Gesundheit : Indien: Wieder ein Land des Hungers

Heiko Schwarzburger

Schwindende Ackerflächen, Wassermangel und ausufernde Städte: Auf der 24. Weltkonferenz der Agrarwirtschaftler in Berlin zeichneten die Wissenschaftler eine düstere Prognose für die Produktion von Getreide, Fleisch und Gemüse. Denn die kultivierbare Landfläche schrumpft, während gleichzeitig die Weltbevölkerung rapide wächst. Pessimistische Annahmen gehen davon aus, dass die Getreideernte in der Sub-Sahara bis 2020 um ein Drittel sinken wird. Es fehlt das Wasser für die Felder, die Wüsten dehnen sich aus, fruchtbares Land versteppt.

In Asien sieht es derzeit noch einigermaßen gut aus: China und Indien erwirtschaften zusammen rund ein Drittel der Weltweizenernte und mehr als die Hälfte der jährlichen Reisernte. Bis 2020 wird Indien aber ein Zehntel seiner Getreideerträge verlieren. In China wird die massenhafte Abwanderung der Bauern in die Städte zum Problem. Der erwartete Rückgang der Ernte wird auf zwölf Prozent geschätzt. Deshalb muss China im Jahr 2020 rund 102 Millionen Tonnen Getreide einführen, also doppelt so viel wie heute.

Die Preise gehen in die Höhe

Vor allem die Entwicklungsländer werden sich in den kommenden 25 Jahren weiter vom Produktivitätswachstum in den reichen Ländern abkoppeln. Gleichzeitig wird ihr Bedarf durch die Bevölkerungsexplosion deutlich steigen. Der Zwang, große Mengen Grundnahrungsmittel auf dem Weltmarkt zu kaufen, wird die Preise in die Höhe treiben. Forscher des Internationalen Forschungsinstituts für Landwirtschaftspolitik (IFPRI) sagen voraus, dass die weltweite Getreideproduktion von 1800 Millionen Tonnen im Jahre 1995 auf 2500 Millionen Tonnen im Jahr 2020 steigen wird. Die Weltfleischproduktion wird im gleichen Zeitraum von 198 Millionen Tonnen auf 313 Millionen Tonnen wachsen.

Der Getreidebedarf der Entwicklungsländer dürfte von 54 Prozent auf 59 Prozent der Welternte steigen, bei Fleisch benötigen sie in 25 Jahren rund 61 Prozent aller geschlachteten Tiere. Heute sind es knapp die Hälfte. "Unsere Berechnungen haben ergeben, dass die Entwicklungsländer dann ungefähr 195 Millionen Tonnen Getreide einführen müssen. Heute sind es 88 Millionen Tonnen", prophezeite Mark Rosegrant vom IFPRI. "Das sind 83 Prozent mehr. Bei Fleisch wird die Situation noch dramatischer: Sie werden sechs Millionen Tonnen auf dem Weltmarkt kaufen müssen, mehr als das Siebenfache ihrer heutigen Importe." Die Forscher befürchten, dass die Entwicklungsländer in einer Falle sitzen, aus der sie nur schwer entkommen können. Das liegt vor allem an dem außergewöhnlichen Wachstum der Bevölkerung: Bis zum Jahr 2020 werden 6,8 Milliarden Menschen in den Entwicklungsländern leben, heute sind es 4,9 Milliarden.

Mehr als die Hälfte aller Menschen in Afrika und Asien wird in wuchernden Großstädten wohnen. In Lateinamerika, namentlich Brasilien, sind es heute schon drei Viertel. Im Jahr 2010 wird eine Metropole wie Nairobi fast acht Millionen Tonnen Nahrungsmittel pro Jahr schlucken, heute sind es 4,8 Millionen. Karachi benötigt dann 64 Millionen Tonnen statt 42 Millionen.

Indien verzeichnet heute einen Außenhandelsüberschuss bei landwirtschaftlichen Produkten in Höhe von 17 Milliarden US-Dollar. Bis 2020 wird dort ein Defizit von knapp zehn Milliarden Dollar klaffen. China, das heute Nahrungsmittel für sechs Milliarden Dollar importiert, muss dann fast 38 Milliarden Dollar ausgeben. Das wird den Weltmarktpreis für Weizen und Reis in die Höhe treiben. "Die Pro-Kopf-Versorgung der Bevölkerung mit Lebensmitteln wird im wesentlichen Maße davon abhängen, ob diese Länder überhaupt zahlungsfähig sind", kommentieren die Forscher.

Der Norden bestimmt die Regeln

"Schon heute sind 53 Prozent aller Kinder auf dem indischen Subkontinent unterernährt, mehr als in der afrikanischen Sahelzone." Ungeachtet dieses drohenden Szenarios schotten die reichen Länder ihre Agrarmärkte teilweise gegen die Entwicklungsländer ab. Hans Binswanger ist Direktor für ländliche Entwicklung und leitet das Umweltdepartment für Afrika bei der Weltbank. Er rechnete vor, dass der Export aus den Entwicklungsländern von 19 Prozent im Jahre 1973 auf 28 Prozent im Jahr 1980 stieg und seitdem bei etwa 22 Prozent stagniert. Zwischen 1961 und 1990 nahm der Anteil der landwirtschaftlichen Produkte am Export aus den Entwicklungsländern aber fast um die Hälfte ab. Konnten die Asiaten ihre Einnahmen summa summarum steigern, verschwindet Afrika als Exporteur von Nahrungsmitteln fast von der Landkarte.

Obwohl von 1986 bis 1994 die so genannte Uruguay-Runde tagte, um die Barrieren für den Zugang zum Weltmarkt tiefer zu hängen, bestimmen die entwickelten Länder des Nordens nach wie vor die Regeln, verhängen Einfuhrzölle und Handelssperren. "Den Entwicklungsländern gehen durch die unausgewogenen Handelsbestimmungen jährlich rund 11,6 Milliarden Dollar verloren", meinte Binswanger. "Das ist mehr als durch die erheblichen Restriktionen für den Handel mit Textilien und Kleidung." Er warf den reichen Staaten vor, dass ihre Lippenbekenntnisse zur Unterstützung der Ärmsten auf der Welt oft von der tatsächlichen Hilfe ad absurdum geführt würden.

Binswanger warf den Europäern und Amerikanern vor, ihre eigenen Landwirte zu schützen, indem sie bestimmte Anbauverfahren oder in Ländern der Dritten Welt praktizierte Verfahren der Tierhaltung nicht länger akzeptierten. "Dieser neue Protektionismus betrifft genetisch modifizierte Organismen, Pestizide, bestimmte Typen von Fischernetzen, Praktiken der Haltung von Geflügel oder Rindern sowie Kinderarbeit." Zudem klafft eine technologische Lücke, die die Landwirte auf der nördlichen Halbkugel durch ihre Überlegenheit weiter ausbauen.

Präzisionslandwirtschaft

Bei der so genannten "Präzisionslandwirtschaft" setzen europäische und amerikanische Farmer immer öfter auf Satelliten-gestützte Überwachung ihrer Flächen, auf modernste Methoden der Datenerfassung, Sensorik und Simulation für kleine Teilflächen ihres Landbesitzes.

Eine moderne Saatmaschine mutet heute an wie ein Cockpit aus Star Wars: Sie legt die Samen je nach Bodenbeschaffenheit und Feuchtigkeit aus, ein Bordcomputer übernimmt die Steuerung. Mit sensiblen Sensoren nehmen die Farmer im Abstand weniger Meter zahlreiche Bodendaten auf, die sie in Software zur geografischen Information und Simulation verarbeiten. Heraus kommt ein perfekt abgestimmtes Bearbeitungsmuster, das faktisch jeden Quadratmeter Boden optimiert und die Erträge bei Weizen, Gerste und Soja weiter ausreizt. Allerdings schützt auch diese Hochrüstung die europäischen Bauern nicht vor der großflächigen Erosion der Böden durch zunehmende Trockenheit.

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