Gesundheit : Im Seelengärtlein des Mittelalters

Die Staatsbibliothek zeigt deutsche Handschriften und Frühdrucke

Gerwin Klinger

Wie gefährlich das Reisen als Paladin Karls des Großen war, wie die Kirche den medizinischen Fortschritt hemmte und welch bizarre Hochzeitsriten unsere Urahnen pflegten: Die Staatsbibliothek zu Berlin hat in ihren alten Handschriften und Inkunablen geblättert und schlägt nun die spannendsten Seiten der frühen deutschen Buchgeschichte auf. Die Ausstellung „Aderlass und Seelentrost“ bietet weit mehr als Pergamente und Folianten in Glasvitrinen lateinische oder altsächsische Handschriften, die nur Paläografen entziffern entziffern könnten.

Rund 240 deutschsprachige Handschriften und Frühdrucke aus der Zeit von 850 bis 1500 präsentiert die Ausstellung. Darunter sind Glanzstücke wie der Nibelungen-Codex (1435/1442), die „Eneide“ von Heinrich von Veldeke (1220), ein höfisches Epos auf Aeneas und die Gründung Roms, oder der „Heliand“ (um 850), eine altsächsische Stabreimdichtung auf das Leben von Jesus.

Die Helden- und Spielsmannsepen, Bibeln und Gebetbücher, Weltchroniken, Rechtssammlungen, Heilsspiegel, Medizin- und Kräuter-Bücher ziehen mit ihren farbenfrohen Bildern, Tafeln und Miniaturen in den Bann mittelalterlichen Lebens. Da gerät Roland, einer der 12 Paladine Karls des Großen, beim Zug durch die Pyrenäen in einen Hinterhalt, Medizin-Tafeln zeigen, wo bei welchen Krankheiten zur Ader gelassen wird, mit den Sternbildern dreht sich das Schicksalsrad, und ein frisch vermähltes Brautpaar vollzieht die Ehe vor den Augen des versammelten Hofstaats.

Die kluge Kommentierung und Gliederung der Handschrift in zwölf Bereiche zeigt, wie die deutsche Sprache sich in der weitgehend lateinisch dominierten Kultur des Mittelalters nach und nach auf alle Lebensbereiche ausweitete. Sinnfällig wird das an den ersten Glossaren, die in Deutsch Erklärungen und Übersetzungen zu lateinischen Texten versammeln oder an den ersten Rechtshandschriften wie dem Sachsen- oder dem Schwabenspiegel (1386 und 1463), die die Rechtsgewohnheiten aufzeichneten. Auch das geistige Leben wird erfasst. Predigten, Gebetsbücher und Erbauungsliteratur wie das „Seelengärtlein“ sind als Handschriften oder Drucke in deutscher Sprache verbreitet.

Selbst von der Bibel gab es schon weit vor Luther deutsche (Teil-)Übersetzungen. Schon für das späte 8. Jahrhundert ist in Süddeutschland eine deutsche Fassung der Evangelien aus dem 8. Jahrhundert nachgewiesen. Die Ausstellung präsentiert unter anderem eine Übersetzung des Neuen Testaments aus Steyr von 1447 und eine niederrheinische Historienbibel des Alten Testaments um 1460.

Sonderausstellungshallen am Kulturforum, Matthäikirchplatz 4 (Tiergarten); bis 21. September, Dienstag-Freitag 10-18 Uhr, Donnerstag 10-22 Uhr , Samstag und Sonntag 11-18 Uhr; Eintritt 3 Euro.

0 Kommentare

Neuester Kommentar