Gesundheit : Im Grab des Göttlichen

Archäologen wollen eine unberührte Maya-Ruhestätte in Palenque öffnen – nach fast 1500 Jahren

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Von Michael Zick Die letzte Ruhe des Göttlichen Königs dauerte 1438 Jahre. Dann drangen Archäologen mit Lichtstrahler und Videokamera durch einen Schlitz im Grabgewölbe in sein Reich ein. Tönerne Grabbeigaben, Jade Schmuck und Wandgemälde der Dynastie-Götter konnten sie über die Videoaufzeichnungen ausmachen. Betreten haben die neugierigen Forscher sein Grab im Tempel 20 in der Maya-Metropole Palenque allerdings noch nicht. Es fehlt das Geld. Und so bewahrt König K’an Joy Chitam I. bislang seine letzten Geheimnisse.

Die Archäologen sind ungeduldig. Die Chitam-Grablege ist das zweite ungestörte Königsgrab, das in Palenque gefunden wurde – und dazu noch eins aus der weitgehend unbekannten Frühzeit dieses Maya-Reiches. Palenque – im heutigen mexikanischen Bundesstaat Chiapas gelegen und Zielpunkt jeder touristischen Maya-Tour – birgt trotz langjähriger Erforschung noch „so viele Informationen, wie kaum eine andere Maya-Stadt“, resümiert Nikolai Grube.

Der Bonner Altamerikanist gehörte zu einer Handvoll internationaler Experten, die in den Neunzigerjahren die Maya-Hieroglyphen entschlüsselten. Seitdem puzzeln Archäologen und Epigraphiker ein immer genaueres Bild der Geschichte Mittelamerikas. Ganz schnell wurde dabei die Mär von den Maya als Volk friedlicher Sternengucker und Kalendermänner ad acta gelegt. Die schriftlichen Nachrichten auf monolithischen Steinsäulen, auf Türstürzen und Keramiken dienten allein dazu, die Großartigkeit der Göttlichen Könige darzustellen – ihre Bauten, ihre Kriege, ihre Siege. Mit der fortschreitenden Entzifferung der Maya-Hieroglyphen wird das historische Geflecht der vorspanischen Epoche in Mittelamerika immer spannender und facettenreicher. In der Endzeit wappneten sich zum Beispiel verschiedene Städte mit bis dahin unbekannten Wehrmauern und Wassergräben. Die Zeiten wurden offenbar unsicher.

Palenque lag am westlichen Rand der Maya-Welt, die hauptsächlich die gesamte Yukatan-Halbinsel vom Atlantik bis zum Pazifik umfasste. Dennoch war das Reich ständig in die kriegerischen Querelen seiner östlichen Nachbarn einbezogen – aktiv wie passiv. Denn durch das Gebiet der Palenque-Herrscher lief der wichtigste Fernhandelsweg von Mundo Maya ins mexikanische Hochland. Und dort wurde Obsidian gefördert, jenes rasierklingenscharfe „Vulkan-Glas“, das für Werkzeug und Waffen der metalllosen Maya-Gesellschaft unerlässlich war. Grund genug für Großmächte, die Kontrolle über ein solches strategisch wichtiges Gebiet zu behalten – gewaltsam oder vertraglich.

Denn im Maya-Kerngebiet, dem Tiefland des heutigen Guatemalas, rivalisierten zwei Reiche, Calakmul und Tikal. Wie in der Ost-West-Konfrontation nach dem Zweiten Weltkrieg hatten die beiden Maya-Supermächte „Brudervölker“ um sich geschart, Vasallen, die stellvertretend die Kämpfe um die Vorherrschaft führten. Kalter Krieg in Yukatan. Am Ende besiegte Tikal den Rivalen Calakmul – und übernahm sich. Die einzig verbliebene Großmacht konnte die Maya-Welt weder politisch, noch militärisch oder logistisch zusammenhalten.

In der nachfolgenden „Balkanisierung“ von Mundo Maya – jeder Provinzfürst erklärte sich zum Göttlichen König und führte Krieg gegen den Nachbarn – gingen Kultur, Kunst und Kommerz, Schrift, Architektur und astronomische Kenntnisse verloren. Die Eliten verschwanden, ihre grandiosen Paläste wurden von Bauern okkupiert, die gigantischen Tempelpyramiden verfielen – der Dschungel verschlang die Maya-Welt. Daraus rührt der Mythos: Noch nie ist eine Hochkultur so abrupt, ohne Einfluss von außen und so vollständig untergegangen.

In der vorangegangenen Maya-Klassik war Palenque zwei Mal (599 und 611 n. Chr.) von Calakmul überfallen worden, die Königs-Stelen und Götter-Statuen wurden zerstört – tiefer konnte eine Maya-Dynastie nicht fallen. Aber schon 615 bestieg König Pakal II. den Palenque-Thron und führte das Reich zu seiner größten Blüte – so zumindest schildert er selbst seine 68-jährige Herrschaft mit einem langen Hieroglyphentext in seinem Mausoleum („Tempel der Inschriften“). Nach seinem Tod ging für Palenque das politische Jojo-Spiel zwischen den Supermächten weiter. 799 n. Chr. war Palenque am Ende, die Stadt wurde verlassen und vom Dschungel überwuchert.

Pakals ungestörtes Grab wurde 1949 entdeckt, seine Inschriften waren bislang die einzigen direkten Nachrichten zur Historie Palenques. Das ändert sich nun, und die Geschichte wird noch einmal komplexer. Bis zum Ende der Maya-Klassik war der Göttliche König unbestrittener absolutistischer Herrscher. Bei ihren Arbeiten in Palenque fanden die Archäologen nun handfeste Belege für eine Machtverschiebung innerhalb der Maya- Eliten hin zu einer Oligarchie, in der der Adel ein gewichtiges Wort mitzureden hatte.

Vor dem Tempel 20 mit dem unangetasteten Königsgrab hatten die Wissenschaftler den Tempel 19 ausgegraben und wieder aufgerichtet. Allem Anschein nach war das Bauwerk gleich nach seiner Fertigstellung zusammengestürzt. Ein Glück für die Archäologen, denn so blieben Stuck-Reliefs vom Feinsten, Inschriften und ein Thronsitz erhalten. Der Herrschersessel ist an seinen Seiten geschmückt mit Relief-Szenen, auf denen hohe Würdenträger Palenques dem Herrscher K’innich Ahkal Mo’ Naab III. die Insignien der Königsmacht überreichen: Maske und Kopfputz. Er war ein König von Adels Gnaden. „Das hat es zuvor nie gegeben“, staunt Nikolai Grube und erläutert den Machtwechsel mit einem Beispiel aus der deutschen Geschichte: „Das ist so, als hätte Bismarck 1871 Wilhelm von Preußen die deutsche Kaiserkrone aufgesetzt.“

PRÄKLASSIK

Um 2500 v. Chr. entstehen auf dem Gebiet der späteren Maya-Welt bäuerliche Ansiedlungen, um 1000 v. Chr. erste Großsiedlungen. Ab 500 v. Chr. kann von einem geplanten Maya-Städtebau gesprochen werden; um diese Zeit beginnt auch der Fernhandel. Ab 100 n. Chr. entstehen die erste Dynastie in Tikal, Stadtstaaten im gesamten Maya-Gebiet – und die erste Skulptur eines Maya-Herrschers.

KLASSIK

Auf 292 n. Chr. wird die erste Stele in Tikal datiert. 378 wurde Tikal durch Truppen aus Zentralmexiko erobert und 562 eroberte Calakmul Tikal. 599 überfällt er Palenque. Die Machtkämpfe zogen sich bis 695 hin, als Tikal endgültig Calakmul eroberte. Die letzte Datumsinschrift in Palenque wird auf das Jahr 799 datiert; auf 810 und 869 letzte Zeugnisse der Kulturen von Calakmul und Tikal.

ENDKLASSIK

Die letzte Datumsinschrift in Chichen Itza stammt aus dem Jahr 998. Um 1517 landet Hernandes de Cordoba in Yukatan. 1528 bis 1542 erobern die Spanier Yukatan.

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