Gesundheit : Im Präpariersaal: Wie der Tod sich anfühlt

Juliane Von Mittelstaedt

Es gibt Dinge, die vergisst man nicht. Die Meilensteine auf dem Weg zum sogenannten Erwachsensein: erste Liebe, Führerschein, achtzehnter Geburtstag. Mediziner können dieser Aufzählung noch etwas hinzufügen: den Präparierkurs. Hier entscheidet sich so manche Arztkarriere schon ganz am Anfang.

Auch in diesem Semester werden sich etwa 260 FU-Studenten des zweiten Semesters weiße Kittel und Skalpelle in lila Lederetuis kaufen, die medizinischen Fachbuchhandlungen stürmen, kiloweise anatomische Hochglanz-Bildbände zu horrenden Preisen erstehen. Sie werden erwartungsvoll dem Semesterbeginn entgegenfiebern und während der Ferien die ersten Lektionen einpauken. Und wenn der große Tag gekommen ist, ziehen sie ihre weißen Kittel an, nehmen ihre lila Lederetuis in die Hand, an denen sie sich festklammern wie an den Händen ihrer Mütter damals bei der Einschulung, und betreten den Präpariersaal.

Eigentlich will niemand zuerst gehen, deswegen drängen sie sich alle zusammen eng an eng durch die Tür. Geruch schlägt ihnen entgegen - intensiv, süßlich, unerträglich. Viele schauen zunächst auf den Boden. Andere kichern, schwatzen. Wenn sie die Leichen sehen, verstummen sie meist. Da liegen sie, die Toten. Weiß und nackt, scheinbar alle gleich aussehend, im kalten Neonlicht auf kalten Stahltischen. Grüppchen scharen sich um "ihre" Leiche, viele flüstern unwillkürlich. Wer hat schon mal einen Toten gesehen? So nah, so schutzlos.

Die erste Stunde dient dem Kennenlernen. Man tastet und drückt, zunächst zaghaft und mit der Zeigefingerspitze, handschuhgeschützt und mit angehaltenem Atem. Wie fühlt sich jemand an, der nicht mehr lebt? Über die Person dort werden sie vieles erfahren, aber nicht, wie sie heißt, wer sie war, was sie bedeutet hat, ob sie jemand geliebt hat oder ob sie alleine gestorben ist. Diese Anonymität erzeugt Traurigkeit. Werden wir auch so altern? Und einsam sterben? Das fragen sich viele. Doch die Anonymität macht auch vieles leichter, sie nimmt dieser Person ihre Persönlichkeit, sie entmenschlicht auf gewisse Weise.

Vom Abtasten bis zum ersten Schnitt ist es nicht lange hin, so mancher muss sich zunächst setzen, die Stimmung ist noch etwas verkrampft. Doch sie löst sich allmählich. Gesprächsthema ist nicht mehr unbedingt die Anatomie, vielmehr dominieren Erzählungen vom Wochenende, dem letzten Urlaub und den neuesten Kinofilmen. Man gewöhnt sich an die Leiche auf dem Tisch, man lernt, sie als Objekt anzusehen. Die ruppige Art des metzgerhaften Tutors geht einem sozusagen in Fleisch und Blut über. Der Umgang mit Pinzette und Skalpell wird der Benutzung von Messer und Gabel immer ähnlicher. Haut-, Fett- und Muskelgewebe wird entfernt, so manches in der Tiefe freigelegt, Nerven an ganz wundersamen Orten entdeckt, zerschnitten und wieder zusammengeklebt. Studentenalltag eben. Dazwischen: Lernen, Vorlesungen, Testate und wieder Lernen, unter diesen Voraussetzungen verfliegen vierzehn Wochen lichtgeschwindigkeitsschnell.

Dann stehen 260 Studenten am Ende dieses Kurses, der nicht einfach nur ein, sondern der Kurs ist. Ein letztes Testat, eine Trauerfeier für die Leichen, dann ab in die Ferien. Nicht viele blicken zurück, aber die, die es tun, werden erkennen: Sie haben sich verändert. Unmerklich haben sie Türen hinter sich geschlossen, um neue zu öffnen. Einblicke in die unglaubliche Komplexität des menschlichen Körpers. Das Wissen, um eines Tages kranken Menschen helfen zu können. Das alles haben sie gewonnen. Viele werden danach das scheinbar Selbstverständliche besser zu schätzen wissen, das Leben, viele auch nicht und dann wohl nie. Eine Erfahrung also für alle, für solche, die schließlich Ärzte werden und für die, welche erkennen: das ist nichts für mich. Jetzt fragen Sie, was mit mir ist? Nun ja. Ich habe einen weißen Kittel und ein lila Lederetui zu verschenken.

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