Gesundheit : Im Iran müssen sich angehende Studierende einer Gesinnungsprüfung unterziehen - Trotzdem brodelt es an den Unis

Josefine Janert

Die Studentin hatte ihre Vorlesung verpasst. Um den Stoff nachzuholen, bat sie einen männlichen Kommilitonen um seine Notizen. Wenig später wurde sie vor ein islamisches Komitee zitiert, das sein Büro innerhalb der Universität hat. Warum sie ihr Anliegen nicht an eine Frau gerichtet habe, wurde die Studentin gefragt. Schließlich sei das Gespräch mit einem fremden Mann für sie nicht schicklich. Wenn sie heute an das Verhör zurückdenkt, stehen der 29-Jährigen Iranerin immer noch die Haare zu Berge. "Ich habe mich bei denen entschuldigt", sagt sie. "Wenn ich nicht akzeptiert hätte, was die sagen, wäre ich womöglich exmatrikuliert worden."

Maryam studiert inzwischen Soziologie in Berlin. Ihren richtigen Namen möchte sie nicht nennen. Sie ist politischer Flüchtling und will nicht, dass ihre Familie im Iran schikaniert wird. In ihrer Heimat hatte sich Maryam einer Gruppe angeschlossen, die sich für Frauenrechte engagiert. Die Mitglieder, vor allem Studenten und Intellektuelle, lasen linksorientierte Bücher und diskutierten, was der Koran und die iranischen Gesetze über den Status von Frauen aussagen. Das war gefährlich: Immer wieder werden kritische Studenten exmatrikuliert und verhaftet. Präsident Mohammed Chatami, der seit 1997 amtiert und als vergleichsweise liberal gilt, nimmt zwar eine vorsichtige Öffnung der iranischen Gesellschaft in Angriff.Doch steht die Justiz den Hardlinern nahe.

Erst neulich, erzählt Maryam, habe eine Freundin sie aus dem Iran angerufen, um von einem Sitzstreik zu berichten. An einer Fakultät, an der nur Frauen studieren, protestierten Kommilitoninnen gegen die strenge Kleiderordnung und die schlechte Qualität der Ausbildung. Die Aktion wurde mit Polizeigewalt beendet.

"Die Studentenbewegung hat im Iran schon viele Reformprozesse in Gang gesetzt", sagt Hamid Nowzari, der Sprecher des Vereins iranischer Flüchtlinge in Berlin. Wenn es in der Vergangenheit um die Liberalisierung der Gesellschaft, um Presse- und Meinungsfreiheit ging, "spielten Studenten oft eine Vorreiterrolle". Nowzari nennt als Beispiel die Studentenunruhen im letzten Sommer. Anlass für die Demonstrationen in mehreren iranischen Städten war das Verbot der Tageszeitung "Salam" durch das "Sondergericht für die Geistlichkeit", das eigentlich nicht für Presseangelegenheiten zuständig ist. Die Aktionen der Studenten lösten einen Proteststurm aus, der auch Menschen außerhalb der Universität erfasste. Bis zu 25.000 Personen sollen sich an den Demonstrationen beteiligt haben, oft schrien sie Losungen wie "Nieder mit den Diktatoren". Schwerbewaffnete Männer verletzten schließlich hunderte von Personen. Wegen "Aktivitäten gegen die Islamische Republik" und "Umsturzversuchen" wurden etliche Studenten vor Gericht gestellt und zu langen Haftstrafen verurteilt. Hamid Nowzari sagt, dass die iranischen Kommilitonen vom Hoffnungsträger Chatami enttäuscht seien. Im Februar bestätigte das Oberste Gericht des Iran die Todesstrafe für den inhaftierten Studenten Abkar Mohammadi. Mohammadi war während der schweren Studentenunruhen im Juni vergangenen Jahres festgenommen worden. Die Anklage hatte dem Studenten vorgeworfen, während der Studentenproteste Brandsätze geworfen zu haben. Im Prozess wurde Mohammadi als "Feind des Islam" bezeichnet, ein Tatvorwurf, auf den nach der islamischen Gesetzgebung, der Scharia, die Todesstrafe steht.

Dabei werden die Studenten vor ihrer Immatrikulation nach politischen Gesichtspunkten handverlesen. Wer sich an einer Hochschule bewirbt, muss nicht nur eine Aufnahmeprüfung bestehen und dabei sein gutes Allgemeinwissen unter Beweis stellen. Er hat sich auch einer so genannten "Gesinnungsprüfung" zu unterziehen. Bei der Polizei am Heimatort und bei Nachbarn wird nachgefragt, ob sich die betreffende Person in der Vergangenheit kritisch über das System geäußert hat. Wer dabei durchfällt, muss mit einer Absage oder mit einer Verzögerung des Studienbeginns rechnen.

Von den 62 Millionen Iranern studieren etwa 1,2 Millionen, davon rund 400.000 in Teheran. Frauen dürfen zwar an die Uni, sind aber strengen Bestimmungen unterworfen. Ehemaligen Soldaten oder Angehörigen von Personen, die im Krieg gefallen sind, gelingt es hingegen eher, einen Studienplatz zu ergattern. Für sie gibt es regelrechte Quoten. "Das ist ein Weg, diese Leute zufrieden zu stellen", sagt Maryam. Dass es trotz solcher Auswahlverfahren gerade an den Universitäten zu Protesten kommt, hält Hamid Nowzari für "einen Bankrott der Regierung": Wenn selbst die Söhne der Regimeanhänger, die an den Unis in überdurchschnittlicher Zahl vertreten sind, gegen das System protestieren, zeige sich, wie anfällig der Staat schon sei.

Viele iranische Jugendliche wollen unbedingt studieren. Die Hochschulen sind nicht nur wegen der Ausbildung attraktiv, sondern auch als Ort für vergleichsweise offene Diskussionen. "Die Studenten kommen zum ersten Mal in ihrem Leben aus dem relativ verschlossenen Umfeld ihrer Familie heraus und sehen die Welt", sagt der Iraner Ali, der Politikwissenschaften studiert. In seiner Heimat gehen die Studenten meist sofort nach der Schule an die Uni, sind also im Vergleich zu den deutschen Kommilitonen recht jung. Auslandsaufenthalte sind jetzt für Dozenten und Studenten eher möglich als vor zehn Jahren. Viele Kommilitonen leben in Heimen in einer Art Wohngemeinschaft, was sonst im Iran kaum üblich ist. Dort könnten sie relativ frei reden.

Ali glaubt, dass sich die Iraner gerade von Studenten den Anstoß zu weiteren Reformen erhoffen: Sie sind jung, gebildet und haben Zugang zu Informationen. "Viele Iraner warten nur auf einen Grund zu protestieren", sagt Maryam. Und wenn der Anstoß von den Unis komme, um so besser. "Studenten haben mehr Möglichkeiten. Ihre Proteste werden im Ausland auch eher wahrgenommen als Streiks von Arbeitern."

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