Gesundheit : „In 100 Jahren könnten wir untergehen“

Der Pulitzer-Preisträger Jared Diamond analysiert in seinem neuen Buch „Kollaps“, was Kulturen in den Ruin treibt

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Herr Diamond, glauben Sie, dass eines Tages Touristen sich die Überreste des Brandenburger Tors ansehen werden, so wie wir heute die dschungelüberwucherten Ruinen der Mayastädte auf der mexikanischen Halbinsel Yucatán besuchen?

Das wäre der Alptraum, aber ja, es ist gut möglich, dass es so kommt. Vielleicht schon in 100 Jahren. Vielleicht werden dann auch Touristen die Gerippe der Wolkenkratzer in New York anstarren und sich fragen: Warum haben die bloß ihre Tempel in einer solchen Wüste abgestellt?

In 100 Jahren?

Vielleicht auch in 50.

Sie übertreiben.

Nein, ich glaube, innerhalb von 100 Jahren wird die Lage geklärt sein. Entweder wir lösen in dieser Zeit die Probleme oder nicht – und gehen unter. Das kann ganz schnell passieren, auch in Europa, etwa durch eine plötzliche Einwanderungswelle. Stellen wir uns vor, in Indien ereignet sich eine Katastrophe. Was wird geschehen, wenn sich eine Milliarde Menschen auf den Weg nach Europa macht? Dann könnten hier ganz schnell die Ressourcen ausgehen, wie einst den Stämmen auf der Osterinsel oder den Wikingern auf Grönland.

Sind wir Menschen zu dumm, um zu überleben?

Es geht nicht um Dummheit. Die Probleme sind ja nicht einfach. Ganz ähnliche Schwierigkeiten, mit denen wir heute zu kämpfen haben, haben schon zuvor in der Geschichte führende Gesellschaften zerstört. Die Maya hatten die fortgeschrittenste Kultur der Neuen Welt, sie besaßen Astronomie, die Schrift und wunderbare Tempel – und doch ist es ihnen nicht gelungen, ihre Probleme zu lösen. Mit dem Resultat, dass 90 Prozent der Bevölkerung starben und die Kultur der Maya zusammenbrach.

Welche Probleme sind das, die gelöst werden müssen?

In erster Linie steht da die Vernichtung von Wald und Boden und die Überfischung. Zweitens führt uns die Produktion giftiger Stoffe und von Treibhausgasen in den Kollaps. Ein dritter Faktor ist die Knappheit von Energie und Wasser. Insgesamt zwölf Faktoren habe ich in meinem Buch aufgelistet, die uns in den Abgrund führen könnten.

Aber wir sind ja heute auf einem ganz anderen technischen Stand als die Maya oder die Wikinger, die keine Industrie und kein Internet hatten.

Deshalb bin ich auch vorsichtig optimistisch. Wir können aus den Fehlern der Vergangenheit lernen. Wir haben Radio, Fernsehen, Zeitung. Wir wissen, was in anderen Gesellschaften vor sich geht. Die Wikinger hatten keine Wahl. Wir haben sie schon.

Sie beschreiben in Ihrem Buch, wie die Menschen auf der Osterinsel zu Grunde gingen: Sie haben schlicht alle Bäume auf der Insel gefällt – unter anderem, um damit ihre berühmten Steinstatuen zu errichten. Was mag sich der Häuptling gedacht haben, als er den letzten Baum kappen ließ?

Ja, warum macht man etwas so Dummes, wie den letzten Baum abzuhacken? Für mich ist das eine ähnliche Frage wie die, warum die USA eine so verrückte Energiepolitik betreiben. Um nur ein Beispiel zu nennen: In den USA gibt es nicht etwa eine Extra-Steuer auf benzinfressende Offroad-Autos. Sie zahlen dort für einen solchen Wagen weniger Steuern als für den Volvo, den ich fahre.

Stichwort Indien, China – was, wenn man dort jetzt auch solche Autos will? Ist es der ganzen Welt möglich, auf unserem Niveau zu leben?

Vollkommen ausgeschlossen, sogar wir können nicht auf diesem Niveau weiterleben. Würden alle so leben, der Energieverbrauch würde um das Zwölffache steigen. Wenn allein China unseren Lebensstandard annehmen würde, verdoppelte sich der weltweite Ölverbrauch.

Wie lässt sich das Energie-Problem überhaupt lösen?

Da gibt es verschiedene praktische Vorschläge. In den USA etwa hat ein Ausschuss namens National Energy Policy erarbeitet, wie eine realistische Energiepolitik aussehen könnte. Es geht dabei um den Ausbau von Wind- und Solarenergie, aber auch von Wasserenergie im Meer oder wie man auf saubere Weise aus Kohle Energie gewinnen kann. Und dieser Ausschuss besteht nicht etwa aus einer Gruppe von Grünen, sondern aus Republikanern und Demokraten. In Dänemark kommt schon heute ein Sechstel des Gesamtenergieverbrauchs aus der Windenergie. Aber da kennen Sie sich ja auch in Deutschland mit aus...

...hier gibt es auch Kritiker, die sagen: Noch rentiert sich die Windenergie nicht. Außerdem klagt so mancher schon über eine Verspargelung der Landschaft.

Aber die Preise werden besser und könnten schon bald dem Öl Konkurrenz machen. Es stimmt natürlich: So ein Turm ist nicht besonders schön. Aber Sie dürfen wählen: Wollen Sie lieber die Erdaufheizung? In den USA gibt es das Problem der Verspargelung übrigens nicht, weil es dort große Regionen gibt, die kaum besiedelt sind.

Sie betrachten sich ja als Grüner – dennoch sind Sie der Kernenergie nicht ganz abgeneigt.

Das ist ein großes Thema. Einerseits ist da die Gefahr, Tschernobyl. Andererseits gibt es zum Beispiel die Franzosen, die bereits 80 Prozent ihrer Energie aus der Kernenergie gewinnen und dabei äußerst vorsichtig vorgegangen sind. In den USA ist man wegen des Unfalls bei Three Mile Island 1979 dagegen. Großbritannien ist gerade mitten in einer Debatte. Noch ist nicht klar, ob man dort dafür oder dagegen sein wird.

Und Sie?

Ich bin bereit, mir das Pro und Contra anzuhören. Kann sein, dass am Ende die Alternative schlimmer ist.

Das Gespräch führten Bas Kast und Hartmut Wewetzer.

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