Gesundheit : Im Grab des Reiterkriegers

Mumie auf Eis: Archäologen entdecken einen Zeugen der skythischen Kultur

Michael Zick

Drei Grabhügel hatte Hermann Parzinger schon vergeblich geöffnet, dann endlich wurde seine beharrliche Suche nach dem Ursprung der skythischen Kultur in der Mongolei belohnt. Gestern stellte der Präsident des Deutschen Archäologischen Instituts seinen neuesten Fund in Berlin vor: eine rund 2300 Jahre alte Eismumie eines Reiterkriegers. Der etwa 30 bis 40 Jahre alte Mann war in einen gut erhaltenen Pelz gewandet, trug Filzstiefel und -kappe, hatte seine Waffen mitbekommen und auch eine letzte Mahlzeit aus Schaf oder Ziege mit Tranchiermesser.

„Sensation“ will Parzinger seinen Glücksfund aus einem unberaubten Grab nicht nennen. Aber allein schon die Informationen, die die sonst fast nie erhaltenen organischen Materialien, wie Holz, Knochen, Wolle oder Tierfell, liefern werden, rechtfertigen einen Superlativ. Sie werden helfen, jene reiternomadischen Stämme besser zu verstehen, die gemeinhin unter dem Begriff „Skythen“ firmieren. Die ersten Nachrichten über die wilden Reitervölker aus dem asiatischen Osten stammten von griechischen Geschichtsschreibern (siehe Kasten).

„Skythen können wir eigentlich nur die Stämme im nördlichen Schwarzmeergebiet nennen“, sagt Hermann Parzinger. „Wie die Träger dieser Kultur in Sibirien und noch weiter östlich hießen, wissen wir nicht.“ Denn das waren schriftlose Kulturen. Kunsthandwerk und Begräbnissitten signalisieren jedoch eine eurasienweit einheitliche Geisteswelt, so dass sich die Sammelbezeichnung „Skythen“ für die Kriegernomaden eingebürgert hat, die im 1. Jahrtausend v. Chr. die erste historisch und archäologisch fassbare Völkerwanderung bis nach Osteuropa auslösten und so Europa und Asien nachhaltig miteinander verbanden. Dem Ursprung dieses „eurasischen Phänomens“ widmet sich Parzinger seit zehn Jahren mit Ausgrabungen in Sibirien und Zentralasien.

Der diesjährige Fund in der Mongolei untermauert die Forschungsergebnisse. In nur 1,50 Meter Tiefe stießen die Ausgräber auf die intakte Balkenabdeckung der Grabkammer. Darunter lag der Verstorbene mit angewinkelten Beinen auf dem Rücken. Da er nicht in einer Eislinse, sondern auf ihr lag, ist sein Oberkörper skelettiert und nur der untere Teil mumifiziert. Sein Schädel ist zerdrückt, weil die Eislinse das Grab an die obere Abdeckung gepresst hat. Er trug kniehohe Filzstiefel, eine Wollhose und einen aufwändigen Pelz aus Murmeltier- und Schafsfell mit Zobelbesatz und blauen Querstreifen. Seine Filzhaube war mit hölzernen Tieren geschmückt, die mit Zinn- oder Goldblech veredelt wurden. Ein Dolch und ein Streitpickel aus Eisen teilten sich den Platz am Gürtel mit einem Bronzespiegel. Der Bogen ist einer der wenigen erhaltenen sogenannten Kompositbögen, die aus verschiedenen längsverklebten Leisten zusammengesetzt waren und so eine enorme Schusskraft erbrachten. Parzinger hofft, einige der Grabbeilagen bei der großen Skythen-Ausstellung zeigen zu können, die im Juli 2007 im Berliner Martin-Gropius-Bau eröffnet wird.

An der Längsseite des Grabes wurden zwei erschlagene Pferde mitbestattet. Sie sind zum Teil mumifiziert, Teile ihres Geschirrs sind erhalten, hölzerne Beschläge des Sattels verraten den Archäologen etwas über die Zeit der Bestattung: Der Krieger wurde vermutlich im 3. vorchristlichen Jahrhundert in die Erde gelegt und gehört damit zu den späten Zeugen der skythischen Kultur. Denn etwa ab 200 vor Christus drängten aus dem Osten neue reiternomadische Stämme nach Zentralasien und Sibirien, so genannte hunno-sarmatische Gruppen – die ersten asiatischen Völker auf dem Weg nach Westen.

Die indoeuropäischen Skythen-Stämme kamen ebenfalls aus den Tiefen Sibiriens. Kurz nach 700 vor Christus zogen sie über den Kaukasus nach Mesopotamien und sogar bis an die Grenze Ägyptens. Der Pharao konnte sie nur mit guten Gaben und viel Diplomatie in Schach halten. Beim Abzug plünderten die Skythen Palästina, was ihnen eine Erwähnung im Alten Testament einbrachte. Selbst die assyrischen Könige hatten den Reiter-Rotten nichts entgegenzusetzen. König Asarhaddon (680 – 669 v. Chr.) machte den Skythenfürsten Bartatua lieber gleich zum Schwiegersohn.

Um 600 v. Chr. zogen sie sich in das Steppengebiet nördlich des Schwarzen Meeres zurück und etablierten dort ein Königreich, in den antiken Quellen „Skythien“ genannt. Das trieb Handel mit den griechischen Kolonien an der nördlichen Schwarzmeerküste: Luxus und Lebensart gegen Getreide und Militär-Know-how und Sklaven. Die Argonautensage vom Goldenen Vlies hatte hier ihre Wurzel. Athen kaufte sich skythische Bogenschützen als Polizei.

Ihre Gräber, vor allem die Fürsten- oder Königskurgane, ragen noch heute als unübersehbare Landmarken mit bis zu 100 Metern Durchmesser und 12 Metern Höhe aus der flachen Eintönigkeit der sibirischen Steppe. Parzinger nennt sie die „Pyramiden der Steppe“. Fast alle sind ausgeraubt. 2001 fand der DAI-Chef im russisch-mongolischen Grenzgebiet ein unversehrtes, nicht ausgeraubtes Fürstengrab – angefüllt mit rund 6000 Goldobjekten.

In den beiden vergangenen Jahren erforschte Parzinger einen Königskurgan im Minusinsker Becken südwestlich des Baikalsees. Dieser 55 Meter im Quadrat messende und 10 Meter hohe Grabberg war nicht einfach aufeinandergehäufelt, sondern aus übereinander geschichteten, einzeln verlegten Placken von Grassoden erbaut worden. Als obersten Mantel hatten die skythischen Baumeister orangerote Lehmblöcke verlegt. Parzinger erinnert sich an „eine weithin sichtbare, leuchtende Farbmarke in der Gegend“.

Über der Grube errichteten die Grabbauer ein Haus aus Lärchenbalken. Nach der Beisetzung setzten sie das Totenhaus in Brand und ließen die verkohlten Balken in die Grube stürzen, die sie dann sorgsam mit Grasmatten auffüllten. Erst nach diesem Ritus errichteten sie die Grabpyramide. „Einzigartig, das gab es bislang noch nirgends“, sagt Parzinger.

Auch dieses Grab war ausgeraubt. Jedoch nicht, wie man meist annahm, von neuzeitlichen Schatzsuchern. Die Machthaber der neuen Welle reiternomadischer Eroberer hatten das Königsgrab ausgehoben. Sie waren auch auf das Gold aus, aber vor allem wollten sie Macht demonstrieren. Sie zerstörten den heiligen Ort und schändeten ihn zusätzlich durch die Deponierung eines Hundeschädels in der Totengrube. Das geschah um 200 vor Christus. Die neuen Herren stammten aus Fernost. Es waren die hunno-sarmatischen Gruppen – die ersten nicht-europäischen Reiternomaden. Wie die Skythen kamen auch sie bis Europa.

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