Gesundheit : Im Schweiße ihres Angesichts

Schutzanzüge lassen Feuchtigkeit oft nicht durch. Neue Textilien machen die Kleidung körperfreundlich

Frank Schubert

Der Mensch im Schutzanzug gehört zum Bild der modernen Gesellschaft. Meist sieht man ihn von weitem, hinter rot-weißen Absperrungen. Strahlend weiß, knallig orange oder leuchtend gelb flimmert er auf Fernsehschirmen, klaubt verrottete Vögel vom Strand, durchsucht Büros nach Terrorgiften oder steckt Hühner in Plastiktüten. Der Mensch im Schutzanzug fasziniert. Vor zehn Jahren kam der Film „Outbreak“ in die Kinos. Die Schauspieler Dustin Hoffman und Rene Russo, angetan mit bunten Ganzkörperhüllen, rücken darin einem Killervirus zu Leib. Auf den Filmplakaten: die Gesichter der Darsteller hinter dem Glas des Schutzhelms. Ein starkes Bild, der Streifen lief fantastisch.

Aber wie fühlt sich ein Mensch im Schutzanzug? Nicht immer gut. „Ein großes Problem ist der Schweiß“, sagt Volkmar Bartels vom bekleidungsphysiologischen Institut Hohenstein in Bönnigheim. Viele Schutzkombinationen seien wasserabweisend, sie ließen das nasse Element nicht hinein – aber auch nicht heraus. Die Folge: Die Körperfeuchte sammelt sich, der Anzug durchnässt innerlich. Dies empfinde der Träger als sehr unangenehm.

Bartels hat mit seinen Institutskollegen in einer großen Studie untersucht, wie sich der Tragekomfort von Chemikalienschutzanzügen verbessern lässt. Dabei nahmen sie ABC-Schutzkleidung, also Kleidung, die vor atomaren, biologischen und chemischen Waffen schützt, unter die Lupe, Chemiewerkeranzüge, Einwegschutzanzüge und Kleidungsstücke aus hochfesten Chemiefasern, die man für schusssichere Westen verwendet.

Die wichtigste Erkenntnis: Je besser die Schutzwirkung, desto unwohler fühlt sich der Träger. „Wer einen Schutzanzug anschafft, sollte sich ganz genau überlegen, wofür er ihn braucht“, sagt Bartels. Es solle nur so viel Schutz zur Verfügung stehen, wie wirklich benötigt wird.

Besonders drastisch zeige sich das bei der US-Feuerwehr. „Von den amerikanischen Feuerwehrleuten, die im Einsatz umkommen, stirbt die Hälfte an Überlastung – Hitzschlag, Kreislaufzusammenbruch und Herzversagen“, sagt Bartels. Häufig seien die Schutzanzüge schuld, die den Schweiß und damit die Körperwärme nicht ausreichend ableiten. Daher sei es sinnlos, die schützende Wirkung von Feuerwehranzügen zu erhöhen.

Das Problem des Wasser- und Hitze- staus gibt es bei fast jeder Schutzkleidung, auch beim alltäglichen Chemiewerkeranzug – eine Art Blaumann, der Chemikalienspritzer abhält. Helfen können hier Laminate, Verbundmaterialien aus unterschiedlichen Stoffen. „Ein Laminat besteht typischerweise aus drei Schichten: einem hautfreundlichen Unterstoff aus natürlichem Material, einer Folie aus Teflon und einem Oberstoff aus Chemiefasern“, sagt Jan Beringer, Textilchemiker am dem Bönnigheimer Institut. Das gleiche Prinzip fände sich bei Gore-Tex-Kleidung. Versuche hätten gezeigt, dass Laminate Körperwärme und Schweiß besser ableiten als herkömmliche Materialien.

Problematisch sei auch die häufig sehr glatte Innenseite der Schutzkleidung – besonders bei synthetischen Fasern. Auf schweißnasser Haut könne sie ankleben, was sehr störe. „Das lässt sich vermeiden, indem die Kleidung innen aufgeraut wird, so dass ein Abstand zur Hautoberfläche entsteht“, sagt Bartels. Hierfür sei eine Stoffschicht aus Spinnfasern geeignet.

Aufgrund der synthetischen Fasern laden sich manche Schutzanzüge elektrostatisch stark auf. Fasst der Träger eine Türklinke oder einen Wasserhahn an, kann ein Funke überspringen. „Das ist für den Menschen einerseits unangenehm, kann aber auch richtig gefährlich werden – wenn sich der Anzugträger etwa in explosionsgefährdeten Räumen aufhält“, erklärt Bartels. Daher sei für viele Schutzanzüge vorgeschrieben, dass sie sich beim Tragen nicht nennenswert aufladen.

Am wirkungsvollsten schirmt ABC- Schutzkleidung ab. Sie enthält Schichten aus Aktivkohle, extrem fein zerstäubtem Kohlenstoff, der unter anderem eindringende Kampfgase bindet. Die Versuche der Forscher haben gezeigt, dass die Aktivkohle den Schweiß des Anzugträgers aufnimmt. Das sei zwar nicht schlecht, weil die Körperfeuchte sich nicht auf der Haut sammle, sagt Bartels. Aber der Anzug würde so dicker, schwerer und steifer. Das könne Hautreizungen verursachen, und der Schweiß werde schlechter abgeleitet. Daher empfehlen die Wissenschaftler, ABC-Kleidung nur mit so viel Aktivkohle auszustatten wie unbedingt nötig.

Die Bönnigheimer Forscher untersuchen Schutzkleidung schon länger. Für ihre Experimente verfügen sie zum Beispiel über eine Apparatur, die menschliche Haut nachahmt: eine Edelstahlplatte mit vielen kleinen Öffnungen. Diese Platte bringen die Forscher auf 35 Grad Celsius – die typische Oberflächentemperatur eines Menschen – und führen von unten Wasser zu. Aus den Öffnungen entweicht dann ähnlich viel Wasserdampf wie aus Hautporen. „Im Laufe einer Nacht“, erklärt Bartels, „sondert jeder von uns etwa ein Viertelliter Wasser über die Körperoberfläche ab – das landet alles in der Bettwäsche.“ Legen die Wissenschaftler dann ein Stück Schutzkleidung auf die Platte, können sie herausfinden, wie gut das Textil den Wasserdampf durchlässt.

Außerdem ist da noch „Charlie“ – eine lebensgroße Puppe aus Kupfer, an der sich die Temperatur der einzelnen Körperregionen einstellen lässt. Wird Charlie mit einem Schutzanzug bekleidet, kann man sehen, ob die Garnitur einen Hitzestau hervorruft und wo sich der Schweiß sammeln wird. „Natürlich lassen wir den Komfort von Schutzkleidung auch von echten Menschen beurteilen“, sagt Bartels. Doch seien das sehr aufwändig. Denn Menschen unterscheiden sich in ihren Empfindungen stark – untereinander und von Tag zu Tag. „Bis wir einigermaßen aussagekräftige Messergebnisse bekommen, müssen wir viele Anproben mit vielen Teilnehmern durchführen. Das dauert und kostet“, sagt Bartels.

Die Forscher hören immer wieder Klagen über unbequeme Schutzanzüge, vor allem aus der Industrie und im Sommer. Viele Probleme sind laut Bartels vermeidbar. Sie rührten daher, dass Arbeitgeber billige Schutzanzüge geringer Qualität – oft Importware – kauften, um ihre Betriebsausgaben niedrig zu halten. Den Schaden trügen die Arbeitnehmer, die die Anzüge benutzen müssen, sagt Bartels. „Leider sind viele Einkäufer der Meinung: je billiger, desto besser. Das ist schlecht.“

0 Kommentare

Neuester Kommentar