Gesundheit : Im Osten wird wieder geheult

Roland Knauer

Der Wolf zieht in Sachsen wieder Welpen auf: Zum ersten Mal seit 150 Jahren gibt es in Deutschland ein intaktes Rudel der grauen Raubtiere, die der Mensch aus Mitteleuropa vertrieben hatte. Dies bestätigen die Behörden des Freistaates. Die Geschichte der nach Deutschland zurückgekehrten Wölfe beginnt in den Karpaten Rumäniens und in den weiten Wäldern Russlands. Dort hallt noch das lang gezogene Heulen von etwa 30 000 Wölfen durch die Nächte.

Werden die knapp zwei Jahre alten Jungtiere im November und Dezember von der Leitwölfin aus dem Rudel vertrieben, finden sie meist kein eigenes Revier. Ruhelos ziehen die Tiere weiter. Durch die feuchten Niederungen der Urstromtäler erreichen sie erstmals im Westen Polens ein freies Gebiet. Auch dort beginnt der uralte Kreislauf: Die wenigen Rudel ziehen ihre Welpen groß und verjagen sie, kaum dass sie erwachsen sind. Problemlos durchschwimmen sie die Oder und schleichen anschließend durch die Wälder Brandenburgs und Sachsens.

Rückkehr ins Schlaraffenland

Dort aber finden die jungen Rüden und Fähen eine Art Schlaraffenland: Keine Spuren von Artgenossen weit und breit. Und auch der Erbfeind des Wolfes, der Mensch, hat sich rar gemacht im ohnehin recht dünn besiedelten Osten Deutschlands. Längst hat die Rote Armee ihre riesigen Truppenübungsplätze geräumt, heute hat dort nach dem Willen der Landesregierungen die Natur Vorrang. Beute findet Isegrim in Deutschland reichlich, gibt es hier zu Lande doch mehr Hirsche und Wildschweine als in den meisten anderen Regionen der Erde. Es war also nur eine Frage der Zeit, bis sich das erste Rudel hier zu Lande etablierte.

Mit dem Menschen kommt der Wolf problemlos zurecht, er geht ihm schlicht aus dem Weg. Als der Wildbiologe Wlodzimierz Jedrzejewski vom Institut für Säugetierforschung der Polnischen Akademie der Wissenschaften den Wölfen im Bialowieza-Nationalpark Polens Halsbänder mit kleinen Radiosendern umhängte, entdeckte er rasch, wo die Rudel tagsüber ruhen: In den abgelegensten Gebieten, in die praktisch nie ein Mensch seinen Fuß setzt.

Weil Wölfe andernorts seit langem ausgerottet waren, betritt Wlodzimierz Jedrzejewski mit seiner Forschung Neuland in Mitteleuropa. Für seine Ergebnisse interessieren sich besonders Gabriel Schwaderer und Martin Schneider-Jacoby von der Stiftung Euronatur am Bodensee. Ihre Organisation engagiert sich seit über zehn Jahren für die Rückkehr von Großraubtieren nach Mitteleuropa. Das kann aber nur gelingen, wenn man den Menschen die tief wurzelnde Angst vor dem "bösen" Wolf nehmen kann. Deshalb unterstützt die Stiftung Wlodzimierz Jedrzejewski nach Kräften, der sich mit neuen Erkenntnissen revanchiert: Etwa jeden dritten Tag erlegt ein Rudel einen Rothirsch, Wildschweine jagen die flinken Räuber seltener und für Rehe interessieren sie sich fast überhaupt nicht. Wisente und Elche greifen Wölfe nur dann an, wenn sie kein Rotwild finden.

Knapp sieben Kilo täglich

Sobald ein Rudel Beute gemacht hat, fressen die Wölfe gierig. Im Winter schlingt jeder ausgewachsene Wolf durchschnittlich 6,7 Kilo Fleisch am Tag hinunter - ähnlich viel wie ein Löwe. Im Vergleich zum erheblich größeren König der Tiere aber benötigt der Wolf auch mehr Energie. Während der Löwe die meiste Zeit des Tages im hohen Gras auf Beute lauert, streift der Wolf im Durchschnitt jeden Tag 22 Kilometer weit durch den Wald. An manchen Tagen traben die Rudel sogar sechzig Kilometer weit. Obendrein ist es in Ostpolen im Januar mit durchschnittlich minus 4,7 Grad Celsius erheblich kälter als in der afrikanischen Savanne. Drei Monate lang liegt im Winter normalerweise Schnee. Er muss daher im Verhältnis zu seiner Größe erheblich mehr Beute machen als der Löwe. Das Rotwild im Bialowieza-Wald bekommt den großen Energiebedarf des flinken Räubers zu spüren: Bei jedem zweiten Hirsch lautet die Todesursache "von Wölfen erlegt".

Als der Mensch um die Jahre 1880 und 1960/70 die Wölfe im Bialowieza-Wald ausrottete, verdoppelten sich die Rotwildbestände in wenigen Jahren. Über die riesigen Wälder Osteuropas, die sich vom Bialowieza-Nationalpark ohne größere Unterbrechung bis nach Sibirien ziehen, kehrten die Wölfe aber schnell in das Gebiet zurück und halbierten die Zahl des Rotwildes wieder.

Deutsche Förster sollten den Wolf also begrüßen, falls er zu ihnen zurückkehrt. Denn Rothirsche und Rehe verbeißen junge Triebe so stark, dass die jungen Bäumchen kaum eine Chance haben. Erst wenn man das Wild für viel Geld auszäunt oder seine Zahl bei Treibjagden kräftig dezimiert, verjüngt sich mitteleuropäischer Kulturforst von selbst. Dieses Geld könnten die Förster sparen, wenn der Wolf zurückkommt.

Den zweiten Part auf dem Weg zur natürlichen Verjüngung ohne Zaun und Treibjagd könnte der Luchs übernehmen. Die achtzehn von Wlodzimierz Jedrzejewski mit einem Radiosender ausgerüsteten Luchse konzentrieren sich im Bialowieza-Wald fast ausschließlich auf Rehe als Beute. In ihren rund hundert Quadratkilometer großen Revieren schlagen dabei vor allem die Weibchen kräftig zu, die Junge führen. Fast jeden zweiten Tag erbeuten sie ein Reh.

Auf die Rehpopulation haben die Luchse, bei denen sich die Reviere von Männchen und Weibchen aus nahe liegenden Gründen kräftig überlappen, einen ähnlichen Einfluss wie die Wölfe auf das Rotwild. Als die Luchse zur gleichen Zeit wie die Wölfe zweimal im Bialowieza-Nationalpark ausgerottet wurden, verdoppelten sich die Rehbestände. Sie normalisierten sich erst wieder, als die Luchse aus dem Osten zurück kamen. Für die deutschen Forste sind Luchs und Wolf angesichts vielerorts extrem hoher Reh- und Rotwildbestände also ein Segen.

Nur der Bär fehlt noch

Der Wolf kommt auf eigenen Pfoten nicht nur in die neuen Bundesländer. Auf der Wanderung vom Apennin über die Westalpen hat er inzwischen die südliche Schweiz erreicht. Von dort könnte er bis nach Deutschland kommen. Genau wie der Luchs, der in der Schweiz wieder ausgewildert wurde. Auch im Bayerischen Wald schauen Wolf und Luchs immer wieder aus Tschechien kommend über die Grenze.

Die Großraubtiere sind also zurück - bis auf den Braunbären. Der ist zwar seit einem Vierteljahrhundert wieder in Österreich heimisch. Deutschland wird er aber wohl wenig abgewinnen können, meinen Wildbiologen - allenfalls für kurze Stippvisiten.

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