Gesundheit : Immer auf der Seite des Gegners Parteigänger nehmen Medien oft verzerrt wahr

Rolf Degen

Die intensive Identifikation mit einer politischen oder weltanschaulichen Richtung kann den Medienkonsum zu einem geradezu paranoiden Erlebnis machen. Parteigänger nehmen ihre Ansicht nämlich als unterrepräsentiert wahr und unterstellen der Presse und dem Rundfunk eine bösartige Verzerrungstendenz zu Gunsten der Gegenseite. Das geht so weit, dass beide Fronten ein und den selben Beitrag als Stellungnahme für ihre Opponenten verkennen.

Es ist eine alte Erkenntnis der Kommunikationsforschung, dass Menschen selektiv Medien, Nachrichten und Kommentare konsumieren, die ihre eigene Grundüberzeugung unterstützen. Und doch: Trotz dieser Bestätigungstendenz können sich eingefleischte Parteigänger nicht gegen den Eindruck wehren, dass ihre eigene Seite notorisch unterbelichtet wird. Den ersten Beweis für diesen Effekt lieferten US-Psychologen, als sie propalästinensisch und proisraelisch eingestellten Probanden mehrere Nachrichtenfilme über ein Massaker an Arabern in Beirut vorführten.

Tatsächlich beharrten beide Lager darauf, dass die Berichterstattung ihren politischen Widersacher favorisierte. Die Zuschauer, die Israel näher standen, konnten sich an besonders viele antiisraelische und besonders wenige israelfreundliche Bezüge erinnern. Die Anhänger der palästinensischen Position nahmen eine entgegengesetzte Verteilung der Argumente wahr. Beide Fronten waren überzeugt, dass die Filme einen neutralen Rezipienten gegen ihre eigene Weltanschauung aufbringen würden.

Eine ähnliche Wahrnehmungsverzerrung ist auch beim US-Wahlkampf ans Tageslicht gekommen, so der Medienforscher Albert C. Gunther von der Universität Wisconsin-Madison. Anhänger der republikanischen Partei attestierten ihrer regionalen Tageszeitung ein Faible für den politischen Widersacher. Prodemokratisch eingestellte Leser schrieben dem gleichen Blatt eine Voreingenommenheit fürs konservative Lager zu.

Die Ergebnisse lassen offen, ob ideologisch Voreingenommene nur Berichte in den Massenmedien oder jede Beschreibung von Ereignissen und Standpunkten als einseitig diskreditieren. Um diese Ungewissheit zu beseitigen hat Psychologe Gunther seinen Probanden jetzt einen Zeitungsbericht über genmanipulierte Nahrungsmittel dargeboten, der von neutralen Juroren als fair und ausgeglichen eingeschätzt worden war. Der einen Hälfte der Probanden präsentierte der Forscher den Text als Ausschnitt aus einer nationalen Tageszeitung. Der anderen wurde er als privater Essay eines Studenten aufgetischt.

Den vermeintlichen Zeitungsausschnitt betrachteten beide Lager wie gehabt durch die ideologische Brille. Befürworter der genetischen Manipulation von Nahrungsmitteln sahen darin Propaganda für die Gegenseite. Aber auch ihre Gegner lasen eine Stellungnahme für ihre weltanschaulichen Kontrahenten hinein. Wenn die Probanden glaubten, dass es sich um den privaten Text eines Studenten handelte, löste sich ihre Negativdeutung in Wohlgefallen auf. Jetzt konnten die Teilnehmer keine Anti-Haltung zu ihrer eigenen Sichtweise mehr ausmachen. „In einigen Punkten schlug die Wahrnehmung sogar um“, berichtet Gunther. „Sie sahen den Essay sogar als eine Rechtfertigung ihres eigenen Standpunktes, nicht als eine Gegenstimme.“

Der „feindliche Medien-Effekt“ kommt offenbar nur dann zu Stande, wenn eine Information als Pressebeitrag aufgefasst wird und man den Eindruck hat, die breite Masse würde „in die falsche Richtung“ verführt. Politiker und andere Personen, die an der Speerspitze einer ideologischen Bewegung stehen, beschweren sich häufig über eine unfaire Berichterstattung. „Vermutlich täuschen sie sich“, erklärt Gunther. „Unsere Ergebnisse legen nahe, dass Journalisten sich vor einer Überreaktion auf solche Unterstellungen hüten sollten. Parteigänger, die der Presse Einseitigkeit vorwerfen, sind wahrscheinlich darauf programmiert, Einseitigkeit zu sehen.“

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