Gesundheit : In der Wut scheint die Zukunft gut Ärger macht optimistisch – manchmal auch zu sehr

Rolf Degen

Aus rein psychohygienischen Gründen wäre es vermutlich besser, wenn die Menschen auf die kollektiven Bedrohungen dieser Tage mit Ärger und Wut reagieren würden, anstatt sich zu ängstigen. Nach neuen psychologischen Untersuchungen begünstigen zornige Empfindungen nämlich eine selbstsichere und optimistische Perspektive, während Furcht hilflos und pessimistisch stimmt.

In der psychologischen Forschung ist schon seit längerer Zeit bekannt, dass Gefühlszustände auch auf die Einschätzung der zukünftigen Entwicklung abfärben. Durch eine experimentelle Manipulation freudig gestimmte Versuchspersonen sahen zum Beispiel das Beste für ihr weiteres Leben vorher, während das Erzeugen einer miesen Stimmung vorübergehend eine schwarzseherische Haltung nach sich zog.

Es wäre allerdings ein Fehler zu glauben, dass jeder unangenehme Gefühlszustand automatisch eine unangenehme und pessimistische Erwartungshaltung auslöst, geben die beiden Psychologen Jennifer S. Lerner und Dacher Keltner von der Universität von Kalifornien in Berkeley zu bedenken. Die verschiedenen Emotionen heben sich nämlich nicht nur durch ihre positive oder negative Tönung voneinander ab. Manche Gefühle vermitteln dem Menschen auch ein Gefühl der Kontrolle über sein Schicksal, während andere von einer Wahrnehmung der Machtlosigkeit begleitet sind.

Sogar die ausgesprochen negative Empfindung Ärger kann das Gefühl der Kontrolle über das eigene Leben erhöhen. Gefühle sind im Prinzip energiegeladene Zustände, die den Menschen drängen, auf den Auslöser dieses Zustandes zu reagieren. Ärger entsteht, wenn man andere für etwas Unangenehmes verantwortlich macht, und er vermittelt die Gewissheit, dass man es den anderen heimzahlen kann. Furcht ist dagegen eine rein passive Gemütslage, die aus der Wahrnehmung der Verletzbarkeit und Einflusslosigkeit resultiert.

Ärger kann also durchaus mit Optimismus gekoppelt sein, während Furcht die Situation eher ausweglos erscheinen lässt. Um diese Grundannahme zu überprüfen, haben die beiden Forscher eine Serie von Experimenten angestellt.

Zunächst sonderten sie mit Hilfe von Fragebögen Versuchspersonen aus, deren Temperament durch eine ärgerliche oder aber ängstliche Grundhaltung zum Leben gezeichnet war. In einem anderen Teil des Versuches wurden durchschnittliche Zeitgenossen methodisch in einen ärgerlichen oder ängstlichen Gemütszustand versetzt. Die Betroffenen mussten zum Beispiel so plastisch wie möglich die Situationen beschreiben, die sie zur Weißglut brachten oder die ihnen Furcht einjagten. Die Erfahrung zeigt, dass diese Vorstellung den betreffenden Gefühlszustand aktiviert.

Den ärgerlich oder furchtsam gestimmten Probanden wurden dann bestimmte Fragebögen und Szenarien vorgelegt. So wurde ihnen eine Liste mit 13 angenehmen und 13 unangenehmen Lebensereignissen präsentiert. Sie sollten angeben, mit welcher Wahrscheinlichkeit ihnen und einer Durchschnittsperson diese Dinge in der Zukunft zustoßen würden. In einer Simulation mussten sie eines von mehreren medizinischen Notfallprogrammen auswählen. Eines hatte zwar eine hohe Erfolgswahrscheinlichkeit, brachte aber nur einen mäßigen Nutzeffekt. Das andere war mit einem erheblichen Risiko verbunden, verhieß aber beim Gelingen auch einen grandiosen Erfolg.

Bemerkenswerterweise wählten die ärgerlich gestimmten Teilnehmer unter allen Bedingungen die optimistische Option. Sie votierten für die riskantere Behandlung und sagten für sich selbst eine überdurchschnittlich rosige Zukunft vorher. Umso größer der Ärger, umso höhere Risiken gingen sie ein. „Die Zukunftserwartungen der ärgerlichen Versuchspersonen stimmten in hohem Maße mit jenen der freudigen Probanden aus früheren Versuchen überein“, berichten die Forscher. Dabei machte es keinen Unterschied, ob der Ärger ein fester Teil ihrer Persönlichkeit oder eine vorübergehende Laune war.

Ganz anders die Antworten der „Angsthasen“. Die furchtsam gestimmten Teilnehmer scheuten bei der Simulation jedes medizinische Risiko und rechneten sich selbst eine überdurchschnittlich düstere Zukunft aus.

Diese Ergebnisse könnten eine völlig neue Erklärung dafür liefern, warum chronisch ärgerliche Menschen nach den Befunden mancher Studien mehr gesundheitliche und existenzielle Probleme haben, meinen die Autoren. Es liegt vielleicht gar nicht daran, dass sie innerlich „Dampf aufbauen“, der an ihrer Gesundheit nagt. Möglicherweise liegt es an ihrem haltlosen Optimismus, der sie riskante und gesundheitsschädliche Dinge tun lässt.

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