Gesundheit : Im Juni entscheidet die US-Regierung über ein Raketenabwehrsystem

Thomas de Padova

Forscher warnen vor dessen Untauglichkeit und politischen FolgenThomas de Padova

Im Computervideo erscheint selbst der Krieg kalkulierbar: Eine Langestreckenrakete etwa kommt mit 24 000 Stundenkilometern angeflogen und droht in den USA einzuschlagen. Frühwarnsysteme haben die Rakete jedoch mittels Radar rechtzeitig geortet und leiten die Daten an die Abfangzentrale in den Cheyenne Mountains in Colorado weiter. Von hier aus geht ein Befehl an die Bodenstationen in Alaska und North Dakota, wo Abfangraketen in Silos auf ihren Start warten. Sie werden kurz darauf abgefeuert, um die Interkontinentalrakete schon hoch über der Erdatmosphäre abschießen zu können, und finden ihr Ziel, den feindlichen Sprengkopf, mit Hilfe von Infrarot-Sensoren und Satelliten-Unterstützung.

Solche Planspiele der US-Militärs, wie sie in ählicher Version schon Ronald Reagan 1983 mit seinen SDI-Visionen unterstützte, könnten zwei Jahrzehnte später Wirklichkeit werden. Die US-Regierung will nach Milliardeninvestitionen in die Raketentechnologie noch im Juni dieses Jahres darüber entscheiden, ob nun zügig mit dem Bau eines Abwehrsystems begonnen werden soll, das die ganze USA abschirmen kann. Dieses Raketenabwehrsystem könnte schon 2005 einsatzbereit sein.

Die amerikanischen Forscher Richard Garwin und Theodore Postol waren in der vergangenen Woche zu Gast in der Humboldt-Universität Berlin und bei der Physikertagung in Dresden, um ihre deutschen Kollegen über das "National Missile Defense"-Programm der USA zu informieren. Ihr Fazit lautet ähnlich wie jenes, das Garwin damals bereits frühzeitig über den Reaganschen "Krieg der Sterne" gefällt hatte: Auch heute ist ein Raketenabwehrsystem von jedem hypothetischen Gegner leicht auszutricksen und für eine Landesverteidigung ungeeignet. Sollte es trotzdem gebaut werden, verstieße die USA damit gegen den mit der Sowjetunion abgeschlossenen ABM-Vertrag - damals ein Meilenstein in der weltweiten Rüstungskontrolle, wie Garwin betonte. Einem neuen internationalen Rüstungswettlauf wären dann Tür und Tor geöffnet.

Der einzig reale Test eines Raketenabwehrsystems ist der Ernstfall. Erfahrungen haben die USA in dieser Hinsicht nur 1991 im Golf-Krieg gemacht. Damals kamen ihre Patriot-Raketen gegen irakische Scuds zum Einsatz. Entgegen den Darstellungen des US-Militärs sei dies ein völliger Fehlschlag gewesen, sagt Postol. "Die psychologische Wirkung der Patriot-Raketen war zwar groß." Sie hätte dazu beigetragen, dass Israel nicht in den Krieg eingriff. "Aber die militärische Wirkung war null. Keine einzige Patriot hat eine Scud-Rakete über Israel eliminiert."

Dabei war die Scud-Rakete keine moderne Waffe, die ihr Ziel präzise anpeilen konnte. Die Irakis hatten die Rakete jedoch vor dem Krieg verlängert. Nach diesem Umbau flogen die Scuds weiter und schneller. Sie erreichten 160 Kilometer Höhe und eine Geschwindigkeit von 8800 Stundenkilometern. Insbesondere beim Wiedereintrit in die Erdatmosphäre aber gerieten die umgebauten Raketen ins Trudeln und brachen oft auseinander. Welches Trümmerstück den Sprengkopf enthielt, war nun schwer zu entscheiden. "Die Irakis hatten ungewollt einen Flugkörper mit Köder-Sprengkopf entwickelt", führen Harry Collins und Trevor Pincher in ihrem Buch "Der Golem der Technologie" (Berlin Verlag, 2000, 228 Seiten, 39,80 Mark) aus.

Die US-Radarsysteme mussten die Scuds in rund 40 Kilometern Höhe erkennen und ihre Bahn berechnen. Erst wenn die Flugkurve ermittelt war - die Scud-Rakete war nun auf gut 30 Kilometer herangekommen - konnte die Patriot starten. Sie jagte mit mehr als 6000 Kilometern pro Stunde auf die Scud-Rakete los. Die Patriot musste dann in allernächster Nähe der Scud, und zwar direkt vor ihr, explodieren, damit die Bleiprojektile die wichtigsten Teile der Scud-Rakete zerstörten. Schon bei einem winzigen Fehler von nur einer tausendstel Sekunde würde das Manöver fehlschlagen.

Gegen 47 Scuds gingen im Golf-Krieg 159 Patriots los. Das US-Militär schraubte seine Erfolgsmeldungen von zunächst "100 Prozent Trefferquote" im Laufe der Zeit immer weiter runter, bis zuletzt eine einzige "mit absoluter Sicherheit" zerstörte Scud in Saudi-Arabien übrig blieb. Der Rest ist ungewiss. Auch, wie viele Schäden die Patriots selbst, die die Scuds manchmal bis zum Boden verfolgten, anrichteten.

Theodore Postol, Professor für Physik und nationale Sicherheitspolitik am Massachusetts Institute of Technologie in Cambridge, führte bei der Tagung in Dresden aus, wie schwierig der Einsatz von Raketen gegen Raketen ist, vor allem dann, wenn es sich um weitaus schnellere Langstreckenraketen handelt. Tests unter idealen Bedingungen gäben wenig Auskunft über einen späteren Erfolg im Ernstfall. Da sähe alles ganz anders aus. Bei der Patriot-Rakete wären aber immerhin die vorherigen Tests erfolgreich verlaufen. Selbst das sei bei den neuen Systemen nicht der Fall. Bis zur Entscheidung der US-Regierung im Juni sei trotzdem nur noch ein weiterer solcher Test geplant.

Es gebe zudem eine Reihe vergleichsweise einfacher Maßnahmen gegen die Identifizierung und die Entdeckung der Sprengköpfe. So könnte ein Angreifer den Radar stören oder die Infrarotsensoren blenden. Er könnte zahlreiche Attrappen einsetzen und den eigentlichen Gefechtskopf in einer gekühlten Hülle für die Infrarotsensoren unsichtbar machen. "Wenn ein Land in der Lage ist, Interkontinentalraketen und Massenvernichtungswaffen zu bauen oder zu erwerben, dann vermag es auch solche Gegenmaßnahmen einzusetzen", schrieben Postol und andere Forscher bereits kürzlich in "Spektrum der Wissenschaft".

Doch so obsolet das geplante Raketenabwehrsystem auch erscheinen mag - Garwin und Postol befürchten, dass die Entscheidung zu dessen Gunsten ausgeht. Der Druck auf die Regierung seitens des US-Kongresses sei in den vergangenen Jahren stark gewachsen. Wann das Abwehrsystem stationiert werde, sei möglicherweise nur noch eine Frage der Zeit.

0 Kommentare

Neuester Kommentar
      Kommentar schreiben