Gesundheit : Im Netz des Marketings

Mit zweifelhaften Methoden versuchen Pharmahersteller, Ärzte zu überreden

Rosemarie Stein

Eine Hochzeitsszene, und die Braut lächelt gar nicht. „Angst vor der Ehe?“ steht unter dem Bild. Daneben der Name eines Beruhigungsmittels. Die Anzeige ist ein Beispiel für die Umdeutung einer Lebenssituation in einen behandlungsbedürftigen Zustand, der durch Tabletten behoben werden soll.

„Sie fühlen sich gleich wohl“ ist die Botschaft eines anderen Inserats. Es geht um ein Magenmittel. Die ellenlange Liste der Nebenwirkungen – ein amtliches Muss – reicht von Bauchschmerzen und Durchfall bis zu Sehstörungen. Sie ist so klein gedruckt, dass man sie auch mit ungestörter Sehkraft nicht lesen kann. Soll man auch nicht. Natürlich hat der Hersteller ein Interesse dran, die Wirksamkeit seines Mittels hervorzuheben und die Nebenwirkungen herunterzuspielen.

Solche Anzeigen finden Ärzte massenhaft in ihren Fachzeitschriften. Jetzt wurden sie an die Wand projiziert und analysiert: Auf einer Berliner Fachtagung zum 40-jährigen Erscheinen des „Arzneimittelbriefs“, eines der wenigen unabhängigen Blätter zum Thema Medikamente. Im Tagungstitel „Arzneimittel(des)information“ empfand man die Klammer schließlich als entbehrlich, so viele Tatbestände zu fehlender, irreführender und bewusst falscher Information kamen hier offen zur Sprache. Das reicht von der Planung der Arzneimittelstudien zum Zwecke der Zulassung bis zu den Angaben über die Häufigkeit von Nebenwirkungen.

„Zu diesem Sachverhalt sind Packungsbeilagen falsch – richtig falsch“, sagte Ulrich Hagemann vom Bundesinstitut für Arzneimittel und Medizinprodukte. Wenn diese Behörde ein Präparat zulasse, seien seltenere Nebenwirkungen wegen der geringen Zahl der bis dahin behandelten Patienten noch unbekannt. Wenn sie dann, bei massenhafter Verordnung eines neuen Arzneimittels, der Herstellerfirma bekannt geworden seien, werde dieses Wissen oft lange unterdrückt, sagte Maria Font, Präsidentin der „International Society of Drug Bulletins“, in der unabhängige Arzneimittelblätter sich vernetzt haben.

Als Beispiel nannte sie den Skandal um Vioxx, jenes Schmerz- und Rheumamittel aus der Gruppe der Cox-2-Hemmer, für die mit dem (inzwischen sehr relativierten) Argument einer besseren Magenverträglichkeit geworben wurde, während die Kenntnis der Herz-Kreislauf-Risiken verschwiegen worden sei.

In Deutschland habe die Pharmaindustrie selbst den Bundesbehörden gerichtlich verbieten lassen wollen, die Öffentlichkeit über Arzneimittelrisiken zu informieren, wenn auch vergeblich, wie Hagemann mitteilte. Dennoch gebe es auch heute noch unzugängliche, weil durch das Geschäftsgeheimnis geschützte Daten. Der Londoner Pharmakologe Andrew Herxheimer kritisierte das Desinteresse vieler Pharmafirmen an den Problemen der Anwendung ihrer Präparate, nachdem sie einmal zugelassen seien. Er zitierte Wernher von Braun mit der Äußerung, sein Job als Raumfahrtforscher sei es, die Rakete in die Luft zu bringen. Wo und wie sie herunterkämen, gehe ihn nichts an.

Die Aufklärung der Ärzte und der Patienten über irreführendes Marketing hat sich der australische Arzt Peter Mansfield (Universität Adelaide) zur Aufgabe gemacht. Mansfield gründete eine Vereinigung namens „Healthy Skepticism“, die Mitglieder in 46 Ländern habe. Wie schwer das Ziel zu erreichen ist, zeigte sein Vortrag.

Ein Arzt könne in der Regel die wissenschaftlichen Originalarbeiten über methodisch oft anfechtbare Arzneimittelstudien nicht kritisch lesen. Er müsse Therapieentscheidungen rasch fällen. Eine der gängigen und von den Arzneimittelfirmen sehr geförderte Abkürzung sei die in der Fachpresse und auf Kongressen verbreitete Expertenmeinung. Viele Ärzte verließen sich auf ihre Meinungsführer. Die aber hätten oft enge Verbindungen zur Pharmaindustrie, die sie für Veröffentlichungen hoch bezahle.

Von „enormen Summen“, die Meinungsführer auch bei uns erhielten, um die Ärzte für ein Medikament einzunehmen, berichtete Wolf-Dieter Ludwig von der Berliner Robert-Rössle-Klinik. Für Hochschullehrer dieser Art kursiert das Spottwort „Habilitierter Pharmareferent“. Sicherlich trifft dies nicht auf alle mit der Pharmaindustrie zusammenarbeitenden Medizinprofessoren zu. Aber nach allem, was man auf dieser Tagung erfuhr, ist völlige Unabhängigkeit eher die Ausnahme.

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