Gesundheit : Impfmüde Deutsche

Zu wenig Schutz vor Mumps, Masern und Röteln

Rainer Woratschka

„Schluckimpfung ist süß, Kinderlähmung ist grausam“ – diesen Spruch bekamen die Eltern der jetzigen Elterngeneration noch erfolgreich eingetrichtert. Inzwischen, klagen Gesundheitsexperten, ist das Warnen schwieriger geworden. „Die Eltern sehen keine hinkenden Kinder mehr“, sagt Reinhardt Kurth, Präsident des Robert-Koch-Instituts (RKI). Ausgerechnet die Impferfolge beförderten Impfmüdigkeit, bestätigt Johannes Löwer vom Paul-Ehrlich-Institut, dem Bundesamt für Impfstoffe. Weil das mit vielen Krankheiten verbundene Leid nicht mehr erfahren werde, träten echte und vermeintliche Nebenwirkungen so in den Vordergrund.

Tatsächlich sind die Gefahren aber nicht gebannt und das Leid auch nicht. Pro Jahr sterben EU-weit 32 000 Kinder an Krankheiten, vor denen sie durch Impfungen hätten geschützt werden können. Darauf wies die Weltgesundheitsorganisation (WHO) zum Auftakt der Europäischen Impfwoche hin.

Eine Verbesserung der Impfraten sei „zwingend erforderlich“, sagte auch Klaus Theo Schröder, Staatssekretär im Gesundheitsministerium, am Montag bei der Vorstellung der Kampagne in Berlin. Jeder müsse sich darüber im Klaren sein, dass Impfschutz lebenswichtig sein könne. „Das Impfen zählt zu den wichtigsten und kostengünstigsten Maßnahmen der Medizin.“ Nur wenn alle mitmachten, sei es möglich, die Masern in Europa auszurotten.

Impfdefizite sieht das RKI in Deutschland vor allem bei den Auffrischungsimpfungen. Viele Jugendliche seien nicht gegen Tetanus und Diphtherie nachgeimpft. Die Durchimpfung gegen Keuchhusten sei „völlig ungenügend“. Auch bei der zweiten Masern-, Mumps- und Rötelnimpfung hapere es. Dabei handle es sich keineswegs um harmlose Kinderkrankheiten, so Kurth.

Besonders nachlässig ist man in den alten Bundesländern. Und am besten geimpft sind laut RKI Kinder aus Familien mit mittlerem sozialen Status. In unteren Schichten fehle es vor allem an Nachimpfungen, in oberen und speziell anthroposophischen Kreisen spare man sich vor allem die Impfung gegen Mumps, Masern und Röteln – zumeist aus Angst vor Nebenwirkungen. Die Argumente der Impfgegner seien aber unhaltbar, sagte Kurth, das Verhalten der Eltern oft verantwortungslos. Im Übrigen könnten sich ihre Kinder „nur so sicher in ihrer Altersgruppe bewegen, weil die meisten anderen geimpft sind“.

Große Defizite sieht Kurth in zwei Bereichen. Es sei „nicht einsehbar“, dass 7000 bis 14 000 Menschen pro Jahr an Influenza sterben. Mit Impfungen erreiche man hier selbst in Risikogruppen nur 50 Prozent. Beunruhigend seien aber auch die Infektionen, die sich viele in Kliniken zuzögen. Auf 400 000 bis 800 000 pro Jahr werden sie geschätzt, bis zu 40 000 Menschen sterben daran. Viel zu viele, meint Kurth.

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