsinstituten dadurch, dass es nach seinem eigenen Verständnis „die gesamte deutsche Geschichte des 20. Jahrhunderts im europäischen Zusammenhang“ erforscht und nicht zeitlich oder thematisch begrenzt ist.

Schwerpunkt war und ist die NS-Zeit mit Projekten zu den Goebbels-Tagebüchern oder zur Reichsschrifttumskammer. Das Institut dient Historikern mit Archiv und Bibliothek als überregionale Serviceeinrichtung und gibt mehrere Zeitschriften heraus, darunter die „Vierteljahreshefte für Zeitgeschichte“.

Das negative Urteil fällten die zehn an der Evaluation beteiligten Wissenschaftler einvernehmlich, darunter die Historiker Ulrich Herbert (Freiburg) und Hagen Schulze (London). Obwohl teilweise „beeindruckende Einzelleistungen“ in der Forschung erbracht würden, müsse auch die inhaltliche Arbeit verbessert werden, heißt es in dem Bericht, der im Internet veröffentlicht wurde. Auf die Kontroverse um die Wehrmachtsausstellung beispielsweise habe das Institut nur reagiert, jedoch keine eigene Initiative entwickelt.

Das Gutachten ist nicht die erste Kritik an der Arbeit des IfZ. Schon 1996 hatte der Wissenschaftsrat Empfehlungen ausgesprochen, die aber in wesentlichen Punkten nicht befolgt worden seien. So sollte das IfZ mehr Frauen beschäftigen und Leitungsfunktionen künftig wieder befristen. Der amtierende Direktor Horst Möller hatte anlässlich seiner Berufung die Leitungsstelle in eine unbefristete umwandeln lassen.

Sollte das Institut sich abermals nicht an die Empfehlungen halten, könnte ihm nach Auskunft des Evaluationsreferates der Leibniz Gemeinschaft dasselbe Schicksal drohen wie schon zuvor dem Institut für Umwelthygiene in Düsseldorf. Das Institut war nach mehreren erfolglosen Ermahnungen geschlossen worden. Krisenstimmung am Institut? „Nein", sagt Möller auf Anfrage. Für ihn ist die Kritik „zum größten Teil unberechtigt“ und „teils rechtlich gar nicht umsetzbar“. Er reagiere mit Verwunderung auf die „Tendenz“ des Berichtes, da viele Vorschläge längst durch aktuelle Entwicklungen am Institut überholt seien. Man sehe aber den Ernst der Lage und bemühe sich, sinnvolle Verbesserungsvorschläge umzusetzen, so Möller.

„Hoffnungslos veraltet“

In Historikerkreisen stößt die Kritik dagegen auf wenig Verwunderung. Der Bochumer Emeritus und NS-Forscher Hans Mommsen sagte dem Tagesspiegel, er teile grundsätzlich die Kritik: „Das Institut schmort im eigenen Saft, die Methoden sind bis auf wenige Ausnahmen hoffnungslos veraltet.“ Inhaltlich war das IfZ für seine konservative Ausrichtung immer wieder in die Kritik geraten. So hatte man jüngst eine Tagung zur Rolle des umstrittenen Historikers Hans Rothfels im Nationalsozialismus einseitig besetzt: Kritiker an Rothfels waren bis auf wenige Ausnahmen gar nicht erst nicht eingeladen worden.

Das Gutachten im Internet:

www.wgl.de/extern/evaluierung/index_6.html

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