Infektionsausbrüche : Zur Qualität in der Intensivmedizin

Das Infektionsrisiko auf einer Intensivstation ist besonders hoch. Viele Patienten könnten besser geschützt werden.

Herwig Gerlach

Grundsätzlich ist die Infektionsgefahr auf einer Intensivstation größer als auf einer peripheren Station. Dies liegt zum einen daran, dass die Patienten bereits mit schweren Infektionen über die Rettungsstellen auf Intensivstationen gebracht werden. Insofern kommen ständig „Infektionen von außen".

Zum anderen werden auch die besonders anfälligen Patienten routinemäßig auf Intensivstationen gebracht, um eine optimale Versorgung ihres Grundleidens zu ermöglichen. Dazu zählen sehr alte Menschen, Immungeschwächte oder Patienten nach besonders umfangreichen Operationen.

In einer großen europäischen Studie wurde 2006 gezeigt, dass etwa ein Drittel aller Intensivpatienten eine Infektion beziehungsweise Sepsis erleidet, aber hierzu gehören eben auch solche, die die Infektion von außen mitgebracht haben. Letzteres ist bei jedem zweiten Sepsis-Patienten der Fall.

Die Sepsis – auch „Blutvergiftung" genannt – ist in der Erwachsenen-Intensivmedizin die Lebensbedrohung schlechthin. Eine wesentliche Frage ist, ob diese Fälle zumindest teilweise durch Prävention vermeidbar wären.

Hygiene allein reicht nicht aus

Dies ist eindeutig zu bejahen, wenn auch mit der Einschränkung, dass dies nur auf bestimmte Zielgruppen zutrifft. Einfach zu handhaben und leider in der Praxis vernachlässigt, sind spezielle Impfungen bei Patienten mit angeborener oder erworbener Immunschwäche. Das sind etwa Patienten, die nach einem Unfall die Milz entfernt bekommen haben; sie sollten einige Wochen später eine Impfung gegen verschiedene Bakterien wie etwa Pneumokokken bekommen. Ähnlich sollte man mit älteren Patienten verfahren: auch sie haben bei schweren Entzündungen nur abgeschwächte Immunfunktionen.

Doch auch im Krankenhaus selbst können erhebliche Verbesserungen erreicht werden. So ist mangelnde Hygiene ein ständiges Problem in der alltäglichen Praxis und ein zweifellos elementarer Ansatzpunkt für Qualitätsverbesserungen. Im Umkehrschluss jedoch zu vermuten, dass allein durch verbesserte Hygiene die Mehrzahl der Sepsisfälle vermieden werden könnte, ist aufgrund der vielen Infektionen von außen und der hohen Zahl an „Risikopatienten" schlichtweg falsch.

Umso wichtiger ist es, eine Sepsis frühzeitig zu erkennen und Therapien schnellstmöglich einzuleiten. Hier zählt jede einzelne Minute. Bei Patienten, die die Sepsis im Krankenhaus entwickelt haben, macht die zunehmende Zahl von resistenten Keimen den Ärzten immer mehr Probleme. Hier müssen alsbald konzertierte Aktionen initiiert werden, die einer breiten Unterstützung auch von Seiten der Politik bedürfen.

Der Autor ist Chefarzt der Klinik für Anästhesie und operative Intensivmedizin am Vivantes Klinikum Neukölln

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