Gesundheit : Immer mehr kommen aus Osteuropa zu deutschen Familien - Horrorstories und Abschiedsschmerz

Martine Lichtenberger

"Und einen dicken Kuss für mein Mäuschen. Sie fehlt mir sooo!" Jeder Brief von Silvia endet so, und es sind viele. Mindestens zweimal im Monat liegt ein Kuvert aus der Slowakei im Briefkasten, und immer sind die Zeilen voller Heimweh - nach "ihrem Mäuschen" und nach Deutschland, wo Silvia für ein Jahr als Au pair arbeitete. "Mäuschen" hat sie dabei am Anfang gar nicht interessiert, im Gegenteil.

Die ersten Tage im neuen Zuhause, fernab von Freund und Familie, waren die Hölle, erzählt sie heute: fremde Leute, fremdes Bett, unbekanntes Essen, unverständliche Sprache und dann noch die Verantwortung für ein quäkendes Kind, das noch nicht einmal Laufen kann - was soll man mit so einem Wesen nur den ganzen Tag anstellen?! Eine Woche lang waren Silvias Augen vom Weinen rot verquollen. Für jeden überstandenen Tag machte sie ein Kreuzchen, wie die jungen Männer beim Militär. Ein Jahr später waren die Augen wieder rot: Silvia hatte der Abschiedsschmerz gepackt.

Das Beispiel der 21jährigen Silvia aus der Slowakei ist so ungewöhnlich nicht. Fast alle Au pairs, die heutzutage in deutschen Familien die Kinder betreuen, kommen aus Osteuropa - und damit aus einer anderen Welt. Hier erwartet sie der Komfort eines gepflegten Haushalts in einem der reichsten Länder der Welt: Was die Au pairs als Taschengeld bekommen - 400 Mark im Monat - ist oft mehr als das, was ihre Eltern zu Hause verdienen.

"Kulturstress ist unvermeidlich", meint Birgit Hempelt, Leiterin des Au-pair-Programms bei der Bonner Gesellschaft für Internationale Jugendkontakte (GIJK). Manche Au pairs zögen sich zurück, andere kapitulierten vor Kleinigkeiten, wieder andere kritisierten pauschal die "deutsche Art", mit gewissen Situationen umzugehen. Aber beinahe alle, so Hempelts Erfahrung, "kämpfen sich mit Hilfe der Familie und der Agentur durch den Kulturschock und bestehen die Herausforderung erfolgreich." Dann kann aus der Au-pair-Zeit für die jungen Leute (in den allermeisten Fällen sind es Frauen zwischen 18 und 25 Jahren) eine der schönsten Erfahrungen ihres Lebens werden.

Der Kulturaustausch ist vom Gesetzgeber als ein wesentliches Ziel eines Au-pair-Aufenthaltes vorgegeben: Junge Leute aus aller Welt sollen die Chance haben, die deutsche Sprache und Kultur kennen zu lernen, indem sie Familienmitglied auf Zeit werden. Ein Jahr ist dafür vorgesehen, unerbittlich läuft nach 12 Monaten jedes Au-pair-Visum ab. Aus gutem Grund, meint Otto Schulte von der der Bundesanstalt für Arbeit: "Viele Familien meinen, sie könnten ein Au pair als billige Haushaltshilfe beschäftigen und beuten die jungen Menschen aus." Andererseits weiß er, dass für die Au pairs das Kennenlernen einer anderen Kultur manchmal nur lästige Begleiterscheinung ist: "Bei vielen ist die wesentliche Motivation das Geld, das sie verdienen und sparen können."

Dabei kommt es durchaus vor, so berichten übereinstimmend Au-pair-Vermittler und Gastfamilien, dass eine junge Frau alles dran setzt, einen deutschen Mann kennenzulernen, der sie davor bewahrt, dorthin zurückkehren zu müssen, wo man manchmal statt eines Monatslohns ein paar Kilo Butter bekommt und wo der Kauf eines Autos einer schmalen Schicht von Neureichen vorbehalten ist. Modische Jeans, exotische Früchte, ein eigenes Zimmer schon für die allerkleinsten Kinder? Solche Errungenschaften sind in Osteuropa immer noch kaum erschwinglich.

Wieviele junge Leute als Au pair in Deutschland leben, ist nicht bekannt, schon weil viele - bewusst oder unbewusst - eine Zeitlang illegal hier leben. Prinzipiell ist für die Vermittlung eines Au pairs von außerhalb der EU eine spezielle Agentur notwendig, und davon gibt es hunderte. Manche betreiben das Geschäft als reinen Nebenjob, andere haben jahrzehntelange Erfahrung und vermitteln jährlich hunderte von Au pairs, wie etwa die GIJK in Bonn, die zur Caritas gehörende In Via (Freiburg) sowie der zur Diakonie gehörende Verein für Internationale Jugendarbeit (Bonn). Sicher ist: Seit der Eiserne Vorhang gefallen ist, kommen immer mehr junge Frauen aus Osteuropa nach Deutschland. Vor zehn Jahren wurden 2500 Au pairs in deutsche Familien vermittelt. Heute ist es ein Vielfaches. Mehr als 12 000 Vermittlungen zählte die Bundesanstalt für Arbeit allein im zweiten Halbjahr 1998, Tendenz weiter steigend. Vor allem berufstätigen Frauen kann das nur recht sein, denn tatsächlich gibt es kaum eine flexiblere Möglichkeit der Kinderbetreuung. Bis zu 30 Stunden wöchentlich kann das Au pair eingesetzt werden sowie drei Abende in der Woche als Babysitter während der Schlafenszeit der Kinder. Auch leichte Hausarbeiten kann das Au pair erledigen.

Auf Überraschungen muss man dabei freilich gefasst sein: "Wieviel Wäsche schon verhunzt wurde, weil die Maschine falsch bedient wurde, davon kann manche Familie ein Lied singen", berichtet Marita Rößler von der PME Familienservice GmbH in Stuttgart, die vor allem im Auftrag von Großunternehmen Au pairs vermittelt: "Und manche Ledercouch ist schon mit Scheuermittel gereinigt worden."

Wohl nur wer halbwegs gelassen auf solche Vorfälle reagieren kann, ist auf Dauer für das Zusammenleben mit einem Au pair geeignet - denn im Prinzip muss man auf alles gefasst sein. Eine Horrorstory nach der anderen wird aufgetischt, wenn Au-pair-Gastfamilien sich treffen. Da gibt es die Geschichte von der Tschechin, die glaubte, ein "Fotograf", der ihr hunderte von Mark anbietet, wolle nur ihr hübsches Gesicht ablichten. Eine andere Familie war plötzlich damit konfrontiert, dass ihr Au pair Krebs hatte und dringend ins Krankenhaus musste - somit war es nicht nur arbeitsunfähig, sondern brauchte selbst dringend Hilfe. Und manchmal findet ein Au pair nur schlecht in die neue Rolle - etwa jene begüterte Südafrikanerin, die ganz cool darauf wartete, bis sie bedient wurde, so wie sie es zuhause vom Personal gewohnt war.

Wenn der Kropf geleert ist, werden die Geschichten freilich immer rührender und viele Gastfamilien lassen erkennen, dass sie sich ein Leben ohne Au pair kaum noch vorstellen können - und gewiss nicht nur, weil kaum Babysitter zu bekommen sind, die Sonntagmorgens ab 6 Uhr sicherstellen, dass Mama und Papa ausschlafen können.

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