Gesundheit : „In der Sippe lebten die Frauen freier“

Die Ehe – nur ein Seitensprung der Geschichte? Ein Gespräch mit Marie-Luise Schwarz-Schilling

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Die Ehe, so schreiben Sie in Ihrem Buch, sei nur ein „Seitensprung der Geschichte“, eine kurze Episode in der Menschheitsentwicklung. Warum?

Die Ehe entstand vor rund fünftausend Jahren – die Menschheitsgeschichte aber umfasst schätzungsweise 100000 Jahre. Die längste Zeit hindurch lebten die Menschen in Sippen, in Gruppen von Blutsverwandten: die Ahnin mit ihren Geschwistern und Kindern. Sex hatten die Frauen mit Männern aus anderen Sippen, die zu Besuch kamen. Die Kinder wurden in die Sippe hineingeboren, ihre leiblichen Väter gingen wieder in ihre Ausgangssippe zurück – oder zeitweise in die rein männliche Jagdbande. Die soziale Beziehung, die die Sippe zusammenhielt, war die zwischen Mutter und Kind – nicht die zwischen Mann und Frau.

Dieses Leben war für die Frauen freier?

Ja. Mütter herrschten über Töchter und Söhne, die Brüder waren nicht die Chefs der Sippe. Das gilt insbesondere für die Jungsteinzeit, die Zeit zwischen 8000 und 3000 vor Christus, in der der Ackerbau begann. Damals gewannen die Frauen ein Übergewicht, da sie es waren, die den Ackerbau zunächst betrieben, während die Männer auf die Jagd gingen.

Woher wollen wir wissen, wie die Sippen lebten?

Einiges kann man aus Sagen herauskristallisieren, anderes aus Funden von Knochen oder Kultstätten. Ich habe selbst keine Grundlagenforschung betrieben, sondern berufe mich auf die Arbeiten von Anthropologen wie Gerda Lerner, Heide Göttner-Abendroth, Marja Gimbutas, James Mellaart, Robert Briffaut, Robert von Ranke-Graves. Letztlich können wir nicht sicher wissen, wie es vor 10000 Jahren war. Wir finden aber Anhaltspunkte bei Völkern, die heute noch in einer Sippenstruktur leben, wie etwa die Irokesen oder die Mosuo in Südchina.

Häufig gibt es ja die Vorstellung, die Frauen in der Steinzeit wären den Männern schutzlos ausgeliefert gewesen – oder hätten allesamt dem Alpha-Mann zur Verfügung gestanden. Die Ehe wäre demnach ein Schutz für die einzelne Frau gewesen.

Das ist unwahrscheinlich. Die Frauensippe wurde von den Brüdern beschützt. Wenn die auf der Jagd waren, mussten sich die Frauen selbst verteidigen. Ehemänner wären auch kein besserer Schutz gewesen – Männer waren ja oft weg.

Wann finden wir die ersten juristischen Zeugnisse der Ehe – und wie sehen sie aus?

Ein markantes Zeugnis ist der Kodex Hammurabi aus Babylonien aus der Zeit um 1750 vor Christus. Darin sind bereits die Grundzüge der patriarchalen Ehe erkennbar: Der Mann wählt die Frau; will er sich scheiden lassen, reicht ein Scheidebrief. Sie dagegen kann sich nicht scheiden lassen, sondern riskiert bei einem Ehebruch sogar ihr Leben. Da die Kinder nun als Eigentum des Vaters galten, wurde es wichtig, die Sexualität der Frau zu überwachen – was in der Sippe gar keine Rolle gespielt hatte. Durch die Ehe wurden die Frauen Eigentum der Männer, sexuelles Eigentum. Die Frau wurde entwertet, weil, das ist das Neue an der Ehe, jetzt plötzlich der Sex zur Grundlage der kleinsten Einheit der Gesellschaft wurde, nicht mehr die Verbindung zwischen Mutter und Kind. Diese Grundstruktur der patriarchalen Ehe hat sich in Deutschland bis 1950 gehalten.

Wie kam es zur Machtverschiebung zwischen Männern und Frauen?

Sie vollzog sich nicht überall nach dem gleichen Muster. Im Alten Ägypten etwa gab es keine Gesetze zur Ehe, nur Verträge zwischen Männern und Frauen; Frauen behielten ihr Eigentum. In Griechenland musste die Obrigkeit Männer um 600 vor Christus sogar zur Ehe ermahnen – von sich aus wollten sie gar nicht.Der Hauptgrund, warum sich die patriarchale Ehe durchsetzte, war, wie ich vermute, der Krieg. In dem Moment, als Kriege mit der dazugehörigen Freund-Feind-Ideologie aufkamen, gewannen die Männer an Ansehen und konnten sich von der Bevormundung durch die Sippenältesten emanzipieren. Hinzu kam: Für die feudalen Herrscher erleichterte es die Kontrolle, wenn die Männer über die Frauen bestimmten. Die Frauen wurden dann im Laufe der Jahrhunderte zunehmend als „von Natur aus“ untergeordnet und schwächer definiert.

Männer und Frauen, so hört man oft, seien wesensmäßig verschieden: Die einen können nicht zuhören, die anderen nicht einparken. Also könnten sie sich auch prinzipiell nicht verstehen.

Viele Unterschiede sind kulturell bedingt, etwa die Vorliebe vieler Frauen für mächtige Männer: Schließlich hing vom Ansehen der Ehemänner über Jahrhunderte auch ihr Ansehen ab. Sicher gibt es biologische Unterschiede; aber sie brauchen das Verstehen nicht zu lähmen. Die Gemeinsamkeiten sind größer. Warum wieder so viel von biologischen Unterschieden geredet wird? Wir erleben auch auf anderen Feldern, dass immer mehr mit Biologie und Neurobiologie argumentiert wird, statt mit Politik. Hinzu kommt, dass nach Trost gesucht wird, warum Ehen zerbrechen. Da ist es ein fabelhaftes Argument: Männer und Frauen sind zu unterschiedlich, sie können sich nicht verstehen.

Hat die Ehe Zukunft?

Wenn sie eine ebenbürtige Partnerschaft zulässt, ja. Ich habe begonnen, für dieses Buch zu recherchieren, als ich sah, wie in meinem Umfeld viele Ehen scheiterten. Meiner Ansicht nach hat dieses Scheitern viel mit der Geschichte der Ehe und den daraus folgenden Prägungen zu tun. Aber die Ehe steht heute in Konkurrenz mit anderen Lebensformen, und das ist gut so. Für manche Frauen, die Kinder haben möchten und keinen Mann dafür finden, wäre es vielleicht ratsam, sich mit anderen Frauen zusammenzutun …

Eine Rückkehr zur Sippe?

Ja – warum nicht? Das ist doch besser als allein zu erziehen.

Das Gespräch führte Elisabeth Mortier.

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