Gesundheit : In der Vorführstunde zeige der Referendar Humor

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Von Anja Kühne

Lehrjahre sind keine Herrenjahre. Niemand weiß das besser als Michael, der Lehrer werden will. Nach seinem Staatsexamen in der Uni absolviert der Referendar ein vollgepacktes Stressprogramm in der Schule. Immer wieder kommen erfahrene Lehrer in Michaels Unterricht, um seine Leistung zu überprüfen. Tagelang, manchmal sogar mehrere Wochen, muss sich ein Referendar auf solche „Vorführstunden" vorbereiten. Denn die Zensurengebung ist streng. Nebenbei belegt Michael anspruchsvolle Kurse in Fachdidaktik. Zusätzlich pendelt er von seiner Schule in Berlin-Hohenschönhausen nach Zehlendorf, um in Pädagogik-Seminaren etwas über „Leistungsmotivation" oder „Projektunterricht" zu erfahren. An manchen Sonnabenden belegt Michael außerdem noch Wahlkurse in Stimmbildung, Medienpädagogik und Mediation. Im Sommer steht ein siebenwöchiger Crashkurs in Schulrecht an. „Man hat nicht mal genug Zeit, in Ruhe ein Buch zu lesen", sagt Michael. Seinen Kollegen im Referendariat geht es nicht anders. Lehrer wird niemand ohne großen Aufwand.

Trotzdem stimmt manches mit der Ausbildung nicht, wie schon lange kritisiert wird. In den Untersuchungen Timms und Pisa traf die Kritik auch die didaktischen Fähigkeiten der Pädagogen. Die deutschen Lehrer bevorzugten vor allem den „fragend entwickelnden Unterricht" . Dabei befindet sich der Lehrer zwar in einem Dialog mit den Schülern. Doch führt er sie mit seinen Fragen so auf das von ihm vorgesehene Unterrichtsziel hin, dass das Gespräch nicht „echt" ist. Die Fragen sind meistens suggestiv - schließlich will der Lehrer, dass die Schüler auf die vermeintlich „richtigen" Antworten kommen. Schüler, die schneller oder um die Ecke denken, stören hier nur. Die übrigen können das Denken ihren Mitschülern überlassen. Nicht jeder kann schließlich ständig rankommen.

Doch eben dieser vermeintlich typisch deutsche Unterricht ist bei Michaels Ausbildern verpönt. Sie wünschen sich einen „schülerorientierten Unterricht, zum Beispiel so: Der Lehrer gibt am Anfang - „informierender Unterrichtseinstieg“ nennen die Didaktiker das - das Ziel vor: „Wir wollen herausfinden, in welchem Verhältnis die Karthager und die Römer zueinander standen", sagt etwa Michael zu den Grundschülern. „Ich erzähle euch jetzt gleich eine kurze Geschichte." Er schreibt dazu einige Fragen an die Tafel, auf die die Schüler beim Zuhören Antworten finden sollen. Etwa: Aus welchen Gründen ist Hannibal so gefährlich? Oder: Welche Waffen wurden verwendet? Der „Lehrervortrag" darf nicht länger als fünf Minuten dauern.

In der „Erarbeitungsphase" lesen die Schüler dann einen Text zum gleichen Thema. Wiederum gibt es dazu vorher Fragen oder den Auftrag, eine Zusammenfassung aufzuschreiben. Den Text über die Karthager und die Römer hat Michael selbst geschrieben, in zwei Fassungen: Für diejenigen seiner Schüler, die bestimmte Fremdwörter noch nicht kennen, werden sie erklärt. Die Didaktiker schätzen diese Reaktion auf eine heterogene Schülerschaft als „Differenzierung". In der „Präsentationsphase" schließlich schreibt eine Gruppe von drei bis vier Schülern ihre gemeinsamen Ergebnisse auf eine Folie, die mit dem Overheadprojektor gezeigt wird, und stellt sich den Fragen der Klasse. Der Lehrer bleibt so weit es geht im Hintergrund.

Die Klagen der Referendare

Der deutsche Lehrernachwuchs lernt moderne Unterrichtsmethoden, so viel ist gewiss. Die Fachseminarleiter, die die Referendare in der Schule in Fachdidaktik unterrichten, treffen sich zwei bis drei Mal im Jahr, um sich über neue Unterrichtsansätze auszutauschen und auch, um manches im Simulationsspiel auszuprobieren. Zwei Mal im Jahr werden die meisten Fachseminarleiter in Berlin von ihren Referendaren evaluiert.

Trotzdem klagen viele Referendare über ihre Ausbildung. Das Programm sei zu voll gestopft und daher oberflächlich. Die Fachseminarleiter setzten die jungen Lehrer unter Druck, den eigenen Unterrichtsstil zu kopieren, wie die Referendarin Ute sagt: „Kritik an der Ausbildung ist unerwünscht." Insofern lehrten die Fachseminarleiter zwar den schülerorientierten Unterricht, wie die Pisa-Studie ihn fordert. Doch verhielten sie sich ihren eigenen Schülern gegenüber, den Referendaren, nicht immer vorbildlich.

Die Kritik unzufriedener Referendare zielt seit langem besonders auf die vier bis sechs „Vorführstunden" pro Schulhalbjahr, in denen sich die Fachseminarleiter und die für Pädagogik zuständigen Hauptseminarleiter einen Eindruck von der Unterrichtsleistung des Nachwuchses verschaffen. Die Zensuren, die dabei vergeben werden, fließen in die Endnote für das zweite Staatsexamen ein. Auch zur Abschlussprüfung müssen die Referendare nochmals „vorturnen". „Hinterher werden dann einzelne Formulierungen kritisiert, die für die Schulstunde selbst überhaupt keine Rolle spielen", findet Ute.

Dieter Hentschel, der früher selbst jahrelang Fachseminarleiter war und als Dozent für Grundschulpädagogik an der Freien Universität unterrichtet, hält die Fachseminarleiter für methodisch gut und vielfältig beschlagen. Doch die Konzentration auf einige wenige Unterrichtsversuche, die die Prüfung zum zweiten Staatsexamen vorschreibt, hält auch er für fragwürdig. Wer findet im wirklichen Lehrerleben schon Zeit, sich wochenlang auf eine einzige Unterrichtsstunde vorzubereiten?

Wie ist seine Mimik, seine Gestik?

Außerdem verursacht die Fokussierung auf die „Showstunden", dass die Referendare doch wieder zum Mittelpunkt des Unterrichts werden, wo doch die Schüler stehen sollen. Die Prüfer wollen schließlich herausfinden, wie der Referendar redet, wie er Gestik und Mimik einsetzt und ob er Humor hat. Bemüht sich der Prüfling, selbst kaum in Erscheinung zu treten, um den Schülern das Feld zu überlassen, könnten die Prüfer also etwas vermissen. „Die Ausbilder müssen lernen, mit einem anderen Blick auf den Unterricht der Referendare zu gucken", sagt Hentschel. Sonst kommt es doch wieder zu den „herkömmlichen Unterrichtsverfahren", wie auch der Mathematik-Fachdidaktiker Bernd Wurl von der Freien Universität meint. Der Professor empfiehlt stattdessen, nicht einzelne Stunden abzuprüfen, sondern die Referendare länger zu begleiten, um ihre Entwicklung verfolgen zu können.

Wurl kritisiert aber auch die Fachdidaktik an den Universitäten, in der manche Professoren „Vorstellungen verbreiten, die im Elfenbeinturm der Wissenschaft entstanden sind". Trotzdem habe Pisa die Uni-Dozenten nicht aufgeschreckt: „Weg vom Frontalunterricht, Förderung von Kreativität - das lehren wir unsere Studenten seit zehn Jahren." Wenn es nach Pisa den Anschein hat, dass die moderne Methodik zu selten in deutschen Klassenzimmern ankommt, liegt das nach Wurl vor allem an der Überalterung der Kollegien: „Die Studenten, die ich in diesem Sinne ausgebildet habe, fahren jetzt Taxi." Bei älteren Lehrern sei aber oft eine „Abwehrhaltung" gegenüber Weiterbildung festzustellen. Die wenigen jungen Lehrer, die mit der neuen Methodik im Gepäck in die Lehrerzimmer kommen, würden oft sogar unter Anpassungsdruck gesetzt: „Ein einziger Neuer bewegt nichts, etwa, dass andere Materialien und Bücher angeschafft werden", sagt Wurl.

Um beide Ausbildungsphasen enger zu verzahnen und um die Schultheoretiker mit den Schulpraktikern zusammenzubringen, schlägt er „Uni-Schulen" nach dem Vorbild der Uni-Klinika vor. Der Lehrernachwuchs würde dort in einer echten Schulsituation ausgebildet, die Schulen hätten Beobachtungsräume mit installierten Videokameras und Platz für Diskussionsrunden. Am Institut für Lehr- und Lernforschung der FU wird über solche Versuchsschulen nachgedacht. Modelle gibt es etwa in Finnland, das im Pisa-Test am besten abschnitt.

Aber noch die beste Lehrerausbildung wird nicht alle Probleme des deutschen Schulwesens lösen. „Wenn die privaten Schwierigkeiten der Schüler so groß sind, merken sie den Unterschied gar nicht", sagt der Referendar Michael. „Da darf man die Fachdidaktik nicht überschätzen."

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