Gesundheit : Im Spinnennetz des Terrors

Die Geschichte der NS-Konzentrationslager als „Memorial in Buchform“

Hans von Seggern

„Der perfekte Disziplinarapparat wäre derjenige, der es einem einzigen Blick ermöglichte, dauernd alles zu sehen.“ Als „ein vollkommenes Auge der Mitte“ beschreibt Michel Foucault in „Überwachen und Strafen“ das Zentrum der modernen Gefängnisarchitektur. Als ein solcher „Disziplinarapparat“ ist das „Muster- und Vorzeigelager der Reichshauptstadt“ Sachsenhausen zu verstehen: Eine Längs- und eine Querachse bilden das Strukturgerüst, in dem die einzelnen Komplexe sowohl voneinander getrennt als auch miteinander verbunden sind. In der Mitte steht der Wachturm mit dem Maschinengewehrschützen. Keine Regung entgeht seiner Aufmerksamkeit. „Das moderne Konzentrationslager wurde gewissermaßen als Idealstadt konzipiert“, schreibt Stefanie Endlich (Universität der Künste Berlin) in der „Geschichte der nationalsozialistischen Konzentrationslager“.

„Entgegen der landläufigen Meinung, die Geschichte der nationalsozialistischen Zwangslager sei gründlich erforscht, gibt es noch zahlreiche weiße Flecken bei der Kartierung unseres Wissens über Glieder und Formen des Repressionsapparates“, sagt Wolfgang Benz, Leiter des Zentrums für Antisemitismusforschung der Technischen Universität Berlin. Gemeinsam mit Barbara Distel, Leiterin der KZ-Gedenkstätte Dachau, ist Benz Herausgeber eines auf sieben Bände angelegten Kompendiums zur Geschichte der Konzentrationslager. Der erste Band der Reihe „Der Ort des Terrors“ wurde gestern Abend in der TU Berlin vorgestellt.

Auschwitz, Bergen-Belsen oder etwa Sobibor sind als Synonyme des Vernichtungswillens des NS-Regimes bekannt, sagt Benz. Mit Namen wie Sachsenhausen, Buchenwald und Dachau verbindet das öffentliche Bewusstsein den Terror des Überwachungsstaates. Doch gehörten zu jedem der 24 Hauptlager Dutzende von Außenstellen und Nebenlagern, deren unbeschreibliche Haftbedingungen hinter denen der Hauptlager kaum zurückstanden. So diente ein alter Schleppkahn in Bremen-Ochtumsand als Haftanstalt ebenso wie beispielsweise der Wasserturm in Prenzlauer Berg.

Allein in Polen in seinen heutigen Grenzen wurden 5877 Lager ermittelt. Nur für ein einziges Land der Bundesrepublik gab es ähnliche Untersuchungen: In Hessen gab es mindestens 606 Lager. In 532 von diesen wiederum waren Kriegsgefangene als Zwangsarbeiter untergebracht. Die Häftlinge dieses Systems – im Januar 1945 liegt die Zahl bei mehr als 700000 – unterlagen dabei einem regelrechten „Verwertungsprozess“, in dem das Individuum nichts, Phantasmen wie „Volksgemeinschaft“ und „Rasse“ alles galten. So dienten etwa die Menschenversuche teils dubioser Biologie, überwiegend aber militärischer Zweckforschung. Die Experimente der SS-„Ärzte“ bildeten so die unbarmherzigste Konsequenz aus der „Vernaturwissenschaftlichung der Medizin“, die den Menschen schon vor 1933 zum Objekt gemacht hatte.

Nicht selten, sagt Benz, versuchten „Honoratioren und Bürger, die die Realität nicht wahrhaben wollen, die Existenz eines Gliedes des KZ-Systems in ihrem Heimatort zu negieren“. Mit dem Kompendium entstehe nun eine verlässliche Grundlage zur Diskussion über Stätten des Grauens, die von ihren Organisatoren einst in euphemistischer Absicht als „Gemeinschafts“- oder „Wohnlager“ ausgegeben wurden. Das Werk richte sich damit weniger an Fachwissenschaftler, als an die breite Öffentlichkeit, betont Benz. Der Historiker versteht das Gemeinschaftswerk von bundesweit 250 Autoren als ein „Memorial in Buchform“, eine Art virtuelles Holocaust-Mahnmal, eine virtuelle Ergänzung auch zur Berliner „Topografie des Terrors“.

Nach dem soeben erschienenen ersten Teil, der Gemeinsamkeiten der Lager in Längsschnitten beleuchtet, dokumentieren die folgenden Bände die Geschichte der Lager in der Chronologie ihrer Entstehung. Es wird deutlich: Die KZs waren keine vorübergehende Randerscheinung, sondern zentraler Bestandteil des terroristischen Herrschaftssystems der Nazis. „Auf Dauer angelegt, überzog das System der Lager erst Deutschland, dann das besetzte Europa wie ein Spinnennetz“, sagt Benz. Mit der „Geschichte der nationalsozialistischen Konzentrationslager“ wird das Spinnennetz des NS-Terrors zum ersten Mal in ebenso umfassender wie kompakter Form dargelegt.

Wolfgang Benz, Barbara Distel (Hgg.): Der Ort des Terrors. Geschichte der nationalsozialistischen Konzentrationslager. Bd. 1: Die Organisation des Terrors. Verlag C.H. Beck, München 2005. 394 Seiten, 49,90 Euro.

0 Kommentare

Neuester Kommentar
      Kommentar schreiben