Gesundheit : In Russland grassiert die Sehnsucht nach der Zarenzeit

Gerwin Klinger

Große gesellschaftliche Brüche erfassen oft ganze Staaten. Die Erschütterungen hinterlassen Risse in den Institutionen, setzen sich in Karrierebrüche und zerstörte Biografien um. Und nicht selten stürzen auch die historisch fundierten nationalen Leitbilder ein. Diesen Kreislauf bestätigte der Vortrag über Vergangenheitssuche im postsowjetischen Russland, zu dem das Einstein-Forum die Pariser Historikerin Jutta Scherrer geladen hatte.

Scherrer entwickelte ein detailreiches Panorama der mentalen und emotionalen Reaktionen der russischen Gesellschaft auf den Untergang des sowjetischen Imperiums. Bezeichnend für die postsowjetische Situation ist die Aufwertung der Zaren-Familie. So wurden die mit einer DNA-Analyse verifizierten Überreste der letzten Romanows 1988 auf den Tag genau 80 Jahre nach dem Massaker an Nikolaj II in die St.-Peter-und-Pauls-Feste überführt. Inszeniert wurde die Beisetzung als hoher Staatsakt, der die geschichtliche und staatliche Kontinuität demonstrieren sollte. Präsident Boris Jelzin erklärte sie zum "Symbol für die Einheit unseres Volkes".

Diese Symbolpolitik wird auch von den Kommunisten mitgetragen, greift sie doch die Stimmungslage im Volk auf. Der populäre Kult um die Zaren und Fürsten hat Konjunktur mit Bildbänden, Postkarten, Adelsbiografien, Ahnenforschung und Historien-Spektakeln. Strassen, Plätze und Städte wie St. Petersburg - vormals Leningrad - erhalten ihre Namen aus der Zarenzeit zurück. Auf Denkmalssockeln, die einst einen Lenin, Kalinin oder Dzerzinskij trugen, wird jetzt ein Mitglied der Romanows gesetzt. In der Region um Don und Wolga lebt gar ein neuer Kosakenkult auf, bieten spezielle Kosaken-Schulen militärische Ausbildung an.

Jutta Scherrer erklärt den nostalgischen Zaren-Boom mit einer "Sehnsucht nach Geschichte", die eine Flucht aus den existenziellen Alltagsnöten ist. Nach dem Ende der Sowjetunion gab es keinen zentralen Mythos mehr, an dem sich die Identitätssuche festmachen konnte. An die Stelle der Oktober-Revolution, die das sowjetische Russland begründete, trat das wieder entdeckte zaristische Imperium. Die Anfänge reichen freilich bis in die Perestroika zurück, als das Wort von der "Stunde Null unserer Geschichte" die Runde machte. Im Zeichen von Glasnost wurde der von Stalin 1934 ausgerufene "Sowjetpatriotismus" radikal aufgebrochen. Der Kollaps dieses pathetischen Geschichtsbildes, das den großrussischen Mythos mit Helden wie Alexander Nevskij, Ivan dem Schrecklichen oder Peter dem Großen fortführte, war Befreiung und Schock zugleich. Was vorher Tabu war, wurde jetzt zum Alltagsgespräch: der Hitler-Stalin-Pakt oder die Ermordung polnischer Offiziere bei Katyn. Eine Lawine von Enthüllungen begrub das amtliche sowjetische Geschichtsbild unter sich. Im Juni 1988 mussten landesweit an den Schulen die Geschichtsprüfungen abgesagt werden: Es gab keine gültigen Geschichtsbücher und kein verbindliches Curriculum mehr.

Parallel dazu stieg die orthodoxe Kirche zum Symbol einer positiven russischen Vergangenheit auf. Ihr Mitwirken in Stalins System bleibt ausgeblendet und ihr Weg nach 1917 wird durchweg als Leidensgeschichte erinnert. Die politischen Eliten setzen auf die neue Identität von "russisch orthodox". Die Wiedererweckung der "Symphonie von imperial-autokratischer und orthodox-staatskirchlicher Tradition", von Zarentum und Kirche, dominiert über alle Parteien hinweg. Der öffentliche Diskurs bedient die melancholisch-nostalgische Sehnsucht und den restaurativen Traum, Russland möge als Großmacht auferstehen.

Die zentrale Frage der Diskussion im Einstein-Forum war: Was bedeutet das für die europäische Integration Russlands? Jutta Scherrer machte Tendenzen deutlich: Russland suche immer noch nach einer verbindlichen Staatsidee. Aus dem fehlenden politischen Konsens speise sich der "patriotische Konsens", der auf die ungebrochene Kontinuität des geopolitisch begriffenen Imperiums poche. Dieser Patriotismus begünstige zudem die Dominanz des Russischen im multinationalen Staatsgebilde und die Rufe nach einem neuen "starken Mann". Die Demütigungen Russlands im Kosovo-Krieg verstärkten überdies die antiwestliche Ausrichtung der neuen Identität. Hoffnung hingegen mache eine junge Generation von Historikern oder die von Sacharow mitgegründete Gruppe Memorial, die sich um die durchgängige Aufarbeitung des Stalinismus bemühen.

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