Gesundheit : Impfung gegen das Vergessen

Antikörper gegen Alzheimer: Nach Rückschlägen gibt es neue Hoffnung

Adelheid Müller-Lissner

„Bitte machen Sie Ihren Lesern keine verfrühten Hoffnungen!“ Die Mahnung des 85-jährigen Pharmakologen Helmut Kewitz an die Medienvertreter hatte einen besonders guten Grund. Im Symposium, das die Berliner Medizinische Gesellschaft zur Feier des Geburtstags ihres Ehrenmitglieds ausrichtete, standen neue Behandlungsansätze gegen Alzheimer auf dem Programm.

Und besonders die Aussicht auf eine Impfung gegen Alzheimer ist geeignet, Hoffnungen zu wecken. Wäre es nicht wunderbar, wenn die Furcht erregende Altersdemenz bald besiegbar wäre wie Pocken und Polio? Wenn eine Impfung gegen Alzheimer in mittleren Lebensjahren zum Vorsorge-Programm gehörte wie der Schutz vor Masern und Mumps im Säuglingsalter?

Ein Schutz vor Alzheimer müsste verhindern, dass der Eiweißstoff Beta-Amyloid im menschlichen Gehirn Ablagerungen und Verklumpungen bildet, die Gewebe verdrängen und Nervenzellen absterben lassen. „Leider stellen wir alle mit den Jahren diese tickende Zeitbombe her“, sagt der Biologe Christian Haass vom Adolf-Butenandt-Institut der Universität München, einer der führenden Alzheimer-Grundlagenforscher. Ob sich dann im Gehirn auch die gefürchteten Verklumpungen bilden, hängt von der Konzentration des Proteins ab.

Mit mehreren Strategien versuchen Alzheimer-Forscher derzeit, den gefährlichen Eiweißstoff in die Schranken zu weisen. Am weitesten sind Forscher von der Universität Zürich mit einer Immuntherapie, die man auch als Impfung bezeichnen kann. Genetisch veränderten Mäusen wurde hoch konzentriertes, synthetisch hergestelltes Beta-Amyloid in die Blutbahn gespritzt.

Es bildeten sich Antikörper. Die Nager, die unter Gedächtnisstörungen litten, hatten nicht nur deutlich weniger Ablagerungen im Gehirn, sie lösten auch Testaufgaben besser. Die Antikörper scheinen zudem die Nervenzellen vor dem Untergang durch die vom Eiweiß in Gang gesetzte Vergiftung zu schützen.

Weil die Tierexperimente so viel versprechend verlaufen waren, entschloss sich die Arbeitsgruppe um den Psychiater Roger Nitsch zur Erprobung am Menschen. Mit sehr zwiespältigem Erfolg. Eine Studie, an der 372 Patienten mit leichter bis mittelgradiger Erkrankung aus mehreren Zentren teilnahmen, musste abgebrochen werden, weil 18 von ihnen nach der Impfung Entzündungen von Hirnhaut und Gehirn bekamen. Bei sechs Patienten wurden die geistigen Einbußen dadurch sogar größer. Die Forscher nehmen an, dass das Immunsystem überreagierte.

Ermutigend ist andererseits, was bei der Verfolgung des Schicksals der 30 teilnehmenden Schweizer Patienten herauskam: Es wurde nicht nur bestätigt, dass sich durch die Impfung Antikörper gegen das Beta-Amyloid bilden. Patienten mit hohen Antikörper-Werten im Blut waren außerdem auch ein Jahr nach der Impfung vor dem Fortschreiten der Erkrankung geschützt.

Aufnahmen der Gehirne stimmen die Züricher Psychiater zudem hoffnungsvoll. Bei den Patienten, die Antikörper gebildet hatten, verkleinerte sich zunächst das Volumen des Hippocampus, eines für das Gedächtnis wichtigen Gehirn-Areals. Dies könnte auf den Abbau von Amyloid hinweisen. In einer zweiten Phase vergrößerte sich das Gebiet jedoch wieder, „bis nahe an das Ausgangsvolumen“, wie Nitsch berichtet. „Es könnte also sein, dass die neuronalen Stammzellen neue Nervenzellen gebildet haben“, sagt Haass. Bei den Patienten, die auf die Impfung nicht mit der gewünschten Bildung von Antikörpern reagierten, nahm das Volumen des Hippocampus dagegen Jahr für Jahr um etwa drei Prozent ab.

Haass selbst versucht mit einem anderen Therapieansatz die Verklumpungen zu stoppen. In seinem Münchner Labor wurde bereits vor einiger Zeit entdeckt, dass ein Enzym namens Gamma-Sekretase bei der Entwicklung von Alzheimer eine entscheidende Rolle spielt.

„Die Sekretasen wirken wie molekulare Scheren und schneiden Fragmente aus einem Vorläufer-Eiweiß heraus“, erklärt Haass. Die Überlegung, die sich im Tierversuch an Zebrafischen bestätigte: Wenn man aus diesem Enzym einen Baustein entfernt, werden die schädlichen Eiweiße nicht mehr ausgeschnitten.

Aber auch hier dämpft Haass den Optimismus: „Die Sekretasen haben schließlich eine wichtige biologische Funktion, zum Beispiel bei der Zellteilung.“ Wenn Sekretase-Hemmung bei Menschen zur Alzheimer-Behandlung eingesetzt werden solle, seien daher Schema und Zeitpunkt der Dosierung entscheidend.

Ein dritter Ansatz, den Forscher um Tobias Hartmann in Heidelberg verfolgen, gilt dem möglichen Zusammenhang zwischen (hohem) Cholesterinspiegel und Alzheimer.

Auf jeden Fall ist Haass dafür, das Erfolg versprechende Impfkonzept in den nächsten Jahren weiter zu verfolgen. Zuerst könnte es eines Tages für die kleine Gruppe der Menschen mit besonderem genetischem Risiko in Frage kommen, die in relativ jungen Jahren erkranken. Dafür sucht man vor allem nach weniger riskanten Impfstoffen. Denkbar ist unter anderem eine passive Immunisierung, bei der die Antikörper direkt gegeben werden. Mittel für die Forschung kommen aus einem von der EU mit zehn Millionen Euro geförderten Projekt namens Apopis, an dem auch acht deutsche Forschergruppen teilnehmen.

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