Gesundheit : Immer wieder Sonnenaufgang

Wie lebt es sich auf einem Asteroiden? Ziemlich ruhelos! Zwischen Mittag und Mitternacht liegen dort manchmal nur fünf Minuten

Thomas de Padova

Keine Erzählung führt die Vielfalt der Asteroiden so wunderbar vor Augen wie die Geschichte des Kleinen Prinzen von Antoine de Saint-Exupéry. Darin verlässt der Kleine Prinz eines Tages seinen eigenen zierlichen Planeten, um alle Asteroiden der Umgebung aufzusuchen. Er möchte sich bilden und begegnet seltsamen Welten.

Der fünfte Asteroid zum Beispiel ist so klein, dass es dort gerade genug Platz für eine Straßenlaterne und einen Laternenanzünder gibt. Bei jedem Sonnenuntergang zündet der Mann die Laterne an. Morgens macht er sie wieder aus.

Die Nacht auf dem Asteroiden vergeht allerdings im Fluge. Der kleine Planet dreht sich jede Minute einmal um die eigene Achse. Es dämmert ständig. In 24 Stunden gibt es sage und schreibe 1440 Sonnenuntergänge. Der Kleine Prinz ist von dieser Vorstellung entzückt. Der Nachtwächter hingegen seufzt und sehnt sich nach Schlaf.

Er wird es den neueren Erkenntnissen der Wissenschaft zufolge nicht leicht haben, eine Anstellung nach seinem Gusto zu finden. Die meisten Asteroiden in unserem Sonnensystem rotieren schnell. Tag und Nacht wechseln dort viel rascher als auf der Erde.

Über dem Asteroiden 1998 KY26 ziehen die Sterne besonders eilig vorbei: Zwischen Mittag und Mitternacht vergehen dort nur fünf Minuten. Der Asteroid selbst sei „kleiner als das Radar-Teleskop, mit dem wir ihn beobachtet haben“, schätzt Steven Ostro, der den kohligen Stein im Juni 1998 entdeckte.

Ein anderer Asteroid, Castalia, böte dem Laternenanzünder immerhin eine etwas angenehmere Arbeitsstelle. Castalia sieht wie eine große Erdnuss aus und dreht sich alle vier Stunden einmal um sich selbst – macht: sechs Sonnenuntergänge in 24 Stunden.

Kleiner Planet mit Erdnusstaille

Castalia gehört zu den wenigen Asteroiden, deren Gestalt wir inzwischen gut kennen. Im August 1989 zog Castalia im Abstand von nur elf Mondentfernungen an der Erde vorbei. Schon wenige Tage nach seiner Entdeckung bot sich die Möglichkeit, den Asteroiden von Puerto Rico aus mit dem größten Radioteleskop der Erde zu beobachten.

Steven Ostro empfing an mehreren aufeinander folgenden Tagen ein Radarecho des kleinen Planeten. Den Bildern nach zu urteilen besteht Castalia aus zwei etwa ein Kilometer dicken Hälften. Die beiden Stücke kleben an einer feinen Naht zusammen, einer nur 100 Meter weiten Erdnusstaille. Drei Jahre nach Castalia näherte sich der Asteroid Toutatis der Erde. Steven Ostro hatte die Radar-Beobachtungstechnik inzwischen weiter verbessert. Wochenlang verfolgte er den ungewöhnlichen Asteroiden mit der Radioteleskopanlage in Puerto Rico.

Toutatis ist etwas größer als Castalia. Er gibt sich ebenfalls als Doppelasteroid zu erkennen, nur dass die beiden Hälften hier noch loser zusammenhängen. Ostro sah viele Einzelheiten auf der Oberfläche des Himmelskörpers, darunter mehrere Einschlagskrater und Hügel.

Toutatis dreht sich gemächlich. Der Laternenanzünder würde auf diesem Asteroiden gleichwohl nicht glücklich. Denn das Nachtleben auf Toutatis ist verwirrend. Der Kleinplanet rotiert nicht nur in einer Richtung, sondern in zwei: Fünfeinhalb Tage braucht Toutatis für eine Pirouette um seine 4,5 Kilometer lange Achse, knapp siebeneinhalb Tage für den Schwung um die andere, kürzere Achse. Mal geht die Sonne im Westen, mal geht sie im Osten unter. Der Laternenanzünder würde die Nacht mit allerlei komplizierten Berechnungen verbringen müssen und keinen Schlaf finden.

In der Welt der Asteroiden gibt es viele so seltsame Wesen wie den sich närrisch windenden Doppelplaneten Toutatis. Selten stößt man unter den Planeten und Kleinplaneten auf mathematisch elegante Bewegungen, auf anmutige Figuren und Anordnungen. Schon unsere Erde gleicht eher einer Kartoffel als einer Kugel, obwohl die Schwerkraft an der Gestaltung des Globus über Jahrmilliarden gearbeitet hat. Die Erde geht nur deshalb weiterhin als Ball durch, weil die Ozeane einen Großteil ihrer Dellen und Beulen verdecken.

Asteroiden sind meist derart krumm und bucklig, dass schon der Vergleich mit einer Kartoffel oder einer Erdnuss etwas Beschönigendes hat. Die geringe Schwerkraft der Kleinplaneten hält den Schutt nur notdürftig zusammen. Sie kann die Himmelskörper nicht in Form bringen. Nach einer Kollision mit einem anderen Felsbrocken ist ein Asteroid für immer gezeichnet. Man sieht ihm seine wechselvolle Geschichte auf den ersten Blick an.

Als die Raumsonde „Near“ im Jahr 2000 in eine Umlaufbahn um den Kleinplaneten Eros einschwenkte, um ihn ein Jahr lang aus der Nähe zu betrachten, bot sich den Wissenschaftlern ein Bild der Verwüstung: Eros ist etwa so lang und so schmal wie die Insel Sylt. Auf der Oberfläche des Asteroiden zählten die Forscher mehr als 100000 Einschlagskrater und 7000 turmhohe Gesteinstrümmer. Und als die Sonde schließlich im Februar 2001 auf Eros landete, sahen sie, dass Sand und lose Steine den ganzen Kleinplaneten bedecken und die Krater teilweise bis zum Rand füllen.

Bis dahin hatten Wissenschaftler gedacht, dass derartiges Geröll bei heftigen Zusammenstößen zwischen den Asteroiden in alle Richtungen davongeschleudert würde. Denn die Anziehungskraft eines Asteroiden wie Eros ist sehr gering. Sie ist so klein, dass dort ein mit Schwung abgeschlagener Golfball auf Nimmerwiedersehen im All verschwinden würde. Aber entgegen vorherigen Erwartungen ist Eros kein nackter, einsamer Fels im Weltraum, sondern überraschend vielgestaltig. Die bei Einschlägen aufgeworfenen Trümmer können wieder auf den Asteroiden zurückfallen.

Ein Platz für den Nachtwächter

Zwischen all diesem Schutt wäre wohl noch Platz für eine Laterne. Der Nachtwächter würde sich allerdings auch auf Eros nicht niederlassen wollen, müsste er doch alle fünf Stunden einen neuen Tag begrüßen – zu oft für den schlafbedürftigen Mann.

Der Laternenanzünder darf trotzdem auf eine Besserung seiner Lage hoffen. Er könnte sich um einen Job auf dem Asteroiden Mathilde bemühen. Mathilde ist noch stattlicher als Eros, wenn auch schrecklich durchlöchert. Bis zu zehn Kilometer tief ragen die Einschlagskrater in den Boden hinein. Dass Mathilde in der Vergangenheit nicht auseinander gebrochen ist, liegt vermutlich an der sehr lockeren Zusammensetzung des Asteroiden. Er besteht kaum noch aus hartem Gestein, sondern ist nichts als ein Haufen Geröll. Mathilde kann heftige Meteoriteneinschläge daher wohl ebenso gut wegstecken wie ein Sandsack den Hieb eines Boxers.

Was für den Laternenanzünder aber bedeutender erscheint: Der Asteroid dreht sich so langsam wie kaum ein anderer im Sonnensystem. Mehr als ein halber Erdenmonat vergeht hier zwischen einem Sonnenuntergang und dem nächsten. Der Kleine Prinz, der die Abendsonne liebt, würde auf dem Asteroiden vor Sehnsucht vergehen. Der Laternenanzünder aber fände auf Mathilde endlich die verdiente Nachtruhe.

Thomas de Padova hat 40 Geschichten über die Entstehung unseres Sonnensystems geschrieben. Das Buch „Am Anfang war kein Mond“ erscheint heute im Verlag Klett-Cotta, 245 Seiten mit farbigen Abbildungen, 19Euro50.

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