Gesundheit : „In seine Predigten kamen Menschen aus allen Kreisen“

Zu Ehren des katholischen Religionsphilosophen: An der Berliner Humboldt-Universität wird ein Guardini-Lehrstuhl eingerichtet

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Berlin bekommt eine neue Professur. Sie trägt den Namen von Romano Guardini, der von 1923 bis zu seiner Zwangsemeritierung durch die Nationalsozialisten 1939 an der FriedrichWilhelms-Universität Religionsphilosophie und katholische Weltanschauung lehrte. Herr von Pufendorf, Sie sind Präsident der Guardini-Stiftung, die dieses Vorhaben betrieben hat. Wer war Guardini?

Guardini war der vielleicht größte Religionsphilosoph des vergangenen Jahrhunderts katholischer Provinienz. Ich sage das deshalb so vorsichtig, weil er zwar tief in seinem Glauben und seiner Kirche verwurzelt war, aber als ein Suchender, und in diesem Suchen, im Forschen und Lehren hat er einen großen Einfluss gehabt, auch auf Protestanten und Agnostiker, kurz: auf alle geistig-religiös Interessierten. Bei seinen Vorlesungen hier in Berlin sollen die Nicht-Katholiken überwogen haben. Und auch seine damals berühmten Predigten hatten Besucher aus allen Kreisen.

Guardini war studierter Theologe und Philosoph, geweihter Priester, aber er hat sich über Gott und die Welt geäußert …

Das Besondere an ihm war in der Tat die Breite seiner geistigen Interessen. Er hatte seine Wurzeln in der katholischen Jugendbewegung und in der sogenannten Liturgie-Bewegung. Doch er hat auch Bücher über Hölderlin und Rilke geschrieben, über Dante und Mörike, und dabei immer die Zusammenhänge mit dem christlichen Glauben gesucht. Er hat von sich gesagt: Der Ausgangspunkt seines Denkens sei „die Einheit jenes Blicks, der vom Glauben her die lebendige Wirklichkeit der Welt umfasst“.

Und er hat mit seinem Buch „Das Ende der Neuzeit“ , 1950 erschienen und damals ein Bestseller, der Nachkriegszeit eines der orientierenden Stichworte geliefert …

Das habe ich als Primaner von meinem Vater geschenkt bekommen, der übrigens evangelisch war. Man muss wissen, dass Guardini für die Jahrzehnte nach dem Krieg eine der überragenden geistigen Gestalten war. Er bekam den Friedenspreis des Deutschen Buchhandels und war Mitglied des Ordens „Pour le mérite“. Es gehörte zur Allgemeinbildung, ihn gelesen zu haben. Auch mein Vater wollte mit dem Buch meine Bildung befördern. Es hat mich tatsächlich geprägt. Ein Wegbereiter des zweiten Vatikanums ist er übrigens auch gewesen.

Eine Professur für katholische Weltanschauung im mehrheitlich protestantischen Berlin, an einer Fakultät für evangelische Theologie, in dem Teil der Stadt, in dem christliches Denken lange von Staats wegen an den Rand gedrängt wurde? War man da in Tübingen, wo Guardini nach Kriegsende lehrte, nicht schon weiter? Da hatte er einen Lehrstuhl für „christliche Weltanschauung“ …

Wir haben uns nach langen Debatten entschlossen, an den Namen seines damaligen Lehrstuhls anzuknüpfen. Auch aus Achtung vor der seinerzeit nicht leichten Berufung, die von dem preußischen Kultusminister C.H.Becker ausging.

Es gab schon einmal einen Guardini-Lehrstuhl in München, den Hans Maier, der langjährige bayerische Kultusminister, innehatte. Wollen Sie mit München konkurrieren – wo Guardini von 1948 bis 1964 lehrte – , München ergänzen?

Den Münchner Lehrstuhl gibt es leider in dieser Form nicht mehr, seit Hans Maier emeritiert worden ist. Um so mehr sehen wir es als unsere Aufgabe an, die Guardini-Tradition in Berlin wieder aufzunehmen und weiterzuführen.

Die Guardini-Professur beginnt am Freitag mit einer Ringvorlesung, die kein geringerer als Kardinal Lehmann, der Vorsitzende der Deutschen Bischofskonferenz, eröffnet. Eine Ausbildung bietet der neue Lehrstuhl aber nicht an. Was will er?

Er will, ganz im guardinischen Sinne, in die Breite wirken, in der Universität und in der Öffentlichkeit. Er soll die großen Zusammenhänge unserer geistigen und politischen Situation in den Blick nehmen und ihre Strömungen daraufhin abfragen, was katholische Weltanschauung zu ihr beitragen kann. Ergänzt wird diese Absicht – das ist uns besonders wichtig – durch ein Guardini-Kolleg. Es soll die Professur einbetten in ein breiteres Interessen-Feld, zumal in Kunst und Kultur, die unserer Stiftung immer besonders am Herzen gelegen haben. Im Übrigen ist sie bewusst als ein Akt der Ökumene gedacht. In der Liste derer, die den Aufruf zur Wiederbelebung der Professur unterzeichnet haben, finden sich eine Fülle bedeutender Namen aus allen Richtungen.

Die Guardini-Professur reiht sich ein in die Versuche, im neuen Berlin Traditionen des alten Berlin wieder aufleben zu lassen. Sie gehen also ein Wagnis ein.

Ja, aber wir fangen ja nicht ganz bei null an! Wir, die Guardini-Stiftung, hatten uns schon 1987, bei unserer Gründung, vorgenommen, der katholischen Theologie in Berlin eine Heimstatt zu geben. Um so mehr fühlten wir uns nach der Wende zum Handeln verpflichtet. Die Zurückdrängung des Christentums durch den Staatssozialismus und seine Ideologie war ein großer Traditionsbruch in der Mitte Europas. Da soll die neue Professur ein Zeichen setzen.

Die Fragen stellte Hermann Rudolph.

Lutz von Pufendorf (61) ist geschäftsführender Präsident der Guardini-Stiftung. Von 1984 bis 1989 und 1997 bis 1999 war er Staatssekretär der Berliner Senatsverwaltung für Kultur.

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