Gesundheit : Im Sprung nach unten

Pisa-Analyse, dritter Teil: Wo 20 Prozent Ausländer an einer Schule sind, sinken die Leistungen drastisch

Bärbel Schubert

Ein hoher Ausländeranteil an einer Schule senkt deren Leistungsniveau. Zu diesem Ergebnis kommt die bisher unveröffentlichte neue Auswertung der Pisa-Studie durch das Max-Planck-Institut für Bildungsforschung in Berlin. Wenn an einer Schule mehr als jeder fünfte Schüler aus einer Zuwandererfamilie kommt, nimmt das Leistungsniveau „sprunghaft“ ab, stellen die Autoren fest. Der Rückstand beträgt dann durchschnittlich fast ein halbes Jahr. Die Schulforscher verglichen dabei Schulen mit fünf Prozent Ausländeranteil und weniger mit denen, die 20 Prozent und mehr ausländische Schüler unterrichten. Jedoch garantierte auch ein geringer Ausländeranteil kein hohes Niveau.

„Der Umgang mit Heterogenität scheint Schulen also bereits bei einer quantitativ relativ moderaten ethnischen Mischung der Schülerschaft Schwierigkeiten zu bereiten“, schließen die Autoren in einer zusammenfassenden Analyse. Überraschend sei allerdings, dass die Leistungseinbußen nicht linear verliefen. Auch wenn 40 Prozent der Schüler und mehr aus Zuwandererfamilien kämen, leide das mittlere Leistungsniveau nicht zusätzlich.

In ihrer Länderanalyse heben die Bildungsforscher hervor, dass Bayern und Baden-Württemberg bei der Förderung der ausländischen Kinder offensichtlich „die relativ besten Ergebnisse“ erzielen. Aus der Vorgängeruntersuchung ist allerdings auch bekannt, dass die Bundesländer jeweils sehr unterschiedliche Zuwanderergruppen aufnehmen. Anders als gedacht sind dabei Türken mit einem Anteil von 17 Prozent keineswegs die größte Ausländergruppe in den alten Bundesländern, sondern Aussiedler und Zuwanderer aus der ehemaligen Sowjetunion mit 34 Prozent der ausländischen Schüler.

Als Ursache für die sprunghafte Veränderung des Leistungsniveaus vermuten die Forscher, dass die Schulen erst ab einem „kritischen“ Ausländeranteil gezielte Fördermaßnahmen einsetzen. Das könne auch der Grund dafür sein, dass eine weitere Zunahme sich nicht mehr auswirke.

Die verbreitete Annahme, dass das insgesamt schlechte deutsche Abschneiden im internationalen Vergleich ebenfalls auf die ausländischen Schüler zurückgehe, weisen die Bildungsforscher allerdings zurück. Um das zu klären, haben sie die ausländischen Schüler aus dem internationalen Ergebnis einfach herausgerechnet. Auch dann schneidet Deutschland noch immer allenfalls durchschnittlich ab – im Lesen, in Mathematik und den Naturwissenschaften. Ergebnis: „ein geringfügig positiveres Bild“ als bei der Gesamt-Testgruppe.

Wie schon in der Vorgängerstudie betrachten die Autoren erneut ein ganzes Spektrum von Schulthemen. Im Fokus ist dabei erneut die Bildungsbeteiligung und die große Leistungsheterogenität in Deutschland. Schüler mit gleicher Begabung haben in Deutschland sehr unterschiedliche Entwicklungschancen, je nachdem, welche Schulform und welche konkrete Schule sie besuchen. Die Forscher stellen fest, dass dabei die Unterschiede zwischen den einzelnen Schulen derselben Schulform wahrscheinlich größer sind als die Unterschiede zwischen verschiedenen Schulformen. Zwei Gymnasien unterscheiden sich danach also mit einer gewissen Wahrscheinlichkeit mehr als ein Gymnasium und eine Realschule oder eine Haupt- und eine Realschule.

Dabei gerät die SekundarstufeI (Klasse fünf bis zehn) und das in Haupt-, Realschule und Gymnasium gegliederte deutsche Schulsystem in die Kritik. Die im internationalen Vergleich besonders großen Leistungsunterschiede zwischen den Schülern am Ende der Pflichtschulzeit seien „zu einem nicht unerheblichen Teil“ in der SekundarstufeI „institutionell erzeugt oder zumindest verstärkt“. Zur Öffnung der Leistungsschere trügen sowohl die Differenzierung der Schulformen wie auch die Unterschiede zwischen den Einzelschulen bei. Problematisch sei das besonders bei insgesamt mittelmäßigem Niveau und vielen Schülern, die die Mindeststandards nicht erreichen.

Die Präsidentin der Kultusministerkonferenz, Hessens Schulministerin Karin Wolff (CDU), verlangte als Konsequenz aus der Studie eine frühere Sprachförderung für ausländische Kinder. Hessen werde seinen Weg mit verpflichtenden Kursen auch anderen Bundesländern empfehlen. Eine Quotierung ausländischer Kinder beim Schulzugang lehnte die Ministerin dagegen ab.

Die dem Tagesspiegel vorliegende Studie soll erst am Donnerstag offiziell von den Kultusministern der Länder vorgestellt werden. Sie enthält eine Fülle weiterer Details aus den Tests mit 50000 Schülern an deutschen Schulen.

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