Gesundheit : In Russland lesen

Deutsches Historisches Institut Moskau eröffnet

Amory Burchard

„Nach Moskau!“ drängten deutsche Russlandforscher seit dem Zusammenbruch der Sowjetunion. Ein Deutsches Historisches Institut in der russischen Hauptstadt forderten sie. Ein Basislager, aus dem sie in die sich öffnenden Archive der Partei, des Militärs oder des Geheimdienstes aufbrechen könnten. Jetzt haben sie es: Nach fast 15 Jahren Hoffen und Bangen eröffneten Bundesforschungsministerin Edelgard Bulmahn und ihr russischer Amtskollege Andrej Fursenko am Montag das Deutsche Historische Institut (DHI). Die wechselvolle, über lange Zeit schmerzhafte deutsch-russische Geschichte seit dem 18. Jahrhundert sollen deutsche und russische Wissenschaftler dort gemeinsam erforschen – unter der Leitung des Osteuropahistorikers Bernd Bonwetsch. Der Militär- und Revolutionsforscher lehrte bis 2003 Osteuropäische Geschichte an der Ruhr-Universität Bochum und bereitete seitdem die Gründung des Moskauer Instituts vor. Jetzt kann er die Arbeit in Räumen des Akademie-Instituts INION mit zwei deutschen und zwei russischen wissenschaftlichen Mitarbeitern aufnehmen.

Warum hat es so lange gedauert, bis sich der Traum der Russlandforscher erfüllte? Anfang der 90er Jahre war es nicht Moskau, sondern Warschau, das den Zuschlag der Bundesregierung bekam. Die Rolle des polnischen Nachbarn bei den friedlichen Revolutionen in Osteuropa und in der DDR galt es eher zu würdigen als das russische Experiment mit noch ungewissem Ausgang.

Die Initiative, den Moskauer Traum doch noch zu erfüllen, kam schließlich von zwei privaten Förderern, der Zeit- und der Krupp-Stiftung. Getragen wird das DHI Moskau zwar wie die anderen sieben Deutschen Historischen Institute – unter anderem in Rom, Paris und Washington – von der Bundesstiftung Deutsche Geisteswissenschaftliche Institute im Ausland. Finanziert wird es in den ersten fünf Jahren aber von den beiden Stiftungen mit je 2,5 Millionen Euro. Wenn das DHI eine Bewertung durch den Wissenschaftsrat bestanden hat, soll es vom Bund übernommen werden.

All dies war schon Ende 2002 in trockenen Tüchern – und trotzdem wurde das DHI Moskau eine schwere Geburt. Es waren nicht nur die rechtlichen Bedenken des russischen Apparats gegenüber den privaten Stiftungen und der Akkreditierung der deutschen Forscher. So zögerlich das offizielle Moskau noch immer den Zugang zu bestimmten Archiven gewehrt, so misstrauisch begegnete man auch der Mission der deutschen Forscher. Bonwetsch will durchaus heikle Themen bearbeiten, darunter die „deutsche Frage“. Er ist dabei, die Begegnungen der SED-Führung mit Stalin und seinen Nachfolgern im Kreml und ihre Konsequenzen für die DDR dokumentieren.

In den Jahren vor der Institutsgründung war von der Sorge zu hören, „die Deutschen“ könnten die Lesart der russischen, vor allem der stalinistischen Geschichte diktieren. Probleme mit der offiziellen Geschichtspolitik? Bonwetsch winkt ab. Auch bei schmerzhaften Themen wie dem Stalinismus „gibt es sehr unterschiedliche Auffassungen, nicht einen Block“. Es gebe ja auch unerforschte Gebiete, die weniger brisant geworden seien – wie der Zustrom deutscher Wissenschaftler in die im 18. Jahrhundert gegründete Petersburger Akademie der Wissenschaften. Hier sei früher Forschung verhindert worden, die nationale Ehre der Sowjetunion stand auf dem Spiel.

Und es gibt viele russische Historiker, die sich das DHI ebenso gewünscht haben wie die deutschen Kollegen. Das Institut solle „ein Laboratorium des Austausches“ werden, sagt Akademiemitglied Aleksandr Tschubarjan, Mitvorsitzender der deutsch-russischen Historikerkommission. Russland könne mit Hilfe der Forschungen des DHI von Deutschland „lernen, wie man die Folgen einer Diktatur vorbildlich überwindet“. Für junge russische Historiker, die kein Geld für Bücher haben und in ihren Institutsbibliotheken kaum noch deutsche Fachzeitschriften finden, sei das DHI eine große Chance, Anschluss an die aktuelle Forschung zu finden.

Dass die Bibliothek sich die neuesten Publikationen wird leisten können, verdankt sie einer weiteren privaten Spende: Die Deutsche Bank verspricht 300000 Euro. Forschungsstipendien für deutsche und russische Doktoranden und Habilitanden vergibt das DHI aus seinem Etat. Auf nach Moskau.

Mehr Informationen im Internet:

www.dhi-moskau.org

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