Gesundheit : Im falschen Film

Psychiater suchen Wege aus der Stigmatisierung von Schizophrenie-Patienten – noch herrschen alte Bilder vom „Wahnsinn“ vor

Adelheid Müller-Lissner

Stigmatisierung ist in Heiligenlegenden eine Auszeichnung: An Händen und Füßen eines Menschen zeigen sich die Wundmale (griechisch: Stigmata) Christi. Als der amerikanische Soziologe Erving Goffman den altehrwürdigen Begriff 1963 in die Wissenschaft einführte, meinte er damit „die Situation des Individuums, das von vollständiger sozialer Akzeptierung ausgeschlossen ist“.

Auf zahlreiche Menschen mit psychischen Erkrankungen trifft diese ebenso nüchterne wie traurige Beschreibung des negativen „Gezeichnetseins“ auch im Jahr 2003 noch zu. Sie fühlen sich ausgeschlossen, und das häufig zu Recht. „Viele schizophrene Patienten verbergen vor ihrem Arbeitgeber, dass sie in einer psychiatrischen Klinik gewesen sind“, berichtet Wolfgang Gaebel, Direktor der Uniklinik für Psychiatrie und Psychotherapie in Düsseldorf. Tatsächlich bleiben auf lange Sicht 49 Prozent der schizophrenen Patienten ohne Beschäftigung. Ein Teufelskreis, denn wer nach der Behandlung im Krankenhaus Arbeit und Wohnung behalten hat oder neu findet, hat deutlich bessere Chancen, von neuen schweren Krankheitsschüben verschont zu bleiben.

Verständnis für Depressionen

Beim Deutschen Kongress für Psychiatrie, Psychotherapie und Nervenheilkunde, der kürzlich im Berliner ICC zu Ende ging, waren „Wege zur Entstigmatisierung“ bei Schizophrenie ein wichtiges Thema. Der vermeintliche Makel haftet den psychischen Krankheitsbildern heute in abgestufter Intensität an. Untersuchungen zeigen: Das größte Maß an sozialer Ablehnung schlägt eindeutig Alkoholabhängigen entgegen. Am meisten Verständnis hat die Bevölkerung für Menschen mit Angststörungen und Depressionen.

Die Haltung gegenüber Schizophrenen liegt dazwischen, ist aber von Angst vor unerwarteter Aggressivität der Kranken geprägt. „Schizophrenie-Patienten werden fälschlicherweise oft mit Aggressionen und Gewaltverbrechen in Verbindung gebracht“, sagt Gaebel. In einer repräsentativen Bevölkerungsbefragung gaben 70 Prozent der Interviewten im Jahr 2001 zu Protokoll, sie könnten sich keine Ehe mit einem schizophrenen Partner vorstellen. Immerhin 22 Prozent würden eine Freundschaft nicht fortführen, wenn die Erkrankung auftritt.

Eine ähnliche abgestufte Skepsis findet sich in der Einschätzung der verschiedenen Therapieformen. Psychopharmaka haben einen schlechten Leumund. „Die Meinung über sie ist stark von den Tranquilizern bestimmt“, sagt der Psychiater Thomas Becker von der Uni Ulm. „Solche Medikamente stellen die Leute doch nur künstlich ruhig“, ist eine der gängigen Meinungen. Psychotherapie dagegen hat heute – und da hat sich wirklich etwas verändert – einen ganz guten Ruf. Dass beide in der Behandlung von psychiatrischen Patienten gut zusammenpassen und sich bestens ergänzen, hat sich noch nicht herumgesprochen.

Nicht gerade verwunderlich, aber doch besonders tückisch ist, dass die Betroffenen selbst und ihre Angehörigen solche vorgefassten Meinungen häufig teilen. Sie reagieren mit Selbstabwertung, sozialem Rückzug und Verheimlichung des Leidens. Das führt auch dazu, dass viele von ihnen erst spät Hilfe suchen. Und damit auch dazu, dass ihre Chancen, von dem Leiden geheilt zu werden, deutlich sinken. Studien aus den vergangenen Jahren haben gezeigt, dass Betroffene, bei denen die Krankheit schon im Frühstadium erkannt wird, bessere Heilungschancen haben. Knapp ein Drittel aller Patienten werden heute dauerhaft geheilt. Und neuere Medikamente, für die bisher keine Langzeitdaten vorliegen, machen Hoffnung auf eine weitere Erhöhung dieses Prozentsatzes.

Hirnstruktur verändert sich

Die Chancen verschlechtern sich allerdings mit der Länge der Zeit, in der das Leiden unbehandelt bleibt. „Man vermutet heute, dass dafür Veränderungen der Gehirnstruktur bei längerer Krankheitsdauer die Ursache sind“, sagt Hans-Jürgen Möller, Leiter der Psychiatrischen Klinik der Uni München. Langfristig macht dann vor allem das Sorgen, was die Psychiater als „Negativsymptomatik“ bezeichnen, also Lethargie, Antriebslosigkeit und sozialer Rückzug. Einem Viertel der Patienten kann nicht aus ihrer anhaltenden Depression herausgeholfen werden.

Die „Positivsymptomatik“ schizophrener Patienten, das sind dagegen die aktiveren Krankheitszeichen wie Wahnvorstellungen und Verkennungen. Sie tragen am meisten zur sozialen Ablehnung bei, machen der Umwelt Angst und sind für die Medien ein gefundenes Fressen.

Der Freiburger Medizinethiker Giovanni Maio hat sich mit der Darstellung der Psychiatrie in den Medien beschäftigt. Aus gutem Grund: „Film und Fernsehen sind eine zentrale Quelle für das Bild der Öffentlichkeit über psychische Erkrankungen.“ Jeder zehnte Spielfilm behandelt das Thema – zumindest am Rande. War die „Irrenanstalt“ im frühen Stummfilm noch Schauplatz von Komödien, so wurde sie bis in die 60er-Jahre des vergangenen Jahrhunderts hinein zum Austragungsort von Krimis und Horrorgeschichten. Erst danach etablierte sie sich als Ort der Hilfe, aber auch der Unterdrückung („Einer flog über das Kuckucksnest“) und der Gleichgültigkeit. Heute steht eher das Innenleben der Kranken im Mittelpunkt, der Ort ihrer Behandlung ist nicht so wichtig.

Bedenklich findet Maio jedoch, dass in Filmen wie „A Beautiful Mind“ die psychisch kranke Identifikationsfigur zugleich als Genie dargestellt wird: Als könne man nur unter dieser Bedingung ihr Problem akzeptieren. Das Genie und der „Wahnsinnige“ bleiben dem Zuschauer jedoch fremd, „das Prinzip der Kontrastierung führt zur Überbetonung der Andersartigkeit“. Maio interessiert sich daher für den psychisch Kranken in seinem Leben als ganz normaler Bürger.

In Hollywood dürfte er mit diesem Vorschlag sicher scheitern. Doch im wirklichen Leben führt Tuchfühlung mit dem nur vermeintlich fremden psychisch Kranken nachweislich zum Abbau der Vorurteile. Aufklärungsprogramme, die der Weltverband für Psychiatrie im Rahmen seines Programms „Open the doors“ startete, versprechen deshalb Erfolg. In Leipzig erklären Menschen, die eine Schizophrenie überwunden haben, Schülern im Schulprojekt „Verrückt – na und?“ ihre Krankheit und ihre Behandlung. Die „Bayerische Anti-Stigma-Aktion“ hat im Internet ein „Stigma-Alarm-Netzwerk“ eingerichtet.

„Wir müssen an beiden Enden des Problems ansetzen“, mahnt Gaebel. „Wir brauchen mehr Aufklärung. Wir müssen aber auch die Behandlung der Schizophrenie so verbessern, dass die Unterschiede immer weniger wahrnehmbar werden.“

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