Gesundheit : Im Wechselbad der Hormone

Lange galten Östrogene als Jungbrunnen für Frauen nach den Wechseljahren – ein riskanter Mythos

Adelheid Müller-Lissner

Es begann mit einem Paukenschlag, letzten Sommer. Eine amerikanische Mammut- Studie mit 16000 Teilnehmerinnen wurde nach fünf Jahren abgebrochen. Grund: unerwartete Ergebnisse. Die Initiatoren der „Women’s-Health-Initiative“-Studie, WHI, hatten – auf Grund früherer Befunde – gedacht, mit ihrer Hormongabe Herz und Gefäße zu schützen. Doch die Behandlung führte umgekehrt zu einer leicht erhöhten Rate von Infarkten, Schlaganfällen und Venenthrombosen. Auch Brustkrebs trat etwas häufiger auf. Ein herber Rückschlag für die Hormontherapie nach den Wechseljahren.

Drei Studien, deren Ergebnisse in der aktuellen Ausgabe des US-Fachmagazins „Jama“ nachzulesen sind, wirken nun zusätzlich ernüchternd. Eine genauere Auswertung der Daten der WHI-Studie ergab: Frauen, die Hormone einnehmen, laufen eher Gefahr, eine Form des Schlaganfalls zu erleiden, die auf Gefäßverengung zurückgeht.

Während die neuen Daten zum Hirninfarkt nach den Informationen im letzten Sommer nicht verwundern, enttäuschen die beiden anderen Studien bisher noch weitgehend ungetrübte Hoffnungen auf einen anderen langfristigen Nutzen der Hormontherapie. Beide zeigen, dass die Hormone auch für den Geist keineswegs ein Jungbrunnen sind. Forscher von der Wake Forest University School of Medicine in North Carolina haben über 4500 Teilnehmerinnen der WHI-Studie, die zu Beginn über 65 Jahre alt waren, in eine spezielle Gedächtnis-Studie eingebunden. In standardisierten Tests maßen sie im Verlauf von vier bis fünf Jahren mehrfach die Orientierungsfähigkeit, die Sprache, Reaktionsgeschwindigkeit, Fähigkeit zur Abstraktion und das Namensgedächtnis. Ergebnis: Die Frauen, die keine Hormone nahmen, schnitten etwas besser ab – auch wenn dieser Unterschied statistisch nicht bedeutsam war.

In einer weiteren Studie nahmen sich andere Forscher speziell der Frauen an, bei denen die Untersuchungen einen Verdacht auf Alzheimer oder eine andere Form der Demenz ergeben hatten. Bei ihnen wurden weitere Tests, Computertomografien und Blutuntersuchungen gemacht. Bei 61 der Frauen erhärteten die Tests die Diagnose – davon 40 aus der Hormon-, aber nur 21 aus der gleich großen Gruppe, die ein Scheinmedikament einnahm. Offenbar wirkt die Hormontherapie eher negativ. Wenn 10000 Frauen über 65 die Hormon-Kombination nehmen, haben der Studie zufolge 23 Frauen mit Alzheimer oder einer ähnlichen Erkrankung zu rechnen, die sie ohne Hormone nicht bekommen hätten. Über jüngere Frauen oder solche, die nur ein Östrogen-Mono-Präparat einnehmen, sagt die Studie nichts aus.

Schon am 8. Mai hatte das Fachblatt „New England Journal of Medicine“ Ergebnisse zu Hormonen und Lebensqualität veröffentlicht. Die Daten wurden durch mehrmalige Befragung der Frauen gewonnen, die an der WHI-Studie teilnahmen. Zu Beginn der Untersuchung und ein Jahr später wurden allen und nochmals drei Jahre danach einer Gruppe von 1511 Teilnehmerinnen derselbe Fragebogen vorgelegt. Das Ergebnis: Die Hormontherapie führte „nicht zu einer aussagekräftigen Verbesserung der allgemeinen Gesundheit, der Vitalität, der psychischen Gesundheit, depressiver Symptome oder der sexuellen Befriedigung“. Im Vergleich zu den Frauen, die ein Scheinpräparat eingenommen hatten, besserten sich allerdings Schlafprobleme und Schmerz ein Jahr nach Einnahmebeginn, jedoch nur leicht. Nach drei Jahren war auch dieser Effekt nicht mehr zu erkennen. Fazit: Auch die Fähigkeiten als Stimmungsaufheller, die ihr oft nachgesagt wurden, hat die Hormontherapie bei den im Durchschnitt 63 Jahre alten Frauen nicht unter Beweis stellen können.

Erfolg zeigte die Östrogen-Gestagen-Kombination bei denjenigen Frauen aus der Altersgruppe der 50- bis 54-Jährigen, die zu Beginn der Therapie unter den typischen hormonbedingten Wechseljahre-Symptomen – Hitzewallungen, Trockenheit der Scheide und Schweißausbrüchen – litten. Damit hat anderen Studien zufolge etwa jede dritte Frau in den Wechseljahren stärker zu tun. Neben den Symptomen besserte sich bei diesen Frauen auch der Schlaf.

Das passt zu den Empfehlungen, die die Deutsche Gesellschaft für Gynäkologie zu Beginn dieses Jahres ausgesprochen hat (in: „Frauenarzt“, Nr. 2, Band 44, 2003). Die Gynäkologen schreiben dort, die Hormontherapie sei die wirksamste medikamentöse Behandlungsform gegen Hitzewallungen und Schweißausbrüche, solle aber nur nach einer Nutzen-Risiko-Abwägung „gemeinsam mit der Rat suchenden Frau“ verordnet und jedes Jahr wieder überdacht werden.

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