Gesundheit : Im Team zur Fusion

Der Senat will im Februar ein Gesetz beschließen, um die Berliner Hochschulmedizin zu vereinigen

Bärbel Schubert

Nach außen wirkt alles ruhig in der Berliner Hochschulmedizin. Das ist umso erstaunlicher, als sie vor der vielleicht größten Operation ihrer Geschichte steht. Denn in wenigen Monaten werden die Charité der Humboldt-Universität und das Klinikum Benjamin Franklin der Freien Universität zu einer gemeinsamen Fakultät und einer Klinik zusammengeführt. Ein Projekt, das eigentlich heftige Auseinandersetzungen erwarten lässt. Denn es steht viel auf dem Spiel.

Niemand zweifelt mehr daran, dass die Fusion kommt, nachdem auch der Wissenschaftsrat dies als Lösung der Spar- und Strukturprobleme befürwortet hat. Das neue Modell muss immerhin mit einem Drittel weniger Geld auskommen als heute. Das bedeutet den Abbau von Stellen, den Verlust einflussreicher Positionen für die einen, Zuwachs für andere, Umzüge ganzer Disziplinen – ein Umbruch auf der ganzen Linie.

„Ich glaube trotzdem nicht, dass das jetzt die Ruhe vor dem Sturm ist“, meint Martin Paul, Dekan am Klinikum Benjamin Franklin der Freien Universität. Und sein Amtskollege Joachim Dudenhausen von der Charité pflichtet ihm bei. Beide sehen bereits „viel konstruktive Arbeit“ zur Vorbereitung der Fusion. Die Zusammenarbeit über die bisherigen Hochschulgrenzen hinweg habe bereits begonnen. Vieles an den Vorschlägen von Expertenkommission und Wissenschaftsrat sei konsensfähig. Aber die vorgeschlagene Grundstruktur müsse noch „ausdiskutiert“ werden.

Grundsätzlich akzeptiert auch der Ärztliche Direktor der Charité, Manfred Dietel, die Vorlagen. „Nolens volens“ seien die Mediziner doch eher pragmatisch. „Wichtig ist aber, dass die Vorschläge der Benz-Kommission als Denkanstöße betrachtet werden.“ Gestalten wollen die Beteiligten lieber selbst; denn die Expertenkommission hatte die medizinischen Disziplinen sehr detailliert auf ihre wissenschaftliche Leistungsfähigkeit hin betrachtet und genaue Vorschläge gemacht, wer wohin umziehen soll. Die Kostenrechnung wird aber eher skeptisch beurteilt.

Im Sommer geht’s los

Die Mediziner sind sich einig, dass die Umsetzung nun schnell gehen muss: Einen Aufsichtsrat soll es geben. Er müsse zügig besetzt und arbeitsfähig gemacht werden, damit die Übergangsphase so kurz als möglich bleibt.

Dafür wird schnell eine gesetzliche Grundlage benötigt. „Ein Vorschaltgesetz kommt im Februar“, verspricht Wissenschaftssenator Thomas Flierl (PDS). „Darin werden die wesentlichen Punkte der Empfehlungen von Wissenschaftsrat und Expertenkommission aufgenommen.“ Für den Sommer kündigt Flierl das neue Strukturgesetz für die Hochschulmedizin an, „das sich auch an der Schnittstelle der Empfehlungen orientiert“. Für die SPD-Fraktion arbeitet ihr hochschulpolitischer Sprecher Bert Flemming an der Neuordnung. Mit dem Vorschaltgesetz werde der genaue Zuschnitt von Aufsichtsrat und Vorstand festgelegt, sagt er.

Diese beiden Gremien sind es im Prinzip, die die künftige Hochschulmedizin nach den Vorgaben schaffen werden. Von ihrer Handlungsfähigkeit und Kreativität hängt ab, wie gut Berlins Uni-Mediziner künftig forschen können. Unterlaufen beim Gremienzuschnitt gravierende Fehler oder findet man für die Schlüsselpositionen nicht die besten Persönlichkeiten, wird die Fusion scheitern. Das könnte schnell geschehen, wenn der Vorstand nicht handlungsfähig ist.

Der Wissenschaftsrat hat drei Vorstandsmitglieder vorgeschlagen – den Vorsitzenden, den Ärztlichen Direktor und den Dekan. Müssen sie einstimmig entscheiden, ist ein Stillstand bei so schwierigen Aufgaben schnell absehbar. Ein anderes Hemmnis wäre ein Anwachsen dieses Gremiums im Gesetzgebungsverfahren, um weitere Interessengruppen zu berücksichtigen. Verwaltung und Pflegedienst haben das schon für sich eingefordert.

Für die Entscheidung, den hauptamtlichen Vorstand mit auswärtigen Experten zu besetzen gibt es Zustimmung. Etliche Beteiligte räumen ein, dass alle bisherigen Amtsinhaber an ihre bisherige Fakultät und Klinik gebunden sind. Die Akzeptanz künftiger Entscheidungen hängt aber auch davon ab, dass sich beide Fakultäten vertreten sehen.

Das Risiko des Scheiterns

Die Fusion unter den jetzigen Vorzeichen hat noch viele Hürden zu überwinden. Die Medizinfachleute im Wissenschaftsrat haben diese als gravierend eingestuft. Weil das Risiko des Scheiterns so groß sei, empfehlen sie sogar eine eigenständige Medizinische Hochschule, ein sonst nicht mehr favorisiertes Modell. Als besonders störanfällig erschien ihnen die Zuordnung der Medizin zu zwei Universitäten – bundesweit ein Unikat. Wird doch schon die Gremiensteuerung einer Universität von vielen Kritikern als unbeweglich gesehen. Die Präsidenten der beiden Universitäten sind jedenfalls von ihrer ursprünglichen Kritik schon eingeschwenkt. Ob sie in der künftigen „Charité. Hochschulmedizin Berlin“ eine feste Stimme haben, ist aber noch offen.

Zu regeln ist auch die Frage der politischen Verantwortung. Bisher ist geplant, dass Berlins Wissenschaftssenator dem Aufsichtsrat vorsteht. Bleibt das Land doch der Hauptgeldgeber für Forschung und Lehre. Neben dem Finanzsenator sollen dem Gremium auch externe Experten angehören. Doch auch daran gibt es viel Kritik. Dieses nebenamtliche Gremium gilt jedenfalls als leichter zu besetzen als der Vorstand. Dass die Hamburg schon seit fast zwei Jahren einen hauptamtlichen Ärztlichen Direktor sucht, gibt einen Hinweis darauf, dass sich qualifizierte Bewerber dafür nicht gerade reichlich auf dem Arbeitsmarkt tummeln.

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