Gesundheit : Im Namen der Gräfin

Gesine Schwan taufte das Dönhoff-Gebäude der Europa-Uni

Amory Burchard

Kein Pole sollte jemals wieder eine höhere Lehranstalt besuchen. Hans Frank, Generalgouverneur der seit 1939 von Deutschland besetzen polnischen Gebiete, hatte sich der Aufgabe verschrieben, das polnische Volk für alle Zeiten zu erniedrigen. Die Auslöschung der polnischen Intelligenz gehörte zum Vernichtungsprogramm des NS-Systems.

Als Gesine Schwan den Generalgouverneur am Montagabend im Foyer des neuen Lehr- und Mensa-Gebäudes der Europa-Universität Frankfurt (Oder) zitierte, zuckten die polnischen Studenten im Publikum kurz zusammen. Ein gutes Drittel der Viadrina-Studenten stammt aus Polen. Die Universitätspräsidentin, die sich jetzt um das Amt der Bundespräsidentin bewirbt, zitierte Frank, um zu erklären, warum der 2002 eröffnete Komplex jetzt den Namen „Gräfin-Dönhoff-Gebäude“ erhalten hat. Es war das Engagement der im Widerstand gegen die Nationalsozialisten aktiven Publizistin und Herausgeberin der „Zeit“ für die deutsch-polnische Versöhnung – auch für den Studentenaustausch. Der in Frankfurt (Oder) direkt an der Grenze gelegenen Viadrina war die vor zwei Jahren verstorbene Gräfin Dönhoff eng verbunden.

Bei dem ihr gewidmeten Festakt am Montagabend war sie überaus präsent: Präsidentschaftskandidatin Gesine Schwan betonte – mit den Worten Dönhoffs – die Wirtschaft könne nicht die raison d’être des Staates sein. Die einsichtige Ausrichtung politischen Handelns auf die Belange der Wirtschaft drohe das Geistige und Humane, das Europa ausmacht, an den Rand zu drängen. Und dann enthüllte Schwan eine von der „Zeit“-Stiftung finanzierte Dönhoff-Büste. Die Gegenwart der Gräfin solle die Viadrina-Studenten fortan ermutigen, sich intensiv einem Studium zu widmen, „das unserem Gemeinwesen immer mehr an Freiheit, Würde und damit an Sinn angedeihen lässt“.

Unser Gemeinwesen – das ist ab Mai auch eine nach Osten erweiterte Europäische Union. Dönhoffs zu gedenken, sei eine gute Vorbereitung auf die EU-Erweiterung, sagte der polnische Publizist Adam Krzeminski in seinem Festvortrag. Die Ostpreußin Dönhoff habe schneller als andere Deutsche und auch als andere aus Polen Vertriebene zurück in den Osten gefunden. Ihr Polenbild sei von der „Sensibilität für die Geschichte geprägt“ gewesen – und sie habe mit ihren Reportagen aus ihrer Heimat den Deutschen und den Polen geholfen, sich von den Albträumen der Geschichte zu befreien. Am Vorabend der EU-Osterweiterung sei es an der Zeit, die historische „deutsch-polnische Symbiose“ wiederzubeleben, sagte Krzeminski – als Chance für die gemeinsame Entwicklung im Rahmen der Europäischen Union.

Auf die Spurensuche nach dieser Symbiose hat sich der Viadrina-Historiker Karl Schlögel mit seinen Arbeiten zum deutschen Osten begeben. Wer in ein neues Europa hineingehe, betrete einen Schauplatz der Geschichte. Diese Geschichte sei lange reduziert worden auf die NS-Zeit, als der Osten für die Deportationen ins Gas, für Ostfront, Einsatzgruppen, verbrannte Erde, und schließlich für Flucht und Vertreibung stand, sagte Schlögel beim Festakt. Das Verschwinden der Orte Deutschen Ostens – Stettin, Tilsit oder Breslau – aus den Gedanken der Deutschen aber sei katastrophal. Wer diese Orte der Erinnerung nicht kenne, könne Mitteleuropa nicht verstehen. Es sei an der Zeit, sich auf den Spuren Gräfin Dönhoffs auf dieses Abenteuer einzulassen.

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