Gesundheit : Im Trüben baden

Die Brandenburger Gewässer sind nicht so sauber, wie es scheint. Vor allem Blaualgen bereiten Probleme

Roland Knauer

Plötzlich schlängeln sie sich um die Beine. Mit ihren kühlen Armen suchen sie keine arglose Beute, sondern nur einen Halt, an dem sie sich dem Sonnenlicht entgegenranken können. Die Beine eines Schwimmers kommen den Schlingpflanzen da gerade recht.

Mittlerweile aber sind diese Pflanzen in Brandenburg selten geworden. Und Gewässerforscher wie Christian Steinberg vom Leibniz-Institut für Gewässerökologie und Binnenfischerei (IGB) am Müggelsee im Osten Berlins betrachten ihr Verschwinden mit einiger Sorge. Denn mit ihnen ist ein großer Teil der Organismen verschwunden, die die Badegäste früher in einem typischen Brandenburger See beobachten konnten.

Was ist passiert? Der viele Regen spült Kunstdünger aus der Landwirtschaft über einige Umwege in die meisten Seen des Landes. Dort düngen diese Substanzen das Leben im Wasser kräftig. Die Schlingpflanzen aber profitieren davon nicht. Sie wachsen langsam, während sich Kieselalgen schon im Frühjahr explosionsartig vermehren und dabei das reiche Nährstoff-Angebot verbrauchen. In einem derart überdüngten See trüben die wuchernden Mikroorganismen das Wasser stark. So sehr, dass man beim Tauchen die sprichwörtliche Hand nicht mehr vor den Augen sieht.

So lässt die Wasserqualität der Berliner Seen zu wünschen übrig – aus sehr unterschiedlichen Gründen. In den Gewässern, die in dem Bergbaugebiet der Lausitz entstanden sind, lassen Säuren nur wenige besonders robuste Organismen überleben. Die Säure löst zugleich Eisen aus dem Untergrund, dessen Sauerstoff-Verbindung dem See eine rostrote Farbe gibt.

Gefahr sollte der Badende jedoch insbesondere dann wittern, wenn der See bei schönstem Wetter sich langsam türkisgrün färbt. Dieser blaugrüne Ton stammt nämlich meist von Blaualgen. Sie profitieren vor allem vom Phosphat, das Landwirte als Dünger auf die Felder streuen. Phosphorverbindungen aus Fäkalien oder Waschmitteln werden dagegen heute meist bereits im Klärwerk weitgehend zurückgehalten. Auch der dünne, weiße Schaumkragen, der im Sommer manchmal am Ufer schwappt, deutet auf Blaualgen hin. Dabei handelt es sich um gelöste Eiweiße, die von den Blaualgen abgeschieden werden.

Der Begriff „Blaualge“ ist genau genommen falsch. Denn dieser Organismus wandelt zwar wie eine Alge oder andere Pflanzen Sonnenlicht, Kohlendioxid der Luft und Wasser in organisches Material um. Aber Blaualgen sind keineswegs Algen, sondern vielmehr Bakterien, die die Photosynthese ähnlich gut beherrschen wie die wesentlich weiter entwickelten Pflanzen. Blaualgen sind allerdings erheblich älter als alle Pflanzen, sie schwammen bereits sehr früh in den Gewässern der Erde. Als sich aber später verschiedene größere Organismen bis hin zu den Fischen entwickelten, die einfach nur das Maul aufsperren brauchten, um eine Blaualgen-Mahlzeit zu genießen, war es mit den paradiesischen Zuständen für die Mikroorganismen erst einmal vorbei. Manche Biologen argwöhnen, dass die Bakterien damals begannen, Gifte zu entwickeln, die eigentlich den Fischen die Mahlzeit verleiden sollten. Heute bereiten genau diese Substanzen Badenden Probleme, die beim Schwimmen ab und zu einen Schluck Wasser abkriegen.

Mit Hilfe von mehr als 40 verschiedenen Enzymen produzieren Blaualgen eine ganze Reihe verschiedener Gifte – einige von ihnen fördern sogar die Entwicklung von Krebs. So hat die Weltgesundheitsorganisation WHO längst einen Richtwert für Trinkwasser herausgegeben. Mit dessen Hilfe hat das Umweltbundesamt UBA in Berlin eine Empfehlung für Badegewässer erarbeitet. Demnach sollen die Behörden vor dem Baden warnen, wenn sich mehr als zehn Millionstel Gramm des Blaualgen-Giftes Mikrocystin in einem Liter Wasser im Badebereich finden.

Bisher stellten die zuständigen Behörden im Großraum Berlin keine Schilder auf, die vor einer solchen Gefahr warnen. Dabei wurden in den großen Berliner Seen schon Blaualgenkonzentrationen und Mikrocystinwerte gemessen, die zum Teil beim Hundertfachen der Warnschwelle des UBA lagen. Zwar treten solche Werte nur sporadisch auf. Doch Christian Steinberg ist in den zehn Jahren, in denen er das Gewässer-Ökologie- Institut leitete, nicht ein einziges Mal in einem Berliner See geschwommen.

Interessierte würden nur im Internet vor den Blaualgengiften gewarnt, sagt Steinberg. „Welcher Badelustige schaut zuerst ins Internet, bevor er in einen See springt?“ Grenzwerte für Badegewässer haben es ohnehin schwer, ernst genommen zu werden. Beispielsweise schreibt eine Richtlinie der Europäischen Union vor, in 100 Milliliter Badewasser dürften allenfalls 2000 Escherichia-coli-Bakterien schwimmen. Liegen mehr als fünf Prozent der Wasserproben bei Kontrollmessungen über diesem Wert, sollte ein roter Punkt vor dem Sprung ins kühle Nass warnen.

Als das UBA aber in fünf deutschen Badeseen – darunter dem Berliner Plötzensee – diesen Wert in den Jahren 2000 und 2001 unter die Lupe nahm, fand sich Erstaunliches: Bereits bei zehn Prozent der eigentlich zulässigen Menge an Mikroorganismen im Wasser bekommen Badelustige deutlich häufiger Durchfall als Kontrollpersonen, die mit Badeverbot am Ufer saßen. Die Bundesregierung wollte auf Grund dieser Ergebnisse und der Empfehlungen der WHO strengere Grenzwerte für die Bakterienbelastung in Seen in der Europäischen Union einführen – sie konnte sich aber gegen den Widerstand anderer Länder nicht durchsetzen.

Mehr im Internet unter:

www.umweltbundesamt.de

www.badegewaesser.berlin.de

www.brandenburg.de/badestellen

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