Gesundheit : In der Ferne so nah

Frühgeborene müssen oft monatelang intensiv in der Klinik betreut werden. Der Kontakt zu den Eltern ist dabei nur unregelmäßig Das Forschungsprojekt „Mybabywatch“ an der Charité untersucht, ob Internet und Webcam die Bindung stärken können.

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Die ersten kleinen Berliner des Jahrgangs 2012 haben das Licht der Welt erblickt. Und schon bald werden sie ihre Kinderzimmer beziehen. Für junge Eltern ein aufregender und erhebender Moment: Ein neuer Mitbewohner zieht ein, auf den man sich gefreut hat, an den man sich aber auch erst in Ruhe gewöhnen muss. Einige Familien müssen länger auf diese Zusammenführung warten: Wenn nämlich das Kind so früh geboren wurde, dass es besonderer medizinischer Behandlung bedarf und für Wochen oder sogar Monate auf der Intensivstation bleiben muss. Eines von hundert Kindern kommt mehr als acht Wochen zu früh auf die Welt und bringt zu Beginn seines Lebens weniger als 1500 Gramm auf die Waage. In Deutschland sind das jedes Jahr über 8000 Geburten. An der Berliner Charité waren es im letzten Jahr 181.

Aber selbst Winzlinge, die nur 500 Gramm wiegen und denen 14 bis 16 Wochen Geborgenheit im Bauch der Mutter fehlen, können heute überleben – allerdings nur dank aufwendiger intensivmedizinischer Betreuung, die sich wochen- oder monatelang hinzieht. An der Charité hat 2010 die Hälfte der ganz kleinen Frühgeborenen mit weniger als 500 Gramm Geburtsgewicht überlebt.

Es ist eine merkwürdige Situation: Das Baby gehört zu seinen Eltern, sie sind die eigentlich Zuständigen – aber sie können diese teilweise lebensgefährliche Situation nicht alleine bewältigen. Im Gegenteil, sie machen sich sehr große Sorgen. „Die Eltern sind in der Klinik angesichts der Intensität der technischen Überwachung oft eingeschüchtert, sie müssen auf uns Profis vertrauen und fühlen sich ein wenig außen vor“, sagt Hans Proquitté, Oberarzt an der Klinik für Neonatologie der Charité. Meist fühlten sich die Mütter zudem schuldig, weil sie es nicht „geschafft“ haben, dem Kind lang genug eine Heimstatt in ihrem Bauch zu geben.

Auf modernen Neugeborenen-Stationen werden Mütter und Väter unmittelbar nach der Geburt ermuntert, möglichst viel Zeit mit ihrem Kind zu verbringen. Die Eltern sind rund um die Uhr willkommen und haben auch die Möglichkeit, auf der Station oder in deren Nähe zu übernachten. Auf der neonatologischen Station im Bettenhaus der Charité stehen dafür insgesamt sechs Schlafplätze zur Verfügung. Doch für die Mütter ist es nicht leicht, sich vom Leben „draußen“ ganz auszuklinken. Aus familiären, aber auch aus psychologischen Gründen möchten sie nach Hause, auch wenn sie ihr Kind noch nicht mitnehmen können. Sie sind hin- und hergerissen.

Moderne Webcams und das Internet machen es möglich, dass die Familie ihr neues Mitglied, wenn schon nicht spüren, so zumindest anschauen kann – um sich zu vergewissern, dass es ihm gut geht. Die Kameras sind über dem Bettchen des Neugeborenen aufgehängt und filmen das Gesichtchen. Via Internet können Eltern, Geschwister und Großeltern das Kleine zu Hause auf dem Bildschirm betrachten. Die Charité bietet das schon seit einiger Zeit an – als zusätzliche Möglichkeit, sich auf das neue Familienmitglied vorzubereiten. 2006 haben Mitarbeiter der Klinik für Neonatologie um Hans Proquitté dafür das Projekt mit dem schönen Namen „Sternchenstunde“ gegründet.

Jetzt wird es unter dem Titel „Mybabywatch“ weiterentwickelt. Während sich „Sternchenstunde“ vor allem an Familien richtet, deren Babys kurz vor der Entlassung stehen, können in dem neuen Projekt auch Eltern von sehr kleinen Frühchen, die möglicherweise noch Monate auf der Station liegen müssen, ihre Kinder online über verschlüsselte Zugangsdaten betrachten. Bei „Mybabywatch“ kooperieren die gleichnamige Herstellerfirma und die Barmer GEK mit einer Gruppe von neonatologischen Forschern der Charité.

Denn das neue Projekt wird auch wissenschaftlich begleitet. Die Mediziner wollen herausfinden, wie sich die Möglichkeit, täglich mehrmals auch von Zu- hause aus nach dem Baby zu schauen, auf die jungen Eltern auswirkt. Dafür sollen sie an unterschiedlichen Zeitpunkten zu verschiedenen Themen befragt werden: Wie nehmen sie das neue Angebot an? Hat es Einfluss auf ihre Empfindungen gegenüber dem Kind, aber auch auf ihre Ängste hinsichtlich seiner Gesundheit? Gleichzeitig soll aber auch beobachtet werden, ob die jungen Eltern häufiger oder seltener auf die Station kommen, wenn sie das Kind auch auf dem Monitor sehen können. Und welche Unterschiede sich dabei zwischen Müttern und Vätern auftun. Aber auch, ganz konkret, ob die Mutter mehr Milch abpumpen kann, wenn sie bei diesem Vorgang ihr Baby auf dem Bildschirm vor sich sieht. Hans Proquitté verspricht sich als wesentlichen Gewinn, dass es gelingt, ein Kind schon sehr früh in die bestehende Familie zu integrieren.

Wie viele technische Neuerungen der modernen Medizin kommt auch das „Babyfernsehen“ via Internet aus den USA, wo Frühgeborene häufig in Kliniken behandelt werden, zu denen die Eltern Hunderte von Kilometern anreisen müssen. Eine Patentlösung ist es ganz sicher nicht. Die Bilder können körperliche Wärme und Nähe nicht ersetzen. „Aber Gesicht und Bewegungsmuster des Kindes können den Eltern vertrauter werden“, sagt Hans Proquitté. Damit der Einblick in die Intensivstation bei den Eltern wirklich Bindungen und nicht etwa Ängste verstärkt, ist allerdings vorherige Aufklärung wichtig. Sonst könnten sie sich, weit weg vom Kind, besonders machtlos fühlen. So müssen sie etwa darauf hingewiesen werden, dass die Übertragung auch mal unterbrochen sein kann. Das gute alte Telefon für den schnellen Kontakt wird auf jeden Fall immer noch gebraucht.

„Mybabywatch“ soll so weiter entwickelt werden, dass auch die Frühchen etwas davon haben. Die Eltern könnten ihren Kindern, die sie gerade auf dem Bildschirm sehen, etwa ein Wiegenlied vorsingen. Wenn alles gut geht, ist das der Beginn eines abendlichen Familienrituals. Später, zu Hause, wird es fortgesetzt.

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