Gesundheit : Im Jahr 3000 sind Menschen dem Tod entkommen, nicht ohne einen Preis dafür zu zahlen

Martin Flemming

Der Morgen war bleich und kühl, aber Friedrich spürte die Kälte in seiner Raumkugel nicht. Aus den Lautsprechern ertönte leise Entspannungsmusik. Friedrich lehnte sich in die Polster zurück. Er war erleichtert, die Stadt in den Wolken zu verlassen. Auch wenn er es nur tat, um Saskia zu suchen. Saskia, die ihm noch immer etwas bedeutete und die zu den Wilden gegangen war. "Ich werde sie zurückholen", sagte Friedrich zu sich selbst.

"Wir müssen nachsehen, ob ihm etwas zugestoßen ist", hatte sie gerufen, als er den Wilden erwischt hatte. Dabei war alles nur ein Neujahrsvergnügen gewesen. Als das neue Jahrtausend, das vierte, angebrochen war, hatten sie Brain City, die Stadt der Auserwählten in den Wolken, verlassen, um in die Reservate hinauszufliegen. Dorthin, wo die Wilden wohnten. Und da hatte er ihn erwischt, den braunen Mann. Den Wilden. Ein muskulöser Bursche, den er da auf die Hörner genommen hatte. Er hatte ihn mit seiner Raumkugel versehentlich gestreift, und da musste der Mann das Bewusstsein verloren haben. Nun lag er vor ihnen im Sand, am Rande des Reservats. Saskia war aus dem Gleiter gesprungen, um sich den Mann anzusehen. Sie hatte seinen Puls gefühlt und seinen Körper auf Verletzungen untersucht.

Was für ein Körper! Von der Sonne verbrannt, mit Narben und Muttermalen und mit einer trainierten Muskulatur. Keine Bioprothese, wie in ihrem Fall, sondern ein wirklicher Körper. Friedrich spürte den Neid in sich aufsteigen. Dann kam Saskia in die Raumkugel zurück. Der Mann war wieder bei Bewusstsein. "Ich glaube, er ist wieder o.k. Sagt er jedenfalls." - "Und?" - "Er sagt, er will mich wiedersehen." "Ein Sterblicher eine Unsterbliche?" "Er sagt, er will."

Jetzt hatten sie sich wiedergesehen. Saskia, die Unsterbliche, hatte sich mit dem Wilden eingelassen und war mit ihm fortgegangen. Und er, Friedrich, wollte sie finden, aufstöbern in den Reservaten. Warum hatte Saskia das getan? Warum wollte sie mit einem Wesen befreundet sein, das altern würde, dessen Körper dahinwelken und schließlich an irgendeinem Organversagen sterben würde? Waren nicht alle Menschen in Brain City, der himmlischen Stadt, dieser Art von Sterblichkeit entkommen? Was für eine Entwicklung lag hinter ihnen! Angefangen bei den ersten Organen, die schon vor einem halben Jahrtausend komplett durch Bioimplantate ersetzt worden waren - Nieren, Leber, Muskeln, Knochen. Bis schließlich der ganze Körper ausgetauscht werden konnte.

Und dann der große Schritt: das Gehirn. Friedrich verglich es gern mit dem heiligen Gral: die Biotechniker hatten das Gefäß ausgetauscht, aber den unersetzlichen Inhalt erhalten. Der Inhalt, das waren die Gedanken, Ideen und Gefühle, die Persönlichkeit mit all ihren Erfahrungen und Erinnerungen. Es war die Genialität der Ahnen von Brain City gewesen, die die materiellen Fesseln des Geistes gesprengt hatte. Sie hatten verstanden, dass das Gehirn nur eine Matrix war, in das die Persönlichkeit ihren Stempel prägte. Es war das größte Kunststück in der Geschichte der Menschheit gewesen, den Inhalt der Persönlichkeit von seiner materiellen Basis, dem Gehirn, zu trennen. Alles, was ein Gehirn gespeichert hatte, war in einen Biochip übertragen worden, eine Einheit von Computer und Biologie. Das bedeutete auch, dass die Individualität des Menschen auf den Biochip übergegangen und vor dem unweigerlichen körperlichen Verfall gerettet worden war. Das von Alter, Zerfallsprozessen und genetischen Schwachstellen gefährdete Zentralorgan des Geistes war in einen potenziell unendlich lange haltbaren Speicher übertragen worden.

Friedrich konnte sich noch gut erinnern, was der Gehirn-Chip vor einigen Jahrhunderten bewirkt hatte: er war der Griff zur Unsterblichkeit. Die Leute von Brain City wurden göttlich. Ihre Seele hauste in einem Biochip. Nur die Wilden in den Reservaten wurden noch geboren, um zu sterben. Die Unsterblichkeit galt auch für den Körper. Wenn er zerfiel, wenn Blutgefäße verkalkten oder das Herz schwerer pumpte, dann wurde es Zeit für ein neues Volltransplantat aus dem Bio-Labor. Die Ingenieure von Brain City übertrafen sich selbst.

"Hast Du seine Augen gesehen?" hatte Saskia Friedrich gefragt, als sie wieder in die Stadt zurückgekehrt waren und erschöpft in ihren Betten lagen. "Was ist mit seinen Augen?" hatte er erwidert. "Ich kann mich nicht erinnern." Eigentlich hatte Friedrich keine Lust, über diesen Fremden zu sprechen, der so unerwartet in ihre Welt eingebrochen war, ihre komfortable, überirdische Welt, ohne Geburt, ohne Krankheit und ohne Tod. Eine Welt, wie zur Lust gemacht. Doch mit der Liebe war das so eine Sache in Brain City, der Stadt in den Wolken. Eigentlich hatten sie dafür alle Zeit der Welt. Aber leben Sie mal 400 Jahre, mit der Aussicht auf weitere 400 Jahre! Das ermüdet. Manches relativiert sich ohnehin von selbst. Zum Beispiel Kinder. Wenn man unsterblich ist und aus einer Vollprothese besteht, sollte man keinen Nachwuchs mehr wollen. Wozu noch? Schließlich hatte man beschlossen, selbst Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft in einer Person zu sein. Keine Generationen mehr. Am archaischen Ritual des Geborenwerdens, des Aufwachsens, Alterns und Vergehens hielten nur die Leute in den Reservaten fest. Die Menschen von Brain City waren sich selbst genug.

Wenn man keine Zukunft mehr hatte oder nur noch Zukunft, je nach Standpunkt, relativierte sich so manches. Auch die Liebe. Man kannte sich, so wie man alles kannte. Es gab eine Art emotionales Erschöpfungssyndrom. Das Leben schmeckte ein bisschen schal. Auch die Welt der Unsterblichen von Brain City war noch nicht ganz perfekt.

Friedrich beschleunigte über Gedankensteuerung den Flug seiner Raumkugel. Vielleicht war sein Leben manchmal voller Langeweile - aber dafür war es auch frei von Krankheit und Tod, von Alter und Siechtum. Und Saskia? Wenn sie zu den Wilden ging, besiegelte sie ihr Schicksal.

Die Maschine schwebte über der Steppe. Reservate. Friedrich schaltete die Suchfunktion ein. Nun würde er bald ein Signal von Saskias Raumkugel bekommen, hoffte er. Dann schaltete er die Musik aus. Jetzt war nur noch das Surren der Raumkugel zu hören, wie die Flügel eines Ventilators. Dann sah er ihre Flugmaschine im Steppengras, nicht weit von dem Ort, an dem er den Wilden "erwischt" hatte. Und da war auch Saskia, umringt von den Reservate-Leuten. Sogar Kinder waren dabei. Saskia schien sich prima mit ihnen zu verstehen. Er setzte zur Landung an. Saskia begrüßte ihn winkend.

"Was willst Du?" fragte sie, als er aus seinem Fluggerät gestiegen war. Die Wilden starrten ihn an und schwiegen. "Willst du mich zurückholen?"

"Dazu habe ich nicht das Recht."

"Ich komme nicht freiwillig. Mein Entschluss steht fest: Ich werde hierbleiben."

"Dann bin ich dir also egal", sagte er.

"Du kannst auch bleiben, wenn du willst."

"Das ist verrückt. Hier könntest du krank werden. Niemand weiß, wie dein Körper reagiert. Du bist keiner von" - Friedrich sah sich um - "denen da."

"Ich werde einer von ihnen sein, das spüre ich. Das ist wie eine Rückkehr."

Das neue Jahrtausend begann mit einem strahlenden Tag. Friedrichs Flugmaschine erhob sich mit dumpfer, gedankengesteuerter Kraft. Saskia und die Wilden verschwanden aus Friedrichs Blickfeld. Ein Gefühl der Überlegenheit erfüllte ihn, als seine Maschine in die Lüfte schwebte und auf Brain City zusteuerte. Was für ein Triumph - die wie schwerelos in den Wolken liegende Stadt, bewohnt von Menschen, die ihr Schicksal den Klauen der Natur entrissen hatten. Bald würden sie zur nächsten Stufe übergehen: nicht mehr nur ihren Geist zu Materie zu machen, sondern die Materie in Geist zu verwandeln. Das war das Projekt des vierten Jahrtausends. Saskia aber, die sich nach einer Welt voller Fehler und Schwächen zurücksehnte, gehörte nicht mehr zu ihm.

0 Kommentare

Neuester Kommentar
      Kommentar schreiben