Gesundheit : Impfung schützt vor Meningitis

Krankenkassen sollen die Kosten übernehmen

Adelheid Müller-Lissner

„Es geht jetzt um Leben und Tod“, hörten die Eltern des 12-jährigen Nico im Krankenhaus. Dort war der Junge früh morgens schwer atmend und nicht ansprechbar eingeliefert worden. Noch am Abend zuvor hatte leichtes Fieber allenfalls auf einen banalen Infekt hingedeutet. Nun lautete die Diagnose: Meningokokken- Sepsis, Blutvergiftung nach Infektion mit einem gefährlichen Bakterium.

Fünf Wochen lang lag der Junge auf der Intensivstation und wurde künstlich beatmet, danach kamen sieben Monate Reha. Nico verlor ein Schuljahr, kam von der Real- auf die Hauptschule. Dass er sich in der Schule einiges nicht merken kann, führt er heute, fast drei Jahre später, immer noch auf seine schwere Krankheit zurück.

900 Menschen, meist sehr junge Kinder, aber auch Jugendliche, erkranken jedes Jahr in Deutschland nach einer Infektion mit dem bakteriellen Erreger. Schätzungsweise fünf bis 25 Prozent der Bevölkerung tragen die Bakterien im Nasen-Rachen-Raum und geben sie per Tröpfcheninfektion weiter, ohne selbst zu erkranken. Bricht die Krankheit aus, dann wird die Situation schnell bedrohlich.

Neben der Blutvergiftung durch Überschwemmung des ganzen Körpers mit dem Bakterium, die zum Versagen der Organe führen kann, droht eine Hirnhautentzündung (Meningitis). Dies hinterlässt oft bleibende neurologische Schäden. So gesehen hat Nico noch Glück gehabt.

Er litt – wie ein knappes Drittel der Erkrankten – an einer Infektion mit Meningokokken vom Typ C. „Wir schätzen, dass es jedes Jahr etwa 225 Fälle in Deutschland gibt. Jeder Zehnte stirbt daran, ein weiteres Zehntel leidet lebenslang unter den Folgen“, sagte Sieghart Dittmann, Vorsitzender der Arbeitsgemeinschaft Meningokokken, gestern auf einer Presseveranstaltung.

Zumindest diese 225 Fälle wären zu verhindern. Denn gegen den Erreger vom Typ C gibt es inzwischen einen Impfstoff. Die beim Berliner Robert-Koch-Institut angesiedelte Ständige Impfkommission (Stiko) hat ihn jetzt in ihre aktuellen Impf-Empfehlungen aufgenommen.

Alle Kinder sollen künftig nach dem Willen der Impfexperten im zweiten Lebensjahr geimpft werden. Dann genügt eine einzige Dosis des Impfstoffs, bei dem bakterienspezifische Zuckermoleküle mit Eiweißen gekoppelt sind. Es kommt dann zu einer umfassenden Reaktion des kindlichen Immunsystems.

Kinder- und Jugendärzte hatten sich schon länger für diese Impfung stark gemacht, die in Ländern wie Großbritannien, den Niederlanden und Spanien bereits seit Ende der 90er-Jahre für alle Kinder empfohlen wird. „Dort hat sich gezeigt, dass die Krankheitsfälle auch bei Ungeimpften stark zurückgingen“, erläuterte die Münchner Kinderärztin Ursel Lindlbauer-Eisenach, die selbst Stiko- Mitglied ist.

„Das Bakterium kursiert also seit Einführung der Impfung weniger.“ Bisher wurde in Deutschland eine Impfung nur für Kinder empfohlen, die wegen eines Immundefekts besonders gefährdet sind, oder auch für Jugendliche, die einen längeren Auslandsaufenthalt planen.

Mit der Stiko-Empfehlung allein wollen sich die Kinderärzte jedoch nicht zufriedengeben. „Innerhalb der nächsten zwei Wochen sollten alle Krankenkassen auch die Kosten für die Impfung übernehmen“, fordert Wolfram Hartmann, Präsident des Berufsverbandes der Kinder- und Jugendärzte.

Jedes Kind habe ein Recht darauf, vor Erkrankungen geschützt zu werden, gegen die es einen wirksamen und nebenwirkungsarmen Impfstoff gebe. Hartmann plädiert zudem dafür, den Eintritt in Gemeinschaftseinrichtungen wie Kitas oder Schulen vom Nachweis durchgeführter Impfungen abhängig zu machen.

Das würde sich auch auf die Schutzimpfung gegen die Pneumokokken beziehen. Denn auch die ist neu in die Empfehlungen der Stiko aufgenommen worden. „Hauptgrund sind auch hier die schweren Verläufe der bakteriellen Infekte, die die Luftwege betreffen“, erläuterte Lindlbauer-Eisenach. Mit dem Impfen kann hier schon ab der 9. Lebenswoche begonnen werden, parallel zu den anderen für Säuglinge empfohlenen Impfungen. „Die Kinderärzte sollten aber auch mit den Eltern älterer Kinder über die Möglichkeit der Meningokokken- und Pneumokokken-Impfung sprechen“, empfiehlt Hartmann.

Weitere Informationen: Arbeitsgemeinschaft Meningokokken (www.agmk.de), Stiko: (www.rki.de) und Impfen allgemein: (www.kinderaerzteimnetz.de).

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